Siebzig Jahre Leben, fünfzig Jahre auf der Bühne und zum Geburtstag ein neues Album: „Jetzt!“ − Peter Maffay hat Grund zu feiern. Und er will keine Zeit verlieren. Vor neun Monaten kam die jüngste Tochter Anouk auf die Welt, die Beziehung zu seiner aktuellen Partnerin Hendrikje Balsmeyer, 32, ist auch noch frisch, da will er nicht trödeln. Peter Maffay zeigt sich wie immer als eisenharter, disziplinierter Arbeiter, nicht nur auf der Bühne und im Studio, sondern auch bei der Vermarktung. Eine Woche lang hat er Interviews in München, Berlin und im Ruhrgebiet gegeben, die Tage sind randvoll. Auch regionale Medien werden bedacht. So etwas fiele Udo Lindenberg schon lange nicht mehr ein, Grönemeyer hat die Praxis gar nicht erst eingeführt. Aber es versteht sich ja auch sonst niemand als so nahbar und als Kämpfernatur wie Peter Maffay. Im September geht er sogar auf Autogrammstunden-Tournee.

Peter Alexander Makkay siedelte als 13-Jähriger mit seiner Familie aus Siebenbürgen nach Deutschland über und wurde 1969 auf einer Münchner Kleinkunstbühne von Roswitha Kunze entdeckt, seit Jahrzehnten Ehefrau des Autors und Liedtexters Michael Kunze. Kunze schrieb damals einen klasse Text für den Schlager „Du“, der Peter Maffay auf einen Schlag berühmt machte. Nur, dass der Schlagersänger sehr bald keiner mehr sein wollte, sondern ein Rockmusiker mit eigenen Titeln.

Peter Maffay wehrte sich gegen Schlager-Image

Hat geklappt. Trotzdem wehrte er sich Zeit seines Lebens gegen das frühe Image. Er zählte längst zu den erfolgreichsten deutschen Popmusikern, als er „Du“ irgendwann wieder zu sich auf die Bühne ließ. Nun thront es neu arrangiert und selbstverliebt neben „Sonne in der Nacht“ und „So bist du“ auf Maffays Liste der Unsterblichkeitssongs. Es will da nicht mehr weg.

Das Album „Jetzt!“ liegt zu Maffays Medientagen noch nicht als CD vor, einige Titel werden Journalisten schubweise im Berliner Hansa-Studio vorgespielt. Dazu gibt es einen Film über die Entstehung des Albums. Bei der Musik handelt es sich leicht erkennbar um Maffay – mit gefühligen Balladen, lautem Gitarrenrock, die meisten Songs von ihm selbst. Einer handelt von Gott. Angeblich werden neue Wege gegangen, „weg von alten Spielmustern“ – aber nach dem ersten Hören merkt man davon nichts. Etliche Texte machen nicht mal Anstalten, vom unerschrockenen Schlagerkitsch abzurücken: „Alles, was ich brauche, ist Luft und Liebe“ oder „Ich würd’ noch hunderttausend Mal mein Herz an dich verschenken – für einen Kuss dafür“. Ein anderer Titel indes ist sehr griffig und melodiös, stellt den politischen Anspruch des Albums heraus: „Morgen“.

Peter Maffay war begeistert vom Ost-Publikum

Das Video dazu steht schon online und zeigt ein martialisches Weltuntergangsszenario, in dem Hitler, Nazis, Erschießungen, Atombomben, Giftgas vorkommen, aber auch Massentierhaltung, Großwildjagd, Rassenhass und Muskelgeprotze. Es geht also gegen alles und zwar sofort. Kinder singen ernst und streng mit Peter Maffay: „Woll’n wir wieder warten, bis der Morgen kommt?“

