Romy Hall tritt eine zweimal lebenslängliche Haft in einem kalifornischen Gefängnis an. In der Welt draußen, von der sie nun abgeschnitten ist, lebt ihr kleiner Sohn. Drinnen ist sie von Hunderten Frauen umgeben, die um ihren Status im Knast ringen. In Rachel Kushners neuem Roman „Ich bin ein Schicksal“ reicht der Blick weit über die Strafanstalt hinaus. Wir sprachen mit ihr über das Gesellschaftsbild, das sie hier zeigt. In dieser Woche kommt sie zur Lesung nach Berlin.

Sie finden, Gefängnisse sollten abgeschafft werden. Warum?

Dafür gibt es zahlreiche Gründe. Lassen Sie mich mit Gegenfragen antworten: Wie kommt es, dass die überwiegende Mehrheit der Menschen in amerikanischen Gefängnissen arm ist und nur eine schlechte oder gar keine Ausbildung genossen hat? Etwa weil arme Leute von Natur aus kriminell sind und reiche nicht? Wären die 15,5 Milliarden Dollar, die die Gefängnisindustrie in diesem Land jährlich verschlingt, nicht besser in Jobs, Schulen, adäquate Wohnverhältnisse und Gesundheitsvorsorge investiert?

Wie kommen Sie auf das Wort „Gefängnisindustrie“?

In den USA sitzen zurzeit 2,3 Millionen Menschen hinter Gittern. Das sind prozentual mehr als in jedem anderen Land der Welt. Zugleich verfügen die USA über das größte Gefängnissystem der Welt. Was sagt das über dessen Effizienz aus? Doch wohl, dass dieses System, das auf Verbrechen, Vergeltung und angeblicher Abschreckung basiert, nicht funktioniert.

Ihre Argumente decken sich mit jenen der Wissenschaftlerin Ruth Wilson Gilmore, die sich seit dreißig Jahren für die Abschaffung von Gefängnissen einsetzt und die Sie für das New York Times Magazine porträtiert haben. Nun spielt Ihr neuer Roman in einem Gefängnis. Ist „Ich bin ein Schicksal“ Teil Ihres Engagements?

Allein die Vorstellung, dass ein Roman als Vehikel für eine sozialpolitische Botschaft dienen könnte, finde ich abstoßend. Das wäre tote Kunst. Ich bin Schriftstellerin, keine Aktivistin. Romane leben von Widersprüchen und Exkursen, die zu einem Ganzen zusammenwachsen müssen. Alles andere ist billige Polemik.

Doch muss Ihre freiwillige Gefängnisarbeit den Roman beeinflusst haben.

Als ich mich vor einigen Jahren einer Menschenrechtsorganisation anschloss und begann, in Gefängnissen zu arbeiten, dachte ich nicht entfernt an einen Roman. Es war eher ein Gefühl der persönlichen Verpflichtung. Ich wohne in Los Angeles in Gehdistanz zu den Gerichtsgebäuden und den Haftanstalten, die den größten Gefängniskomplex der Welt bilden. Man kann in meinem Viertel ein perfektes Mittelschichtsleben führen, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden. Aber das ist nicht meine Art.

Was ist Ihre Art?

Ich will immer mittendrin sein in der Welt, die mich umgibt. Es liegt mir nicht, Teile davon auszublenden. Also habe ich im Frauengefängnis Chowchilla Schreibkurse gegeben und Insassinnen bei Berufungsverfahren geholfen.

Wie unterscheidet sich die Gesellschaft hinter Gittern von jener draußen?

Es ist ja nett, dass Sie mich für eine Expertin halten, aber ich bin keine. Ich lerne lediglich von anderen. Der Soziologe Erving Goffman sprach davon, dass sich unsere Identität aus bestimmten Elementen zusammensetzt – daraus, wie wir uns kleiden, wie wir wohnen, was wir essen und anderes mehr. Im Gefängnis wird man all dieser Identitätsmerkmale beraubt. Mir ist aufgefallen, dass Menschen in Gefängnissen eine ungeheure Fähigkeit dafür entwickeln, ihrer Persönlichkeit scharfe Konturen zu verleihen – durch Überzeugungskraft, Verführung, Drohungen. Man empfindet ihre Präsenz viel stärker als die von Menschen draußen. Es ist ihre einzige Möglichkeit, sich selber darzustellen.

