„Mitgeschrieben“ lautete der Titel mit Tagebuchaufzeichnungen aus den 1980er-Jahren, in denen Michael Rutschky intime Einblicke in das intellektuelle Milieu der Bundesrepublik vor der Wende gewährte. Die Fortsetzung führt nun in die Wendezeit von 1988 – 1992. Wir trafen Michael Rutschky in seiner Kreuzberger Wohnung.

Am 9. November 1989 geht das Ehepaar Rutschky ins Kino. Als sie zurückkommen, sehen Sie Schabowskis Pressekonferenz im DDR-Fernsehen und ahnen, dass bald wohl eine historische Party beginnt. „Aber sie gehen ja nicht mehr auf Partys“, heißt es im Tagebuch. Waren Sie nicht neugierig?

Das ist ein Beispiel für die Kraft der Tagebuchform, das veranschaulicht, dass man zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht wissen kann, was passieren wird. Mir leuchteten die politischen Lösungen ein, die nach der Besetzung der Botschaft in Prag gefunden worden waren. Und ich fand es vernünftig, dass die SED nun die Mauer aufmachte. Aber was da kommen würde, das habe ich nicht im Geringsten geahnt.


Dabei gab es genügend Indizien, die man hätte deuten können.

Bei einer USA-Reise traf ich 1988 auf einen amerikanischen Professor für russische Geschichte, Mr. Billington. Der sagt uns das Scheitern der Perestroika voraus, und er prophezeite, dass Gorbatschow die Mauer öffnen werde. Alle, die damals dabei waren, haben anschließend gesagt: Der träumt, der Mann. Das Tagebuch kann uns sehr schön auf diese Form des Nichtwissens verweisen.

Es ist dann anhand der Einträge der nächsten Tage vom November 1989 gut zu erkennen, wie genau sie den politischen Wandel beobachtet haben. Trotzdem hat man das Gefühl, dass sich die Wahrnehmungsformen der schönen 80er-Jahre zunächst bruchlos fortsetzten.

Das gehört ebenfalls zur Logik des Tagebuchs. Man hält an dem fest, was man immer gemacht hat. Das ist ja auch das Problem unseres Berufs. Das Ausrufen von Epochenbrüchen klappt meistens nicht.

Sie waren ohnehin nicht der typische Westdeutsche. Sie kannten die DDR gut und waren oft in Ost-Berlin. Haben Sie als ausgewiesener Zeitdiagnostiker, der Sie spätestens seit Ihrem Buch „Erfahrungshunger“ waren, daran gedacht, dass nun die Stunde des ethnologischen Blicks gekommen war?

Die Verblüffung über das, was man sah, wenn man über die Grenze ging, war authentisch. Das hatte nichts mit methodologischen Überlegungen zu tun. Meine Frau und ich waren über Jahrzehnte mit einer Familie in Ost-Berlin befreundet. Wir haben das Aufwachsen der Kinder der Familie miterlebt, und wir haben auch bemerkt, wie sich die Strenge des politischen Zugriffs immer mehr lockerte. Woraus wir schlossen, dass sich die DDR liberalisierte. Was wir nicht begriffen, war die Lustlosigkeit von alten Männern an der Macht, die zu müde zur Machtausübung waren. Aber der ethnologische Blick wurde dann durch die alltägliche Fremdheitserfahrung, die man auf „Reisen durch das Beitrittsgebiet“ machen konnte, natürlich provoziert.

Ihre Aufzeichnungen heißen, gewiss auch in ironischer Lesart, „In die Neue Zeit“. Die Stärke und der besondere Witz des Buches erwachsen aber aus der Form der mitlaufenden Beobachtung, das beiläufige Notieren. Diese Form der Absichtslosigkeit wiederum entdramatisiert den historischen Umbruch. Hat das Tagebuch auch die Funktion einer Selbstberuhigung?

Es gibt keine Zusammenfassungen, dadurch entsteht der Eindruck der Gleichwertigkeit des Aufgeschriebenen. Viele Tagebücher sind ja letztlich nachträgliche Erfindungen. Helmut Kohls „Mein Tagebuch“ ist das beste Beispiel dafür. Er hat sich von seinen Leuten die Akten auswerten lassen und sich so eine einfache Chronologie seines Tagesablaufs zusammengestellt. Das ist natürlich witzlos. Ich finde, die große Gefahr beim Schreiben von Tagebüchern besteht darin, dass sie zum Schreiben von privaten Leitartikeln verführen. Und das hat mich nicht gereizt. Ich habe, wie es der erste Band bereits nahelegt, einfach nur „mitgeschrieben“.

Trotzdem taucht das Destillat markanter Rutschky-Themen früh auf. Ein Essay handelte davon, wie erst jetzt die DDR entsteht.

Ja, so war es ja zunächst auch. Es gab die ersten freien Wahlen und eine neue Regierung. Als sich dann aber die DDR bald darauf abschaffte, merkten die DDR-Bürger, dass sie etwas anderes waren als die Westbürger. Und so entstand die DDR ganz neu als Erzähl- und Erinnerungsgemeinschaft.