Ich traf Peter Maffay zum ersten Mal 1986 in einer Garderobe der Stadthalle Suhl – er war begeistert vom Ost-Publikum, rauchte wie ein Schornstein und neben dem Schrank stand eine Flasche Whiskey. Dass sich das Gespräch in der DDR-Zeitung so strohtrocken las, lag nicht an ihm. Beim nächsten Treffen 1992 missfiel ihm, dass ich seine Texte so platt fand. Noch später gab er nur noch Interviews, die er autorisieren kann. Er behält gern die Kontrolle, erst recht, seit er in den späteren 90er-Jahren Whiskey und Zigaretten aus seinem Leben verbannte und viel Zeit im Kraftraum verbringt. Heute also ein eigentlich auf 15 Minuten limitiertes Interview mit Peter Maffay. Er kommt in schwarzen Jeans, buntem Kurzarmhemd, das Gesicht indessen hübsch zerknautscht, aber sehr wach. Er wirkt unerhört schmal und durchtrainiert, bittet ausgesucht freundlich ins Studio. Dort spricht er langsam, räuspert sich oft und nimmt jede Frage viel ernster, als sie gemeint war.

Peter Maffay: „Die EU ist eine großartige Idee“

Herr Maffay, Sie rufen in Ihrem Song „Morgen“ dazu auf, nicht mehr zu warten. Erklären auch, dass Sie genug haben vom Posten-Geschacher und dem Polittheater „sogenannter Volksparteien“ in der EU. Gibt es denn Pläne ohne diese Parteien? Sie wollen ja sicher nicht die EU auflösen – was dann?

Nein, wir müssen im Gegenteil den europäischen Gedanken hochhalten, statt ihn zu zertrümmern. Die EU ist eine großartige Idee, doch was manche dieser Volksparteien daraus machen, führt in die Isolation. SPD und CDU halte ich nicht mehr für volksnah. Die einzige Partei mit Kontur sind für mich die Grünen.

Bessere Parteien, vernünftigere Menschen stehen nicht zur Verfügung. Sollte die Rettung der Welt doch die Künstliche Intelligenz übernehmen?

Das hieße ja, dass wir die Künstliche Intelligenz über die natürliche stellen, über Gott! Nein, reine Utopie. Bis jetzt kann sie nicht mal fehlerfrei ein Auto lenken. Es gibt keine Alternative, als etwas zu tun. Wenn wir nicht wissen was, müssen wir es rausfinden. Nur eins können wir nicht: warten.

Peter Maffay: „Härte ist nicht unbedingt ein negatives Prädikat“

Weicheres Thema. Sie geben sich mit Ihren Tattoos, Lederjacken und Motorrädern stets als harter Typ. Ihr Hang zu Perfektionismus und Disziplin ist legendär. Der Gitarrist Carl Carlton, der auch mit Cocker und Lindenberg spielt, sagt über Sie: Kein Chef ist härter. Nur Sie behaupten: Ich bin extrem weich. Legen Wert darauf, so zu bleiben. Was verstehen Sie unter weich?

Für mich ist das eine konstruktive, eine sensible Haltung gegenüber Menschen, die Harmonie über Konfrontation stellt. So bin ich. Ich kann das beurteilen, ich lebe ja seit 70 Jahren mit mir und versuche herauszufinden, wer ich bin. Ich bin beharrlich, vielleicht manchmal rechthaberisch. Härte ist ansonsten nicht unbedingt ein negatives Prädikat, kann Disziplin, Organisiertheit und Selbstbewusstsein heißen. Hart geht jeder Sportler mit sich um.

Was für ein Mensch sind Sie? Man kann Ihre Arbeit ja lange verfolgen, Sie bringen regelmäßig wie ein Uhrwerk neue Alben heraus, immer mit denselben treuen Musikern, aufgenommen in demselben Studio. Zugleich jagen Sie vier Ehefrauen in die Flucht, eine immer jünger als die andere. Was stimmt denn da nicht?

