Berlin - Die re:publica-Rednerin Laura Sophie Dornheim spricht im Interview über das Macho-Gehabe in der Startup-Branche und erklärt, warum Quoten wichtig sind und Bananen reitende Pinup-Girls uns nicht weiterbringen.

Frau Dornheim, im Bundestag sitzen gerade mal 30 Prozent Frauen. Wie sieht es in der Tech- und Startup-Branche aus?

Laura Sophie Dornheim: International sind nur etwa fünf Prozent der Tech-Startups in Frauenhand. Nur jede zehnte Führungsrolle im Silicon Valley ist mit einer Frau besetzt. In Deutschland sieht es nicht besser aus. Nur rund 15 Prozent aller Startups hierzulande haben wenigstens eine Gründerin im Team. In den größeren Unternehmen wie zum Beispiel Rocket Internet sind reine Männerteams an der Spitze immer noch die Regel.

Das würde man von einer so jungen und hippen Szene eigentlich gar nicht erwarten…

Das ist der schlimme Trugschluss. In der ‚alten‘ Wirtschaft ist das Thema Gleichberechtigung inzwischen sogar stärker verinnerlicht. Klar ist da auch noch nicht alles gut, aber es sind oftmals Strukturen geschaffen worden. Das gibt es in der Startup-Branche überhaupt nicht. Im Gegenteil. Hier zählt Show und Image.

Die Szene tut nur so, als ob sie mit den alten Mustern gebrochen hat. Als besonders taff gilt, wer die ganze Nacht durchgearbeitet und die größte Klappe hat. Einem ehemaligen Agenturchef musste ich mal erklären, warum es nicht so cool ist, wenn man ein T-Shirt trägt, auf dem ein Pinup-Girl abgebildet ist, das eine Banane reitet. Das kann dazu führen, dass sich Mitarbeiterinnen nicht respektiert fühlen.

Klingt nach keinem attraktiven Arbeitsplatz für Frauen…

Der Mythos eines Gründers ist männlich geprägt – nämlich von Machogehabe der Alphamänner mit größerem Risikoverhalten. Das macht es für Frauen schwerer sich da zu profilieren. Hinzukommen die stereotypen Attribute, die Frauen nachgesagt werden. Sie sind entweder weiblich und sympathisch oder aber bossy.

Es gibt aber zum Glück viele Unternehmen, die zeigen, dass es anders geht und die auch wissen, dass gemischte Teams viel erfolgreicher sind. Die großen Tech-Unternehmen wie zum Beispiel Telekom oder Microsoft machen da sehr viel. Und der Punkt ist vor allem – Digitalisierung und Tech ist super spannend, gerade auch für Frauen. Wir können doch nicht nur Männer das Internet von morgen gestalten lassen.

Ist das der Grund, warum es so wenige Frauen in der Startup-Szene gibt?

Leider gibt es natürlich nicht nur einen Grund. Das wäre schön, denn dann müssten wir nur ein Problem lösen. Es gibt die Stereotype, dass technische Berufe oder Naturwissenschaften eher Männerberufe sind. Das fängt schon im Kindergarten an. Und hat auch zur Folge, dass sich Frauen in den Bereichen auch weniger ausbilden lassen.

Warum ist es so schwer, hier einen Wandel zu schaffen?

Es gibt bei Startups keine Öffentlichkeit für dieses Problem. Die sonst diskutierten Regeln oder Selbstverpflichtungen existieren nicht. Ein Thema wie die Frauenquote ist ganz weit weg.

Auf Ihrem Vortrag auf der re:publica fragen Sie, ob das Silicon Valley eine Frauenquote braucht. Und?

Ja, ich bin ein ganz großer Quotenfan. Nicht weil die Quote so eine so tolle Maßnahme ist. Sie ist eine Brechstange. Aber sie wirkt. Und das ist der Punkt. Nur wer sich messbare Ziele setzt, kann diese auch erreichen, weil man sich entsprechende Maßnahmen überlegt und Strukturen überdenkt. Sonst wird es weiter heißen, dass man einfach nicht genug gute Frauen findet.

Was raten Sie Frauen, die ein Unternehmen gründen und in der Szene Fuß fassen wollen?

Frauen sollten sich gut vernetzen, vor allem untereinander. Dann würde ich mir wünschen, dass es mehr gezielte Förderungen für Gründerinnen gibt. Und bei öffentliche Mitteln vom Land oder der EU sollten Gleichstellungskriterien bei der Vergabe ein Muss sein. Die Finanzierung ist oft ein großes Problem bei jungen Gründerinnen, sie kommen einfach schlechter an Finanzierungen.

Erklären Sie das mal bitte…

Es gibt ein Beispiel zweier Frauen, die auf dem Papier einen Co-Gründer erfunden haben, um besser an Termine bei Risikokapitalgebern zu kommen. Bei einem anderen Fall hat eine Frau, die mehrere Big-Data-Unternehmen gegründet hat, sich einer Geschlechtsanpassung unterzogen. Sie wurde als Mann geboren. Sie beschreibt sehr spannend wie sie als Mann und wie als Frau wahrgenommen wurde und wieviel weniger Investitionen sie als Frau bekommt.

Sollen jetzt Frauen besser zusammen mit einem Mann ein Unternehmen zu gründen?

Das wäre absurd. Das würde ja suggerieren, dass sie es allein nicht hinbekommen. Man sollte sich am besten weibliche Geldgeberinnen suchen. Es sind wenige, aber es gibt sie. Und vor allem gilt: Es einfach immer wieder probieren, nicht aufgeben.

Vita: Laura Sophie Dornheim (1983) ist Wirtschaftsinformatikerin und hat einen Doktor in Gender Studies. Als ehemaliges Mitglied der Piratenpartei ist sie netzpolitisch und netzfeministisch aktiv. Sie ist professionelle Adblockerin, Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Netzpolitik der Berliner Grünen und Sprecherin eines Tech-Startups.