Man möchte natürlich gern in das gegenwärtige Rutschky-Tagebuch schauen. Leben wir in der Zeit eines politischen Umbruchs?

Wir befinden uns immer in Zeiten des Umbruchs (lacht). Es ist nun einmal der Modus der großen Medienerzählung, dass immer etwas Neues passieren muss. Russland, Amerika, das Verhältnis von Männern und Frauen, whatever, überall lauert der Epochenbruch. Es wäre schon viel gewonnen, wenn man mit solchen Diagnosen etwas vorsichtiger umginge.

Wir befinden uns in einem Wahlkampf, der eine neue Partei in den Bundestag bringen wird. Kann man das denn nicht tatsächlich als Umbruch bezeichnen?

Ich verstehe die AfD, auf die Sie anspielen, als eine exilierte CDU. Die Positionen, die die AfD jetzt vertritt, hat die CDU 1982 eingenommen. Was man sagen kann, ist, dass Angela Merkel überhaupt keinen Sinn für Deutsch-Nationales hat. Unabhängig davon, ob Helmut Kohl solchem Gedankengut anhing oder nicht, nahm er das Wählermilieu mit, in dem deutschnational gedacht wurde. Erinnern Sie sich an den Besuch von Reagan auf dem Friedhof von Bitburg, wo auch SS-Leute lagen. Oder denken Sie daran, wie lange die CDU gezögert hat, die Oder-Neiße-Grenze anzuerkennen. Dieser Teil der geschichtspolitischen Beharrlichkeit hat in der AfD eine neue Verkörperung erhalten. Was man sich eingestehen muss, ist die Tatsache, dass der Deutschnationalismus unter Angela Merkel nicht einfach verschwunden ist.

Hat Merkels Fundamentalliberalisierung die AfD erst hervorgebracht?

Ja, das kann sehr gut sein. Eine Schlüsselgeschichte war sicher der Ausschluss des hessischen CDU-Abgeordneten Martin Hohmann aus der Partei. Ich vermute, dass es unter Helmut Kohl nicht dazu gekommen wäre. Der hatte immer ein Gespür dafür, die Rechtsaußen-Fraktion zu binden. Ein gutes Beispiel dafür ist die vorübergehende Idee, Steffen Heitmann zum Bundespräsidenten wählen zu lassen. Das war natürlich eine besondere Pointe, dass in diesem Fall der radikale Deutschnationale aus dem Osten kam. Das ging aber derart schief, dass schließlich Roman Herzog antreten musste.

Es ist also nicht anzunehmen, dass die bevorstehende Wahl eine politische Veränderung mit sich bringt?

Es wird sicher etwas völlig Neues kommen müssen, wenn Merkel aufhört. Dann werden die Karten neu gemischt. Aber so lange sie weitermacht, regiert business as usual, und das gar nicht so schlecht.

Das sagt ein bekennender Stammwähler der SPD?

Merkel hat ja viele überraschende neue Dinge umgesetzt, die auch Sozialdemokraten vorgeschwebt haben. Die Abschaffung der Wehrpflicht, die Energiewende, die Einführung der Ehe für alle – das sind ja alles linke und grüne Forderungen. Die Partei folgt Merkel, weil sie Wahlen gewinnt. Der CDU ging es selten darum, programmatische Debatten zu führen. Sie hat sich immer dafür interessiert, Wahlen zu gewinnen.

In Deutschland sind die Verhältnisse einigermaßen überschaubar, in den USA oder Großbritannien vollziehen sich indes dramatische Wandlungsprozesse.

Ja, die beliebte Formel dafür lautet: soziale Spaltung. Die ist auf Österreich genauso anzuwenden wie auf Kolumbien oder die Situation an der Berliner Volksbühne. Alles ist hochgradig gespalten. Ich finde die Formel aber nicht sonderlich informativ. Spaltung ist nun einmal die Voraussetzung dafür, dass gesellschaftliche Prozesse in Gang kommen. Es scheint ein politischer Urmythos zu sein, dass früher einmal der Zustand der Einigkeit geherrscht hat. Und dann kam ein fremder Stamm oder später das Kapital, das diese Einheit beendete. Solch eine Erzählung ist natürlich Quatsch. Die Spaltung ist ursprünglich, ohne sie keine Politik. Die Sehnsucht nach Einigkeit ist nicht minder problematisch als die soziale Spaltung. Ralf Dahrendorf hat das in seinem Buch „Gesellschaft und Demokratie Deutschland“ bereits 1965 erkannt. Ich glaube auch gar nicht, dass der Staat viel zum Ausgleich von politischen Machtverhältnissen tun kann. Die Triebfeder der gesellschaftlichen Mobilität ist der Konflikt. Wir leben nicht in ruhigen Zeiten. Und das ist auch gut so.