Mir gefällt Ihre Diktion überhaupt nicht. Ich habe niemanden in die Flucht gejagt. Ich wollte nie jemandem weh tun. Ich rede nicht gern über Privates. Aber wir haben immer ein gemeinsames Ziel verfolgt. Dass es irgendwann mal in Beziehungen und Freundschaften nicht geklappt hat, hängt mit den unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Entwicklung zusammen, da hat man sich auseinandergelebt. Die Seiten waren dann nicht mehr verzahnbar. Dann halte ich es für richtig, den anderen nicht einzuengen und ihm die Möglichkeit zu geben, einen neuen Ansatz zu finden.

Peter Maffay und der Spiegelstreit

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Die nächste Frage braucht einen erklärenden Anlauf. 2017 berichtete der Spiegel unter der Schlagzeile „Peterchens Irrfahrt“ über Maffays Stiftung auf Mallorca, wo seit 2003 traumatisierte Kinder Ferien verbringen. Das Magazin beschrieb verwahrloste Zustände auf dem Gelände, vermittelte vor allem den Eindruck, die Finca stehe kurz vor dem Verkauf, es würde schon ein Makler über das Gelände geführt. Maffay versuchte, mit vier Gegendarstellungen gegen die Behauptungen vorzugehen, setzte aber keine durch. Die Niederlage konterte er wiederum sehr witzig, indem er süffisant ein Spiegel-Cover mit einem Stinkefinger hochhielt und postete. Man durfte annehmen, die Sache sei für ihn erledigt. Weit gefehlt. Auf eine etwas forsche Frage nach dem Spiegelstreit verfinstert sich Maffays Miene, er schweigt lange und erwägt offenbar, einfach abzubrechen. Tut es nicht. Später erklären mir die Kolleginnen von Maffays Agentur, dass er die Spiegel-Behauptung nicht einfach hätte ignorieren können, um das Medieninteresse niedrig zu halten, weil die dort erhobenen Vorwürfe augenblicklich die Spenden für die Stiftung einbrechen lassen. Einer Stiftung übrigens, die mit sozialen Projekten in drei Ländern aktiv ist und mehr tut, als in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Nun weiter im Interview.

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Herr Maffay, ich habe eigentlich eine neue Gelassenheit an Ihnen beobachtet, lustige Interviews gesehen und zuletzt ein ausgesprochen heiteres Unplugged-Konzert. Geradezu entspannt, nachdem Sie lange so kontrolliert wirkten. Und dann wurden wir zuletzt monatelang von einem Rechtsstreit mit dem Spiegel unterhalten, den Sie auch noch verlieren. Nehmen Sie sich das eigentlich übel? Haben Sie den Anwalt gewechselt?

Wir müssen uns darüber klar werden, wie wir jetzt miteinander umgehen. Ich nehme an, dass Sie die Hintergründe zu dem Artikel nicht kennen.

Peter Maffay: „Der Spiegel hat das nie richtiggestellt“

Ich glaube, alles gelesen zu haben.

Dann müsste Ihnen aufgefallen sein, dass der Text von Alexander Kühn ein Sammelsurium von Konjunktiven ist. Eine Gruppe von Menschen, die für die Stiftung auf Mallorca arbeiteten und von denen ich mich indessen getrennt habe, wurde zusammengebracht, um in einem Chor ein Bild zu erzeugen, das der Autor vorgefertigt hatte. Dagegen musste ich mich wehren. Dass ich vor Gericht keinen Erfolg hatte, ist ein anderes Thema. Der Spiegel hat mit dem Fall Relotius gezeigt, dass unsauber recherchierte Texte vorstellbar sind und veröffentlicht werden. Und der Artikel über die Stiftung war von ähnlicher Machart. Wenn sich so etwas wiederholen sollte, gehe ich genauso dagegen vor. Denn die Stiftung auf Mallorca arbeitet nach wie vor. Unser Ferienhaus für traumatisierte, kranke und benachteiligte Kinder ist dieses Jahr wieder ausgebucht. Es ist erwiesen, dass ich nicht verkaufen wollte. Der Spiegel hat das nie richtiggestellt: Die Finca war nicht gelistet, der Makler hatte keinen Auftrag, die Behauptung blieb Behauptung. Ich habe so eine Erfahrung noch nie gemacht, war erstaunt über die Form der Auseinandersetzung und wie die Rechtsabteilung des Spiegels das Vorgehen abgesichert hat. So konsequent und gekonnt, dass ich dem nichts entgegenzusetzen hatte.

