Am Donnerstag beginnt das Berliner Jazzfest 2015, das erste unter des Regie von Richard Williams (68). Dem deutschen Publikum ist Williams kaum bekannt, deswegen trafen wir ihn vorab zum Gespräch, um ihn zu fragen, was er bisher so gemacht hat und für die Zukunft nun plant.

Stimmt es, dass Sie aus Nottingham kommen?
Ja, wieso?

Aus Nottingham kommt auch die zurzeit tollste britische Band.

Wen meinen Sie? Jake Bugg?

Quatsch, nein. Die Sleaford Mods!

Oh ja, die Sleaford Mods, absolut, die sind großartig! Ich sage immer, die sind die East-Midlands-Version von Suicide; nehmen Sie einen Song wie „Frankie Teardrop“ und verlegen Sie ihn ins Nottingham des Jahres 2015, dann haben Sie die Sleaford Mods.

In dem Stück „Tied Up In Nottz“ singen sie über ihre Heimatstadt: „Der Geruch nach Pisse ist so stark, dass es schon wieder an gebratenen Speck erinnert.“ Ist Nottingham damit zutreffend beschrieben?

Ja, es gibt da recht ruppige Ecken, eine sonderlich freundliche Stadt ist das nicht. Und es ist eine Stadt ohne musikalische Tradition, es gibt nicht viele Bands, die aus Nottingham kommen.

Selbst Schlagzeug gespielt

Waren Sie mal in einer Band?

In den Sechzigern habe ich Schlagzeug in einer R’n’B-Band gespielt; das war, nachdem ich von der Schule geflogen war und keinen richtigen Job hatte. Wir klangen wie die frühen Stones und die Yardbirds und waren als Vorgruppe von Screamin’ Jay Hawkins unterwegs. Und von Tom Jones! Im Sommer 1965, da hatte er gerade diesen Nummer-1-Hit: „It’s Not Unusual“.

Haben Sie den je wiedergetroffen?

Ich hab ihn vor zehn Jahren nochmal in Las Vegas gesehen – wo er ein fantastisches Chicago-R’n’B-Set gespielt hat, irre, er klang wie Howlin’ Wolf.

Sie haben dann aber als Journalist angefangen …

… ja, ich habe für die örtliche Tageszeitung über Lokalthemen und Popmusik geschrieben …

… in den Sechzigern, das ist schon toll. Noch als ich in den Neunzigern für deutsche Tageszeitungen anfing, über Popmusik zu schreiben, war das ein echter Kampf, weil die Feuilletonredakteure sowas nicht für Kultur hielten …

… da waren wir in Großbritannien immer schneller, schon in den Sechzigern merkten die Chefredakteure, dass sie die jungen Leser verlieren, wenn sie sich um ihre Themen nicht kümmern. Und ich hatte damals alle Freiheit! Ich habe zum Beispiel die erste britische Rezension über „The Velvet Underground & Nico“ verfasst, 1967 in der Nottingham Post!

1969 nach London

Wie lange haben Sie es in Nottingham ausgehalten?

Bis 1969, dann bekam ich einen Job beim Melody Maker in London. Eine tolle Zeit, ich habe über Rock, Soul und R’n’B geschrieben und natürlich auch über Jazz …

Was uns zum Thema bringt: Ende der Sechziger waren ja nicht nur für den britischen Rock goldene Zeiten, sondern auch für den britischen Jazz, wenn ich an die Canterbury Szene denke und die vielfältigen Verbindungen zwischen dem Jazz und dem Progressive Rock …

… ja, der Jazz war so offen und neugierig damals, und es gab so viele fantastische Musiker! Keith Tippett, der auch in meinem ersten Jazzfest-Programm auftreten wird, hatte zum Beispiel eine Band namens Centipede. Da spielten in wechselnden Besetzungen bis zu hundert Leute, von Robert Wyatt und Soft Machine über die Mitgliedern von King Crimson bis zu Free-Jazz-Saxofonisten wie Dudu Pukwana von den Blue Notes.

Diese Offenheit ist ja weder im Jazz noch im Rock selbstverständlich. Woher kam das damals?

Das war eine Generation, die gerade die Tradition der afroamerikanischen Musik für sich entdeckte und dabei zwischen Jazz, Rock, Soul, R’n’B, Motown, Ornette Coleman, John Coltrane keinen Unterschied machte. Jack Bruce, der dann bei den Cream spielte, war ein fantastischer Jazz-Bassist. Und das große Vorbild war Jimi Hendrix, er improvisierte auf der Gitarre wie ein Jazzmusiker, und er hatte mit Mitch Mitchell einen Drummer in seinem Trio, der wie Elvin Jones spielte.

 

"Dann wurden Stil und Glamour wichtiger als musikalisches Können"

Diese allgemeine musikalische Offenheit hielt aber nicht lange. Wann, würden Sie sagen, zog man sich wieder in die Nischen zurück?

