Die elegante Frau, die da auf dem Sofa im Berliner Regent Hotel sitzt, ganz in Schwarz – Rüschenbluse, Lederjacke, enge Hose, Hornbrille – sieht aus, als sei sie einem Gemälde der Präraffaeliten entstiegen. Ihre Augen sind hellblau, ihr Haar dicht und schwarz mit lockigen Stirnfransen. Die leuchtend rot geschminkten Lippen betonen den Kontrast noch. Der Film „Maggies Plan“, der die Regisseurin und Autorin hergeführt hat, ist eine echte New Yorker Screwball-Komödie – ungewöhnlich für Miller, die sich sonst eher schweren Themen zuwendet.

„Ich sagte mir: Mach’ doch endlich mal etwas Leichtes, etwas, worüber die Leute auch lachen können. Je älter ich werde, desto klarer sehe ich, wie traurig das Leben sein kann“, sagt die 53-Jährige mit einem feinen Lächeln.

Mrs. Miller, sind Sie in Ihrer Ehe eher die Rose oder eher der Gärtner?

Sie kommen aber sofort auf den Punkt!

Nun, dieses Rose-und-Gärtner-Bild aus Ihrem Film „Maggies Plan“ finde ich sehr interessant.

In einer guten Beziehung ist man mal das eine, mal das andere. Traditionell gesehen sind wir Frauen natürlich meist der Gärtner in einer Beziehung, der die Rose – also den Mann – hegt und pflegt. Aber dieses Rollenbild hat sich in den letzten Jahren doch ziemlich verändert. Das finde ich sehr spannend. Und es macht vielen Menschen auch Angst.

Weil sie glauben, dass dadurch ihre Identität infrage gestellt wird?

Ja, und das kann in chaotische Zustände münden. Oder in komische. Wie man in meinem Film sehen kann. Da gerät ja genau diese Rose-und-Gärtner-Metapher ziemlich durcheinander.

„Maggies Plan“ erzählt von einer komplizierten Dreiecksbeziehung: Eine Mittdreißigerin wünscht sich ein Kind und sucht dafür einen Samenspender. Ein Vater ist zunächst nicht vorgesehen. Sie verliebt sich dann in einen verheirateten Mann, dessen Ehe gerade in die Brüche geht, beginnt mit ihm eine Beziehung und erkennt nach kurzer Zeit, dass er doch viel besser zu seiner Ex passt. Wie kommen Sie auf so etwas?

Die Vorlage stammt von Karen Rinaldi, einer befreundeten Schriftstellerin, die mir ein paar Kapitel aus ihrem noch unfertigen Roman geschickt hat. Ich hatte damals gerade meinen Roman „Jacobs wundersame Wiederkehr“ beendet – der mich fünf Jahre meines Lebens gekostet hat und wahnsinnig schwierig zu schreiben war – und war froh darüber, mich mit etwas Leichterem befassen zu können. Der Film ist als Hommage an die Screwball-Komödien der Dreißiger- und Vierzigerjahre angelegt. Auch fand ich es toll, mit der Figur der verlassenen Ehefrau eine Frauenrolle für eine Europäerin zu schreiben. Denn meine Mutter war Österreicherin. Und wann immer ich die Möglichkeit habe, den europäischen und amerikanischen Kulturkreis miteinander in Verbindung zu bringen, mache ich das mit großer Freude. Denn der europäische Blickwinkel ist immer ein komplett anderer als der amerikanische. Und das wiederum ist sehr wichtig für mich, denn mit dieser Dualität bin ich aufgewachsen. Auf diese Weise habe ich die Welt kennengelernt.

Können Sie beschreiben, wie sich die künstlerische Arbeit auf Ihr Seelenleben auswirkt?

