Der seit 1995 in Zürich, Moskau und Berlin lebende russische Schriftsteller Michail Schischkin, 52, schämt sich für die Entwicklung in seinem Land und verweigert in seinem offenen Brief an die Föderale Agentur für Presse und Massenkommunikation seine Teilnahme an der offiziellen Schriftstellerdelegation für die New Yorker Buchmesse BookExpo America vom 30. Mai bis 1. Juni

Herr Schischkin, Sie haben wichtige russische Preise erhalten, zuletzt für Ihren inzwischen in 26 Sprachen übersetzten Roman „Briefsteller“ den hochdotieren Preis Bolschaja Kniga, das große Buch. Nun lehnen Sie aus „ethischen Erwägungen“ die Einladung zur Teilnahme an der offiziellen russischen Schriftstellerdelegation unter Hinweis auf die Situation im letzten Jahr ab. Warum? Was hat sich so sehr geändert in Russland?

Die Ereignisse des letzten Jahres haben die Situation in Russland stark verändert. Anstoß der Protestbewegung waren die verfälschten Parlamentswahlen. Auch die Präsidentschaftswahlen wurden zur Farce. Die Verachtung der total korrumpierten Macht dem eigenen Volk gegenüber hat die Menschen empört. Anstatt in Dialog mit der Opposition zu gehen, hat das Regime die „Schrauben angezogen“. In den letzten Monaten hat die Regierung der entstehenden Zivilgesellschaft den Krieg erklärt. Die illegitime Duma verabschiedet Gesetze, die das Land in das Mittelalter zurückwerfen. In Gefängnissen sitzen Dutzende politische Häftlinge. Die Gerichte sind zu Handlangern der Machthabenden geworden. Und das staatliche Fernsehen, die einzige Informationsquelle für die Mehrheit der Bevölkerung, baut das alte Weltbild wieder auf: Russland, das Heilige Land, ist von Feinden umzingelt; nur der starke Mann Putin kann dem Chaos und dem Westen widerstehen; die Unzufriedenen sind allesamt Agenten des Westens. Dieses offizielle Russland will ich nicht vertreten.

In den letzten Tagen sind Nichtregierungsorganisationen wie auch die Friedrich-Ebert-Stiftung in Moskau und die Konrad-Adenauer-Stiftung in St. Petersburg durchsucht worden. Ist das ein Beispiel für die Auswirkungen der jüngsten Gesetze?

Genau. Hunderte und Tausende von NGOs in Russland wurden über Nacht zu „ausländischen Agenten“. Die Worte haben ja den Beigeschmack der Stalin-Zeit! Die deutschen Stiftungen haben den Dialog mit Putins Regierung gesucht und nun wurden deren „Agenten“-Computer beschlagnahmt.

Sie bezeichnen das russische System als Diktatur des 21. Jahrhunderts. Wie sieht diese Diktatur aus?

Ja, wir haben in Russland eine Diktatur des 21. Jahrhunderts: Die Grenzen sind offen und alle, die mit dem Regime unzufrieden sind, können gehen. Die Mehrheit der Bevölkerung wird durch das Fernsehen manipuliert und die Intellektuellen sind verbannt in das Internet-Ghetto. Auf den oppositionellen Webseiten können sie unbehelligt ihren Frust austoben, aber das Fernsehen verbreitet in dem gigantischen Land nur die Information, die das Regime für nötig hält.

Wir haben eigentlich eine sehr eigenartige Situation: zwei Nationen, die sich Russen nennen, russisch sprechen und das gleiche Territorium bewohnen, aber mental ganz unterschiedlich sind. Der größte Teil der Bevölkerung glaubt dem Fernsehen, dass das Ausland das einzige Ziel hat, Russland zu vernichten, und nur der Vater der Nation es retten kann. Der viel kleinere Teil der Bevölkerung lebt vor allem in den Großstädten, hat höhere Bildung und ist bereits viel in der Welt gereist. Dieses Russland meint, dass wir uns den europäischen liberalen Werten schnellstens anschließen müssen. Diese Russen glauben, dass wir zur Weltvölkerfamilie gehören und die demokratische Gesellschaftsordnung auch bei uns einführen müssen.