Herr Maffay, Sie sind jetzt ein reicher alter Mann. Gibt es irgendeinen Vorteil, das dieses gemeine Altern mit sich bringt?

Wieso? Ich habe kein Problem mit dem Alter. Keine Gründe, mich zu beklagen, ich hadere nicht, es schränkt mich nicht ein. Ich mache, was ich kann und will. Vielleicht wäre es anders, wenn es mir gesundheitlich nicht gut ginge. Klar, es ist unsicher, ob ich meine kleine Tochter noch als Erwachsene erlebe. Andererseits – mein Vater ist 93. Finden Sie es denn schlimm, dass das Leben endlich ist?

Nein, aber dass man schrumpelig und vergesslich wird. – Sie haben wegen Ihrer Tochter ja schon mit Gott über mehr Zeit in der Zukunft verhandelt, sagen Sie in einem Interview. Was für ein Gott ist das, mit dem Sie da sprechen? Aus der Kirche sind Sie immerhin ausgetreten.

Es ist der eine Gott, der für alle da ist. Ich habe meine eigene Sicht.

Peter Maffay: „Ich bete. Und ich kriege Hoffnung“

Wie kommunizieren Sie?

Ich bete. Es ist die Instanz, die mir hilft, wenn es anders nicht weiter geht. Es funktioniert.

Was denn, es gibt Antworten?

Vielleicht ist es ein Monolog. Ich höre den lieben Gott ja nicht sprechen, weiß nicht mal, wie er aussieht.

Ach, Sie bitten um nichts.

Doch. Und ich kriege Hoffnung.

Welche blieb unerfüllt?

So wie heute können wir als Band zeitlich nicht unbegrenzt spielen, die Energie wird irgendwann fehlen. Die Musik möchte ich in meinem Leben behalten und hoffe auf Kompensation. Mal sehen. Muddy Waters spielt im Sitzen, mein Freund Frank Diez auch.

Sind Sie eigentlich Roswitha Kunze dankbar, dass sie damals ...

… Ja! Bin ich.

Weil Sie nach dem Schlagererfolg eine sehr geradlinige Karriere hinlegen konnten.

Ach, so geradlinig war die nicht.

Peter Maffay: „Der Erfolg ist nicht nur meine Leistung“

Nicht? 50 Jahre auf den großen Bühnen sind doch eine verdammt lange Strecke. Ich habe Respekt.

Nicht meine Leistung.

Oh.

Nur zum Teil meine Leistung. Da draußen sitzt ein Freund, ohne den es zum Beispiel nicht gegangen wäre, Dieter Viering, seit 49 Jahren an meiner Seite. Wenn jemand Stabilität in mein Leben gebracht hat, dann er. Durststrecken wurden geschickt versteckt – vor uns selbst und vor anderen.

Das singen Sie auch auf der Platte, dass Sie hier und da auf den falschen Weg abgebogen sind. Wohin denn?

Eine Auflistung bringt ja nun nichts, aber es gab zum Beispiel diese Phase mit exzessiv viel Alkohol, glücklicherweise nie mit anderen Drogen. Dieser Missbrauch war so destruktiv. Und natürlich hat er geschadet. Er hat Beziehungen ruiniert, Konzerte, Leute verunsichert im Umgang mit mir.

Mit 14 wusste ich, dass alles, was ich anfange, nichts wird, erzählen Sie heute von sich. Was war das für ein Selbstbild?

Na gut, eins von den hundert Dingen funktionierte dann ja doch: die Musik. Das hat gereicht.