Das Schreiben verändert mich oft tiefgreifend. Es gab Perioden in meinem Leben, in denen ich mich künstlerisch und intellektuell für gewisse Dinge mehr interessiert habe als für andere. Auch, weil ich mich gerade in einer ähnlichen Lebenssituation befand. Wenn ich zum Beispiel verliebt war oder mich gerade von einem Mann getrennt hatte, habe ich darüber geschrieben. Oder als ich durch den Tod meiner Eltern hautnah mit dem Sterben konfrontiert wurde, habe ich versucht, das in Worte zu fassen. Ich nehme die Themen aus dem Zeitgeist meines momentanen Lebens. Sie liegen sozusagen in der Luft. Und da gibt es keine Tabus. Ich interessiere mich sehr für den Mischmasch des Lebens!

Und wie verändert Sie das konkret?

Das weiß ich selbst nicht so genau. Ich weiß nur, dass ich, nachdem ich „Jacobs wundersame Verwandlung“ beendet hatte, nicht mehr dieselbe Frau war wie zu Beginn. Und das lag nicht nur daran, dass ich fünf Jahre älter geworden war. Ich hatte viel gelernt, über mich, über das Leben…

Dann lassen Sie mich anders fragen: Ein zentrales Motiv Ihres Schaffens ist das alternative Leben, die Transformation, die Metamorphose…

…oh ja, das ist mir immer sehr, sehr wichtig. In „Jacobs wundersame Wiederkehr“ verwandelt sich die Hauptperson in eine Fliege und geistert durch die Jahrhunderte. In meinem vorigen Roman „Pippa Lee“ springt die Titelfigur aus dem Fenster und ändert so ganz wesentlich ihren Lebensweg.

Auch in„Maggies Plan“ gehen Sie intensiv der Frage nach: Was wäre, wenn es anders

gelaufen wäre? Wie würde mein Leben dann aussehen?

Für mich ist das Konzept der Flucht sehr wichtig, die Idee, sich noch einmal selbst neu erfinden zu können. Die meisten Menschen stellen sich doch manchmal vor, wie es wäre, wenn sie aus ihrem Leben ausbrechen und dem Alltag mit all den Zwängen und Pflichten entfliehen könnten. Aber nur die wenigsten machen das dann tatsächlich. Ich habe unendlich große Bewunderung für diese Menschen.

Brechen Sie durch Ihre künstlerische Arbeit aus dem Alltag aus?

Ja, da gehe ich an andere Plätze, in fremde Leben, webe mich in andere Schicksale ein und bin dann sogar auch jeweils die Person, über die ich gerade schreibe. Das ist eine Art von Realitätsflucht. Und das ist meine ganz persönliche Art, viele Leben gleichzeitig zu leben. Dieser Cocktail aus Schicksal und Die-Wahl-Haben ist sehr interessant für mich.

Und sehr katholisch: „Der Mensch denkt und Gott lenkt“. Der freie Wille und…

…Gottes Vorsehung, ich weiß. Diese Dualität ist eigentlich die Quintessenz von „Maggies Plan“. Wie viel liegt in unserer freien Entscheidung, wie viel ist vorgeben? Wie viel ist nur die Summe der Entscheidungen und Erfahrungen, die andere Menschen vor uns gemacht haben und die dann wie eine Welle über uns zusammenschlagen und unser Handeln beeinflussen? Wie sehr sind wir wirklich unser eigener Herr, oder zu welchem Teil ist alles nur ein metaphysisches Ineinandergreifen? In all meinem künstlerischen Schaffen kann, wer will, auch immer etwas Mystisches erkennen. Man kann versuchen, das Leben noch so sehr zu rationalisieren: Was dahinter steht, sozusagen der Urgrund unserer Existenz, sind Emotionen.

Aber Gefühle sind nichts Letztes. Hinter den Gefühlen stehen Urteile und Wertschätzungen, die in Form von Gefühlen an uns vererbt sind.

Interessant – ist das von Ihnen?

Leider nein. Es ist von Friedrich Nietzsche. Von ihm ist auch das „Gott ist tot“-Diktum. Hatte er recht? Ich frage das auch, weil Sie als Teenager zum Katholizismus konvertiert sind. Spielt Gott auch heute noch eine Rolle in Ihrem Leben?