Romy verbüßt eine zweimal lebenslängliche Haftstrafe plus sechs Jahre, weil sie einen Stalker erschlagen hat. Es ist Ihre Ich-Erzählerin.

Ich habe niemanden erschlagen und sitze auch nicht im Gefängnis.

Klar. Dennoch hat Romys Biografie Ähnlichkeiten mit der Ihren.

Romy und haben einiges gemein, hauptsächlich unsere Herkunft. Das ist ungewöhnlich. Denn normalerweise bin ich eine Schriftstellerin, die nach außen schaut, nicht nach innen. Mein Schreiben ist nicht autobiografisch. Diesmal kamen mir beim Schreiben viele Geschichten aus meiner Jugend in den Sinn.

Sie verbrachten Ihre Teenagerjahre in San Francisco.

In einem Arbeiterviertel namens Sunset. Es gab dort eine Menge Gewalt, Drogen und Prostitution. Viele meiner Freunde standen mit einem Fuß in der Kriminalität. Zuerst hielt ich diese Erinnerungen von meinem Roman getrennt. Aber es fiel mir schwer, die richtige Stimme für Romy zu finden. Das änderte sich, kaum dass ich ihr einen Teil meiner eigenen Erfahrungen überließ.

Weshalb landete Romy im Gefängnis und Sie nicht? Besser: Weshalb kamen Freunde von Ihnen ins Gefängnis, während Sie ans College gingen?

Ich entstamme einer anderen Gesellschaftsschicht. Meine Eltern waren Studenten und dabei, Wissenschaftler zu werden. Sie waren Hippies, unsere Armut war eine Hippie-Armut. In unserem Kühlschrank lag zwar derselbe Käse von der Fürsorge wie in dem meiner Freunde, aber anders als sie wurde ich weder missbraucht, noch waren meine Verwandten drogenabhängig oder straffällig. Es besteht ein großer Unterschied zwischen Geldarmut und der Armut einer ganzen Klasse. Ich wuchs in einer stabilen Familie auf, mit einem anderen Vokabular, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

Waren Sie sich dieses Andersseins bewusst?

Ja und nein. Ich lebte das riskante Leben meiner Freunde mit, hatte aber immer gute Noten in der Schule. Darauf legen meine Eltern wert. Unter meinen Freunden galt Intelligenz als eine Form von Hässlichkeit, besonders bei einem Mädchen. Mir hingegen war immer klar, dass ich studieren würde. Ich wollte weg, so sehr ich das Leben in Sunset liebte. Ich war immer Teilnehmerin und Beobachterin zugleich.

Eine gute Voraussetzung für die Schriftstellerei.

So sagt man, ja.

Gibt es für Sie das Böse?

Was ist das Gegenteil des Bösen? Unschuld? Während der Arbeit an „Ich bin ein Schicksal“ las ich „Die Brüder Karamasow“ wieder. Dostojewski versucht darin, das Wesen der Unschuld zu ergründen. In seinen Romanen tun Menschen Schlechtes, aber Gott ist immer gut. Eine gottlose Welt ist komplizierter. Wir alle sehnen uns nach Vergebung, einer Vergebung, die das Christentum bietet, nicht aber das Justizsystem.

Wo sehen Sie sich dabei als Autorin?

Die Grenze zwischen Schuld und Unschuld wird irrelevant, wenn man die Massen von Menschen sieht, die durch dieses System geschleust werden. Mein Roman enthält keine Lösungsvorschläge. Die Literatur ist ein Reich, in dem Gedanken erprobt, Leben ausprobiert werden können. Das macht sie so wertvoll. Wenn sie mir zu einer Einsicht verholfen hat, dann zu dieser: Niemand ist unschuldig. Aber einige haben Glück.