Fürchten Sie, dass die Schriftsteller gezielt zu politischen PR-Zwecken aus dem ,Ghetto‘ herausgeholt werden?

Die Föderale Agentur für Presse und Massenkommunikation, unser Propaganda-Ministerium, hat die Aufgabe, das ins Schwanken gekommene Image von Putins Russland zu polieren, dazu bieten sich die Internationalen Buchmessen sehr gut an. Es ist die Pflicht jeden Staates, eigene Schriftsteller im Ausland zu unterstützen, Beiträge für die Übersetzungen zu zahlen, Autoren zu Buchmessen einzuladen etc., aber das Regime in Russland missbraucht die Schriftsteller zu seinen Zwecken. Als Teil einer offiziellen Delegation repräsentiert man ja nicht nur sich selbst und seine Bücher, sondern auch das offizielle Russland. Ich will „das menschliche Antlitz“ des Regimes nicht spielen und werde meine Bücher am russischen Stand nicht unter Putins Porträt vorstellen. Ich will nicht missbraucht werden.

"Mein Brief schlug ein wie eine Bombe"

Wie haben Ihre russischen Schriftstellerkolleginnen und -kollegen auf Ihren Brief reagiert?

Es hat mich sehr gefreut, dass mein Brief in Russland wie eine Bombe einschlug. Offensichtlich habe ich den Nerv der heutigen Gesellschaft getroffen und die scharfe Diskussion über das Verhalten der Intellektuellen dem Regime gegenüber provoziert. Leider haben wir in der letzten Zeit oft erlebt, dass bekannte Theaterleute, Dirigenten und andere Künstler öffentlich ihre Loyalität gegenüber Putin bekundet haben. Die kulturellen Einrichtungen hängen vom Staat ab und jeder hat Angst vor Putins Rache. Deshalb war ich sehr froh, dass mein Brief eine Welle von Unterstützung ausgelöst hat.

Auf der Webseite von „Radio Echo Moskau“, der Hauptinformationsquelle für die Intellektuellen, wurde eine Befragung durchgeführt und 90 Prozent der Befragten haben meine Position unterstützt. Die öffentliche Unterstützung kam von den Menschen, deren Meinung für mich bedeutend ist, wie von Boris Akunin, dem wichtigsten oppositionellen Schriftsteller. Die Schriftsteller, die mit der offiziellen Delegation zu der Buchmesse nach Amerika gehen wollten, hat mein Brief vor ein Problem gestellt. Am klarsten hat das Olga Slawnikowa formuliert: Schischkin ist frei und kann frei entscheiden, aber „wir hier sind Geiseln der Macht“. Leider richtet sich der Frust mancher Autoren in Russland nicht gegen das Regime, das sie als Geiseln genommen hat, sondern gegen den Autor des Briefes mit der Absage, dieses Regime zu repräsentieren. Das ist ein bekanntes Phänomen: Die unfreien Menschen können einem freien seine Freiheit nicht verzeihen.

Sie beschreiben in Ihrem Brief einen Gegenentwurf zum aktuellen Russland. Diese Utopie liest sich wie die Verfassung etwa der Schweiz oder Deutschlands. Was aber kann denn Russland nun zur Demokratie führen?

Ich will ein anderes, freies Russland repräsentieren, ein Land mit freier Presse, freien Wahlen und freien Menschen. Und die einzige Waffe der Opposition in Russland ist die Information, das freie Wort. Schreiben und Lesen in Russland ist jetzt wie früher der Kampf für die menschliche Würde. Ohne die Texte, die im Internet geschrieben und gelesen werden, wäre die Protestwelle der letzten Monate in Russland nicht möglich. Wichtig ist, dass immer mehr Menschen in Russland freie Information bekommen. Als russischer Autor darf man nicht schweigen. Ich glaube, nur das freie Wort kann Russland zur Demokratie führen.

Das Gespräch führte Martha Schmid.