Auf jeden Fall. Wer einmal, so wie ich, aus freien Stücken katholisch wurde, der bleibt es ein Leben lang. Man kann den Glauben nicht wie einen Mantel ablegen. Das geht tief ins Innere, ob man es will oder nicht. Auch wenn man nicht zu hundert Prozent an einen Gott glauben kann. Die Sehnsucht ist da. Aber diese Sehnsucht war bei mir schon sehr viel früher da. Ich erinnere mich, dass ich schon mit vier Jahren meine Eltern mit diesen metaphysischen Fragen genervt habe. Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir?

War Ihr Vater, der Dramatiker Arthur Miller, nicht Atheist?

Mein Vater war eine sehr komplexe Persönlichkeit. Er sagte immer, dass er kein Talent für Religion habe. Aber lassen wir es dabei. Für mich ist Gott immer noch ein Bestandteil des Dialogs, den ich als Mensch mit dem Universum habe.

War es schwer für Sie, mit der Legende Arthur Miller aufzuwachsen?

Für mich war er nicht „der große Arthur Miller“, der gefeierte Schriftsteller und Dramatiker. Genauso wenig wie meine Mutter Inge Morath „die berühmte Fotografin“ war. Sie waren einfach Mum und Dad.

Was ist das Wichtigste, das Ihnen Ihr Vater vererbt hat?

Mein Vater wie auch meine Mutter waren Menschen mit sehr hohen ethischen und moralischen Werten. Ihre Integrität – vor allem in künstlerischen Belangen – war unantastbar. Sie haben nie etwas nur wegen des Geldes gemacht, sondern immer aus einer inneren Überzeugung heraus. Und sie waren absolut nicht materialistisch eingestellt. Wenn meinem Vater seine Kaffeetasse auf den Boden fiel und sie zerbrach, hob er sie auf und klebte die Scherben wieder zusammen. Sicher haben meine Eltern im Leben auch mal Fehler gemacht, aber diesen Respekt vor dem „richtigen“ Leben spüre ich sehr deutlich auch in meinen Genen.

Und welche Schwächen haben Sie in die Wiege gelegt bekommen?

Jede Familie ist eine Art glückliches Gefängnis. Und ich habe sicher auch ein paar Dinge mitbekommen, die ich nicht so toll finde. Als Kind war ich zum Beispiel hypersensibel und habe mir alles sehr zu Herzen genommen. Aber alles in allem waren wir keine dunkle, sondern eine helle Familie.

Stimmt es, dass Sie aufgrund Ihres übermächtigen Vaters lange gezögert haben, selbst Schriftstellerin zu werden?

Ich habe schon immer sehr viel und gern geschrieben, es aber meistens für mich behalten. Als ich 15 oder 16 war, habe ich mich dann wohl instinktiv für die Malerei entschieden, weil das ganz meins war. Später bin ich dann aber zum Schreiben zurückgekehrt und habe meinem Vater manche Sachen sogar gezeigt. Es war wohl ein bisschen so, als würde eine Katze die tote Maus, die sie gerade erlegt hat, ihrem Herrchen vor die Füße legen. Mein Vater hat das, was ich geschrieben habe, immer wohlwollend zur Kenntnis genommen, mir aber nie irgendwelche Ratschläge gegeben.

Hatten Sie eigentlich eine andere Wahl als die, Künstlerin zu werden?

Ich fürchte nicht. Ich war mein ganzes Leben umgeben von Künstlern. Von Künstlern, die mich auch immer dazu ermutigt haben, selbst kreativ zu sein. Es ist ein bisschen so wie mit erfolgreichen Tennisspielern, die ihre Kinder dazu anhalten, einfach mehr Tennis zu spielen.

Und was treibt Sie sonst noch an?

Die Lust zu leben. Die Angst vor dem Tod. Als ich geboren wurde, war mein Vater 46 Jahre alt. Als junges Mädchen fand ich immer, dass er steinalt war. Ich sorgte mich immer, dass er bald sterben würde. Und wie das Leben so spielt: Meine Mutter, die acht Jahre jünger war als er, ist dann zuerst gestorben. Aus der Angst kann eine große schöpferische Kraft wachsen. Allerdings darf man sich von dieser Angst nicht überwältigen lassen.