Der Friedrichstadt-Palast macht sich bereit für die neue Show. Im Juli war „The Wyld“ nach 478 Vorstellungen mit lauter Rekorden zu Ende gegangen. Noch keine Inszenierung zuvor hatte so viele zahlende Besucher, eine Dreiviertelmillion, die Auslastung des Hauses über die Spielzeit von zwei Jahren lag bei 83 Prozent. Während der Theaterferien für die Tänzer wurde die Bühne für die neue Show umgebaut. Roland Welke, langjähriger Kreativdirektor des Hauses und jetzt freischaffend, hat sie konzipiert.

Herr Welke, Sie sind für Konzept und Regie der Show „The One“ verantwortlich. Wie erklären Sie Menschen, die noch nie im Friedrichstadt-Palast waren, Ihre Arbeit?

Ich bin wie ein Künstler, der eine Installation entwirft. Die Arbeit hat sehr viele Aspekte, weil ich die Show von Null entwickle bis zu dem Moment, da sie auf der Bühne steht. Die Franzosen sagen dazu createur, das ist ein sehr umfassender Begriff, für den das Deutsche keine Entsprechung hat.

Der Friedrichstadt-Palast hat gern große Namen mit auf dem Plakat. Bei „The Wyld“ führte der Designer Thierry Mugler zugleich Regie, Sie standen als Co-Regisseur im Programm. Nun entwirft Jean-Paul Gaultier die Kostüme. Wie läuft die Zusammenarbeit mit ihm?

Sehr angenehm: Er hat sich bei unserer ersten Begegnung zwei Stunden lang angehört, was ich vorhabe und ab und zu nachgefragt. Ich konnte auch schon ein paar Bilder mit meinen Inszenierungsideen zeigen, die ich mit einem Illustrator entwickelt hatte, ein erstes „look and feel“. Jean-Paul Gaultier hat sich wunderbar darauf eingestellt.

„Look and feel“ bedeutet: sieh und fühle. Geht man, wenn man eine Show entwickelt, ganz anders vor, als wenn man ein Theaterstück schreibt, weil man Gefühle einplanen muss?

Genau, das ist der Kern. Wir alle haben im Prinzip die gleichen theatralen Zeichen zur Verfügung. Deren Gewichtung sagt am Ende, in welchem Genre wir uns bewegen, um es einmal grob zu vereinfachen. Anders als bei einem Stück, wo es auf das Wort ankommt, erzeugen in der Show vor allem die Musik, die Choreografie und die Bühne die Emotion.

Oft wirken die Revuen wie eine Abfolge großer, auf Überwältigung zielender Nummern. In der Beschreibung zu „The One“ heißt es, ein junger Gast erlebt in einem verlassenen Revuetheater eine Party und vor seinem geistigen Auge entsteht der Glamour der alten Zeit. Er sucht nach dem einen Menschen, der ihm Halt gibt. Wird man diese Geschichte später noch erkennen?

Sie ist relativ einfach zu verstehen. Ich habe als Ausgangssituation einen Ort, dessen Rolle sich verändert hat. Der löst diesen Tagtraum aus. So etwas kennt man ja aus Berlin, das Berghain ist längst nicht mehr das Heizkraftwerk für die Karl-Marx-Allee, doch auch als Club hat es seine Geschichte behalten. Und dazu gibt es eine kleine Liebesgeschichte, deren Ausgang ich offen lasse. Je nachdem, wer wie guckt, denkt sich am Ende, jetzt hat er sie oder er hat sie nicht. Ich finde das sehr schön, dass wir in Europa auch solche Geschichten erzählen können. Es muss nicht immer das Hollywood-Happy- End sein.

Aber man wirbt für den Friedrichstadt-Palast als „Las Vegas in Berlin“.

Unterschätzen Sie den Zusatz „in Berlin“ nicht! Die Stärke des Palastes ist, dass wir nichts kopieren, sondern etwas sehr Eigenes machen.

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