Die Sonne scheint durch die gezackten Fenster. Peter Schäfer sitzt in seinem Büro im Daniel-Liebeskind-Bau des Jüdischen Museums Berlin. Von den Zigarren seines Vorgängers, des Gründungsdirektors Michael Blumenthal (88), ist schon nichts mehr zu riechen. Blumenthal hatte sich nach 17 Jahren als Leiter des größten jüdischen Museums in Europa verabschiedet und den Judaisten Schäfer (71) als Wunschkandidaten für den Posten vorgeschlagen.

Herr Schäfer, Sie, der deutsche Goj, also Nichtjude, soll das Jüdische Museum jüdischer machen. Wie soll man sich das denn vorstellen?

Ja, das war eine Pressemeldung nach meiner ersten Vorstellung. Das hat doch schon etwas, oder?

Wird es denn jüdischer?

Natürlich nicht. Es ist schon immer jüdisch gewesen. Was damit wohl gemeint ist, dass jemand mit meinem Hintergrund in Jüdischen Studien diese Kenntnisse stärker einbringen kann. Aber dazu muss ich sagen: Unserer Programmdirektorin Cilly Kugelmann mangelt es auch nicht an entsprechenden Kenntnissen. Gott behüte!

Das gesetzliche Rentenalter haben Sie bereits deutlich überschritten und Ihre Professur in Princeton aufgegeben. Sie hätten es sich gemütlich machen können.

Wenn ich eins hasse, dann es mir gemütlich zu machen. Ich bin ein sehr ungeduldiger Mensch.

Was also reizt Sie an der Aufgabe?

Gute Ideen für ein breites Publikum umsetzen.

Menschen zu begeistern, mussten Sie als Professor in den USA lernen. Wie sieht Ihr Geheimrezept aus?

Man muss rüberbringen, dass man von dem, was man macht, selbst begeistert ist. Es ist nichts tödlicher, als wenn jemand merkt, dass etwas nur Pflichtübung ist.

Was hat Sie denn bei Ihrem ersten Besuch des Jüdischen Museums am nachhaltigsten beeindruckt?

Das waren die Voids, die Leerräume. Die finde ich nach wie vor überwältigend. Da stockt man, das überfällt einen. Sie sind ein starker Kontrast zu der Dauerausstellung, die sehr dicht ist.

Das sollen Sie ja jetzt ändern.

Es ist nicht meine Idee, die Ausstellung zu erneuern, sondern eine, die im Haus schon seit einiger Zeit diskutiert wird. Das wunderbare Team hat mit der Planung schon begonnen. In diesem Prozess kann ich meine Ideen mit einbringen. So werden wir etwa einige lieb gewonnene Stereotypen aufgeben müssen, negative Klischees.

Welche wären das?

Der ewige Kontrast „Christentum gegen Judentum“. Da ist in der Forschung in letzter Zeit viel in Fluss geraten. Das Judentum war nicht nur eine verfolgte Religion, sondern auch handelndes Subjekt. Das wird stärker betont werden.

Also mehr als Ghettos und Pogrome?

Das ist ein wunderbares Beispiel. Ghettos gab es nicht von Anfang an. Im Gegenteil: Juden und Christen haben über weite Teile des Mittelalters eng zusammengelebt. Das ist in der wichtigsten Quelle dem „Sefer Chasidim“, dem „Buch der Frommen“, das etwa Ende des 12. Jahrhunderts verfasst wurde, zu lesen. Nur wurde die hebräische Originalausgabe nie übersetzt. Historiker, die kein Hebräisch können, können das nicht lesen. Da stehen wunderbare Geschichten drin.

Erzählen Sie bitte eine.

Fragt der fromme Jude den Rabbi: Mein Häuschen ist gegenüber der Kathedrale und die Tür sehr niedrig. Wenn ich das Haus verlasse, sieht es aus, als verbeuge ich mich vor dem Gott der Christen. Was soll ich tun? Der Rabbi sagt: Gehe seitlich heraus. – Die Geschichte zeigt, dass Juden eben nicht im Ghetto, sondern sogar gegenüber der Kathedrale wohnten.

Soweit zum Mittelalter. Wie wird die Gegenwart widergespiegelt werden, etwa die Kämpfe in Gaza?

Tatsächlich fragen Besucher oft, wie sich die Gründung des Staates Israel auf das deutsche Judentum und das Verhältnis zu den Nichtjuden auswirkt. Das werden wir stärker berücksichtigen.

Was wollen Sie zu der heiklen politischen Debatte beitragen?

Wir sind ein Museum. Tagespolitik ist nicht unsere Aufgabe. Aber wir können Themen auf unsere Weise umsetzen. Es gab etwa die Debatte über die Beschneidung...

... nach dem Kölner Urteil, das 2012 die religiöse Beschneidung von Knaben als strafbaren Akt wertete...

.. und jetzt kommen wir mit der Wechselausstellung „Haut ab!“ Ein Museum kann eben nicht in drei Monaten eine Schau zu einem aktuellen Thema auf die Beine stellen. Dafür haben wir die angegliederte Akademie.

Akademie klingt recht exklusiv.

Es ist keine wissenschaftliche Akademie, sondern ein Forum für ein breites Publikum zu den Themen Migration, Minderheiten und Diversität. Was ich stärker ausbauen möchte, ist das Jüdisch-Islamische Forum. Es war ein Geniestreich von Blumenthal, den Bildungsauftrag verstärkt in der Akademie zu bündeln.

Wie kamen Sie eigentlich als katholischer Rheinländer 1962 dazu, Judaistik zu studieren?

Das Fach gab es noch gar nicht. Ich habe mit Theologie angefangen, das hat mir aber nicht gefallen. Vor allem, dass Hebräisch als tote Sprache gelehrt wurde. Das war mir ein Gräuel. Ich bewarb mich daher um ein Stipendium für Israel.

Da hat man Sie, keine 20 Jahre nach Kriegsende, sicher nicht mit offenen Armen empfangen.

Ja, das stimmt. Im Studentenheim etwa gab es nur Doppelzimmer, und die israelischen Studenten haben sich geweigert, mit mir zu wohnen. Ich wollte aber jemanden, der Hebräisch spricht. Also bekam ich einen israelischen Drusen. Das war wunderbar und hatte nur einen Nachteil: Seine Freunde kamen abends und redeten die ganze Nacht. Aber so habe ich schnell Hebräisch gelernt.

Michael Blumenthal musste 1939 mit seiner Familie aus Berlin fliehen. Welche Rolle spielte Ihre Familie im Dritten Reich?

Meine Eltern waren sehr katholisch. Mein Vater, er ist vor zwei Jahren mit 94 gestorben, gehörte zu den katholischen Kreisen, die gegen Hitler waren. Er war dort sehr aktiv und ganz bestimmt kein in der Wolle gefärbter Nazi.

Kam das bei Ihrer Wahl zur Sprache?

Nein. Auch in Israel oder in Amerika bin ich nie nach meiner Familiengeschichte gefragt worden.

Wie nehmen Sie den Umgang zwischen Juden und Nichtjuden hierzulande wahr?

Mir fällt immer wieder auf, gerade im Vergleich zu den USA, dass er nicht unbeschwert ist. Manche Deutsche haben sogar Schwierigkeiten, das Wort Jude in den Mund zu nehmen. Das wird sich wohl auch nicht mehr ändern.

Das Gespräch führte Kerstin Krupp.