Frances ist Ende 20 und lässt sich treiben. Sie träumt von einer Karriere als Tänzerin, einem tollen Appartement in Manhattan und einem Mann. Doch das klappt alles nicht so richtig. Auf der Suche nach sich selbst verliert Frances dennoch nicht den Mut. In tollen Schwarz-Weiß-Bildern zeichnet der US-Regisseur Noah Baumbach ("Greenberg") nicht nur das Porträt einer Frau, sondern das einer erst spät erwachsen werdenden Generation in der Krise. Darüber sprachen wir mit ihm.

„Frances Ha“ ist ein Film über Freundschaft. Würden Sie sagen, dass Freundschaften heute haltbarer sind als Liebesbeziehungen?

Ich habe sehr enge Freunde seit meiner Kindheit und sehe sie fast als eine Art Familie. Das Gleiche gilt für Greta Gerwig, meine Hauptdarstellerin und Ko-Autorin des Drehbuchs, und ihre Freunde aus der Studienzeit. Aber als ich Ende 20 war, gab es eine Phase, in der meine Freundschaften in Gefahr gerieten, weil man ernsthafte Beziehungen einging. Darüber habe ich viel nachgedacht, als ich „Frances Ha“ geschrieben habe. Für Greta ist dieses Problem gerade ganz aktuell.

Frances will nicht akzeptieren, dass ihre beste Freundin jetzt mehr Zeit mit ihrem Partner verbringt. Das ist ein Symptom dafür, dass sie nicht erwachsen werden will. Um dieses Thema geht es in vielen US-Komödie der letzten Jahre – nur stehen da immer Männer im Mittelpunkt. Wollten Sie sich da abgrenzen?

Ich habe „Frances Ha“ nicht als Gegenentwurf zu diesen Filmen geplant. Mein Debüt „Kicking and Screaming“ handelt von Männern, die damit kämpfen, erwachsen zu werden. Mich interessiert das Problem sowohl von weiblicher als auch männlicher Seite.

Wie schaffen Sie es eigentlich immer wieder, kleine, peinliche Alltagssituationen so treffend darzustellen?

So sehe ich halt die menschliche Interaktion: als zumeist peinlich. Das mache ich nicht bewusst, das kommt einfach dabei heraus, wenn ich Szenen schreibe, in denen sich Menschen begegnen. Wenn ich eine Abschrift eines meiner Tage hätte, wäre sie voll von solchen Momenten. So sehe ich einfach die Welt.

Der Rhythmus Ihres Films ist sehr auffällig: Beschwingte Montage-Sequenzen wechseln mit langen Dialogen. War das im Drehbuch schon so angelegt?

Ja, vielleicht kann man das ein bisschen mit einem Song von Nirvana oder den Pixies vergleichen, in dem schnelle und langsame, laute und leise Passagen wechseln. Der Soundtrack besteht vor allem aus alter Musik des französischen Filmkomponisten Georges Delerue. Wir haben unter anderem Musik aus Truffauts „Sie küssten und sie schlugen ihn“ und „Schießen Sie auf den Pianisten“ verwendet.

Dazu passt, dass „Frances Ha“ in Schwarz-Weiß gedreht wurde. Was war der Grund dafür?

Durch das Schwarz-Weiß wirkt er zugleich alt und neu. Man denkt dabei an alte Filme, aber es fühlt sich auch frisch an, weil man das nicht mehr oft sieht. Aber diese Spannung besteht nicht nur im Hinblick auf das Schwarz-Weiß. Wir haben „Frances Ha“ klassisch und streng gedreht. Es sollte sich nach großem Kino anfühlen, nach Romantik. Daher auch die Musik von Delerue.

Soll „Frances Ha“ eine Hommage an die Nouvelle Vague sein?

Er soll den Geist der Nouvelle Vague einfangen. Ich liebe die Filme von Truffaut und Rohmer, sie wirken so leicht dahingeworfen, aber das täuscht. In Wirklichkeit sind sie sehr kontrolliert und gut gemacht. Sie sind außerdem lustig, schräg und traurig. Alles, was ich am Kino liebe, ist in ihnen zu finden. In allen meinen Filmen versuche ich, diesem Beispiel zu folgen. Durch das Schwarz-Weiß und den beschwingten Rhythmus, ist die Verbindung bei „Frances Ha“ vielleicht eindeutiger als bei meinen früheren Werken.

Wie lief die Zusammenarbeit mit Greta Gerwig am Drehbuch ab?

Die Idee für das Drehbuch war anfangs sehr allgemein: eine junge Frau in ihren Zwanzigern in New York. Ich bat Greta, mir Anregungen zu schicken. Es dauerte etwas, dann kam aber diese lange Mail mit allen möglichen kleinen Ideen, etwa für die Szene, in der Frances entscheiden muss, ob sie am Geldautomaten Gebühr bezahlt oder einen anderen Automaten sucht. Kleine Szenen, die aber viel über die Figur und unsere Zeit aussagen.

Gab es beim Dreh Raum für Improvisationen?

Nein, ich improvisiere nie in meinen Filmen. Ich brauche sehr lange, um ein Drehbuch auf den Punkt zu bringen. Dann sollte man auch beim Dreh ernsthaft versuchen, das umzusetzen.

Ich frage, weil das Spiel von Greta Gerwig so wirkt.

Darin ist sie sowohl als Schauspielerin als auch als Drehbuchautorin gut. Die Dialoge sind sehr strukturiert, aber auch so geschrieben, dass sie sich wie eine echte Unterhaltung anfühlen.

Sie hat außerdem ein großes Talent für physische Komik. Auch wenn sie im Film eine Tänzerin spielt, ihre körperliche Ungeschicklichkeit sorgt für viele Lacher.

Sie macht im Film Modern Dance, und bei dieser Art von Choreografien liegt – ähnlich wie bei den Dialogen – die Schönheit oftmals in der Unbeholfenheit.

Interview: Sven von Reden

Frances Ha USA 2012. Noah Baumbach, Drehbuch: Noah Baumbach, Greta Gerwig, Kamera: Sam Levy, Darsteller: Greta Gerwig, Mickey Sumner, Michael Esper u.?a.; 86 Minuten, Schwarz-Weiß.