Am Freitag wurde Neil MacGregor in Weimar die Goethe-Medaille verliehen. In seiner Dankesrede bezeichnete er Klaus-Dieter Lehmann, den Präsidenten des Goethe-Institutes, als Prospero. Wie der Zauberer und Visionär aus Shakespeares „Sturm“ hat dieser die Idee des Humboldt-Forums ins Leben gerufen.

Im Frühjahr wurde MacGregor, Direktor des British Museums in London, zum Leiter der Gründungsintendanz des Berliner Humboldt-Forums berufen. Zusammen mit dem Leiter der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, und Horst Bredekamp von der Humboldt-Uni wird er das Konzept für den Inhalt des Humboldt-Forums erarbeiten. Wir treffen uns in Weimar, er spricht hervorragend Deutsch, trotzdem entschuldigt er sich mit seinem umwerfend diplomatischen Charme für mögliche Fehler. Das Gespräch wird oft durch Gelächter unterbrochen.

Und welche Figur spielen Sie selbst in Shakespeares Dramen?

Jeden Tag eine andere. Heute fühle ich mich wie Orlando, der Glückspilz in „Was ihr wollt“, dem alles gelingt. In Weimar mit der Goethe-Medaille geehrt zu werden, ist eine kaum zu glaubende Ehre, wenn man Germanistik studiert hat. Das ist ein Traum.

Was verbinden Sie mit Goethe?

Was verbindet die ganze Welt mit Goethe? Für mich als Museumsmann ist die Idee von Goethes Sammlung besonders wichtig. Goethe wollte die ganze Welt sammeln, um diese Welt besser studieren, besser verstehen zu dürfen. Das war natürlich das Ideal der Aufklärung. Das ist dasselbe Ideal, welches das British Museum geprägt hat. Es war dem Parlament im 18. Jahrhundert sehr wichtig, dass alle Bürger die Gelegenheit haben, für sich selbst ein Weltbild zu finden. So, und nur so, glaubte man, könne man einen Weltbürger schaffen. Von Anfang an sollte das British Museum allen offen stehen – kostenlos. Wenn man Goethes Sammlung sieht, ist man immer noch verblüfft, wie er die ganze Welt, die ganze Menschheit umfassen – oder sagt man umzufassen? – wollte. Unmöglich, diese Sprache! Das ist immer noch inspirierend und vor allem jetzt in einem Europa, wo die Ignoranz der Außenwelt, des Fremden so stark wütet. Goethes Sicht ist heute wichtiger denn je.

In einem Blog der Klassikstiftung schreiben Sie, dass die Briten mit Weimar eher Bauhaus verbinden.

Die meisten Briten lesen nur wenig deutsche Literatur. Wenn doch, assoziieren sie vor allem Schiller, dessen Stücke immer noch viel bei uns gespielt werden. Faust, das kennt man, aber das liest man nicht. Durch das spätere Exil der Bauhaus-Künstler hat das Bauhaus unsere Vision der Welt geprägt und umgestaltet.

Von Goethe zu Humboldt. Sie werden in Berlin das Konzept für ein Haus entwerfen, das ein Fake-Preußenschloss ist, kein Museumsbau …

Wie der Louvre. Oder der Vatikan. Das ist so auf dem Festland. Meine Verantwortung ist für den Inhalt. Das Gebäude ist schon Teil der immer werdenden Geschichte Berlins geworden. Was so hinreißend ist, dass Berlin sich immer durch die Architektur neu denkt.

Für das Humboldtforum geistert der Begriff des Shared Heritage, des gemeinsames Erbes, herum. Wie kann ein nicht nur eurozentrischer Blick der durch Kolonialismus erworbenen Artefakte vermittelt werden, ohne dass die nonverbale Magie der Objekte verloren geht?

Das ist die große Herausforderung – ich werde es Ihnen in zwei Jahren erzählen. Die zwei oberen Etagen des Schlosses werden den asiatischen und ethnologischen Sammlungen gewidmet. Im Erdgeschoss werden die Flächen allen Kulturen und Sammlungen Berlins offen stehen, da wird es möglich sein, eine Geschichte der ganzen Welt zu zeigen.

Herr Bredekamp spricht gerne von der Wunderkammer. Das ist ein historisches Modell und gerade das Gegenteil von Kontextualisierung. Das ist Staunen vor dem Exotischen, Bizarren des Fremden. Ohne seine Herkunftsgeschichte.

Das Staunen führt zu Nachdenken und das zu einer Idee der Welt und zur Frage, wo der Besucher in der Welt steht. Die Opposition finde ich nicht so radikal.

Sie haben große Erfahrung damit, anhand von Objekten Geistesgeschichte zu erzählen. Und Sie sind wohl auch deshalb der Wundermann für Berlin, weil Sie es geschafft haben, die Restitutionsforderungen an den Parthenon-Fries und die Elgin Marbles zurückzuweisen, indem Sie sie zu allen gehörender Weltkultur erklärt haben.

Es gibt Shared Heritage, aber vor allem gibt es Shared Experience. Die Menschheit findet sich überall auf der Welt mit denselben Problemen konfrontiert. Unter verschiedenen Umständen, mit verschiedenen Mitteln. Für mich ist der Ausgangspunkt, den Menschen klarzumachen, dass es zum selben Problem viele Antworten geben kann. Eine Sammlung wie die des British Museums oder der Stiftung Preußischer Kulturbesitz bietet die Möglichkeit zu sehen, wie anderswo und in einer anderen Epoche andere Leute zu anderen Lösungen gekommen sind, die jetzt vielleicht nutzbar sind. Das ist das revolutionäre Potential dieser Sammlungen: Die anderen Denkarten kennenzulernen.

Ein Beispiel?

Ganz einfach: Wie soll man mit dem Tod umgehen? Wie soll man sich und die anderen auf den Tod vorbereiten, was bedeutet es zu sterben? Jede Gesellschaft ist zu anderen Antworten gekommen. Wir haben in Europa keine klare Idee davon, wie man mit dem Tod umgehen soll. Die Frage ist immer: Wie hat man das anderswo und zu einer anderen Zeit gemacht?

Es wären in Berlin also Themenausstellungen vorstellbar?

Entschuldigung, darüber möchte ich nicht sprechen. Ich bin noch gar nicht da. Es ziemt sich nicht, ohne den Kollegen zugehört zu haben, darüber zu sprechen.

Sie haben in London eine Ausstellung zu Deutschland gemacht. Eine der Überschriften lautete: „Das deutsche Herz ist aus Metall“, was die deutsche Präzisionsarbeit anging, Made in Germany ...

Nein, nein, das stammt nicht von mir. Es hieß „The Sound of Germany is the Sound of Machines“. Das ist etwas anderes. Eine der ältesten Traditionen deutscher Länder ist genau diese Fähigkeit, mit Metall umzugehen. Die Mechanik, die Uhren, die Motoren, Volkswagen. Vorsprung durch Technik. Das ist bei anderen Nationen sichtlich nicht der Fall.

Was fasziniert Sie an Deutschland? Sie waren als 16-jähriger Austauschschüler in Hamburg.

Dass Deutschland musterhaft mit seiner sehr schwierigen Geschichte umgeht. Die Briten wollen gewöhnlich nicht die schwarzen Kapitel ihrer Geschichte nah anschauen. Wir lernen in der Schule, dass wir den Sklavenhandel abgeschafft, aber nicht, wie wir davon jahrzehntelang profitiert haben. Genauso behandeln wir die Kolonialgeschichte. In Deutschland ist das ganz anders. Seit mindestens einer Generation hat Deutschland den Mut, mit den unvorstellbarsten Kapiteln seiner Geschichte umzugehen. Mahnmale, das Wort haben wir nicht einmal. In der Mitte der Hauptstadt ein Mahnmal der eigenen Schande zu errichten, das hat kein anderes Land gemacht.

Sie halten hier in Weimar einen Vortrag zum Thema „Der Geist der Geschichte“ Das klingt nach Hegel, Ranke, Wieland ...

Nein, nein, das ist zu hoch. Das war mein Titel nicht. Das ist das Thema des Kunstfestes Weimar. Ich möchte davon sprechen. wie unterschiedlich die Idee der Geschichte ist. In Deutschland ist sie viel gesünder. Wir nutzen Geschichte, um uns besser und bequemer zu fühlen, nicht, um davon zu lernen. Die geerbte Geschichte Großbritanniens ist ein Versuch, die Gewalt, die inneren Kämpfe zu verschweigen. Darüber wollen wir nicht sprechen. Die Geschichte bietet uns ein Selbstbild, das uns beruhigt. Deutschland hat das abgelehnt. Das war meine große Entdeckung in Hamburg als Schüler, dass meine Zeitgenossen eine ganz andere Idee von der Welt und der Geschichte hatten als ich. Für unsere Eltern waren das ganz verschiedene Kriege gewesen. Wir sahen verschiedene Welten. Es geht darum zu verstehen, dass sich jedes Land seine Geschichte umbildet zu seinem gegenwärtigen Zweck. Es geht um eine Vielheit von Geschichte. Wenn man das erkennt, dann sieht die Welt ganz anders aus.

Sie sind auch an der Neukonzeption eines Kolonialmuseums in Mumbay engagiert. Was machen Sie dort?

Das ist keine Kolonialsammlung. Die Briten führten in Indien die religiöse Toleranz ein, und so war es den Parsen möglich, Handel zu führen und sehr reich zu werden. Die waren britischer als die Briten, sie wurden von Queen Victoria geadelt.

Diese Parsen haben in Mumbay Artefakte aus Asien, Japan und auch Europa gesammelt. Und so das einzige Universalmuseum der Welt geschaffen. Die Herausforderung jetzt ist, mit dieser Sammlung und dem British Museum dort ein wirklich enzyklopädisches Museum der Welt zu gestalten – als Experiment.

Die indischen Kollegen wählen Sternstunden ihrer Geschichte aus, wir steuern Objekte aus Ägypten, Mesopotamien, Mexiko bei. Die Idee ist, dass jeder Inder von einem ihm schon vertrauten Ausgangspunkt die Welt zu diesem historischen Zeitpunkt erfahren kann. Die Geschichte Indiens in einem globalen Kontext, von den Indern erzählt. Andere Geschichten durch dieselben Objekte erzählen zu lassen. Nur in Museen gibt es die Möglichkeit, Nationalgeschichten im Rahmen einer Globalgeschichte vorzustellen.

Das Gespräch führte Sabine Vogel.