Mitte der Siebziger. Dann kamen die New Romantics, dann wurden Stil und Glamour wichtiger als musikalisches Können. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe Stil! Ich finde Stil wahnsinnig wichtig! Aber man muss eben feststellen, dass es diese Verschiebung gab, und die war für die Jazz-Prog-Leute nicht günstig, die hatten sich nie einen Gedanken über ihre Frisuren oder ihre Bekleidung gemacht. Auch ich begann Ende der Siebziger allmählich, mich der aktuellen Musik zu entfremden.

Haben Sie deswegen den Job als Musikjournalist an den Nagel gehängt und stattdessen die Karriere als Sportredakteur begonnen?

Den Melody Maker hatte ich schon 1973 verlassen. Ich war der erste Journalist überhaupt gewesen, der Bob Marley interviewte, und so kam es dazu, dass dessen Labelchef Chris Blackwell mir einen A&R-Job bei Island Records anbot. Dort nahm ich unter anderen John Cale und Nico unter Vertrag! Nach drei Jahren hatte ich aber genug, ich wechselte zurück in den Journalismus und ging zu dem – damals noch sehr politischen – Stadtmagazin Time Out und dann noch mal für zwei Jahre zum Melody Maker. Von da ging ich zur Times, bis ich es mit Rupert Murdoch nicht mehr aushalten konnte, und von der Times zum Independent on Sunday, wo ich durch einen Zufall zum Sport-Redakteur wurde. Ich hatte Sport schon immer genauso geliebt wie die Musik, und so hab ich die letzten 15 Jahre bis zu meiner Rente vor allem darüber geschrieben, zuletzt als Ressortleiter für den Guardian.

Und jetzt sind Sie plötzlich Chef des Berliner Jazzfests. Haben Sie vorher schon mal ein Festival organisiert?

Nein. Niemals. Deswegen fand ich die Aufgabe auch so interessant. Und ich hatte schon immer ein besonderes Verhältnis zum Berliner Jazzfest, das erste Mal war ich 1969 hier, zu Zeiten von Joachim-Ernst Behrendt. Ein toller Typ! Damals rümpften – ein Beispiel – alle die Nase über Don Cherry und seine Spielzeugtrompete. Aber Jo hat an ihn geglaubt. Und er hatte recht! Es gibt viele Leute, die ihn nicht mochten, aber er war wirklich ein Visionär.

Nur nach vorne schauen

Was ist denn Ihre Vision für das Berliner Jazzfest?

Das letzte Jazzfest war großartig, eine würdige Feier des 50. Jubiläums. Aber jetzt sind wir im ersten Jahr der zweiten Jahrhunderthälfte, darum will ich nach vorne schauen! Ich werde keine Jahrestage feiern, es soll keine Hommagen oder so etwas geben. Selbst die alten Recken, die ich einlade, werden mit jungen Musikern etwas Neues entwickeln.

Und Sie haben Glück: 2015 war ein großartiges Jahr für den Jazz, lange war er nicht mehr so offen und relevant wie jetzt.
Absolut!

Was an Musikern wie Kamasi Washington und Matana Roberts liegt, aber auch an Jazz-inspirierten Pop-Avantgardisten wie Flying Lotus und Thundercat. Offen gestanden, bin ich ein bisschen enttäuscht, dass sich davon nichts in Ihrem ersten Programm niederschlägt. Matana Roberts trat drei Wochen vor dem Jazzfest in Berlin in der Musikbrauerei auf, Kamasi Washington spielt zwei Wochen später im Yaam Club. Das wären doch perfekte Festivalgäste gewesen!

Da haben Sie recht. Ich habe mich Anfang des Jahres – noch bevor er mit „The Epic“ berühmt wurde – um Kamasi Washington bemüht, aber erfolglos, er wollte nicht auf das Jazzfest kommen. Ich finde ihn übrigens auch sehr traditionell; das interessantere Album in dieser Hinsicht ist ohne Zweifel „To Pimp A Butterfly“ von Kendrick Lamar. Und das neue Album von Ambrose Akinmusire, „The Imagined Saviour Is Far Easier To Paint“ – das ist gewissermaßen das Gegenstück zu Kendrick Lamar, sehr virtuos, sehr politisch. Akinmusire wird am letzten Abend des Jazzfests auftreten – sehen Sie sich den an, und dann reden wir nochmal über Kamasi Washington.

Eröffnet wird das Festival mit dem Splitter Orchester. War das ein Zugeständnis an die lokale Szene? Viele haben sich ja gefragt, warum ausgerechnet jemand aus London jetzt das Berliner Jazzfest kuratiert.

Ja, das kann man sich fragen, das ist mir klar. Aber wenn ich etwas als meine Mission ansehe in den drei Jahren, über die mein Vertrag läuft, dann ist es gerade dies: das Jazzfest näher an die kreative Community in der Stadt zu rücken. Ich hab mir viel angesehen hier, ich war beim X-Jazz-Festival und im Berghain, und dabei hab ich unter anderen Splitter Orchester leitet. Er erzählte mir, dass sie ein Projekt mit George Lewis haben, dem großen Posaunisten und Komponisten – ob mich das interessiere? Und ob, hab ich gesagt; so hab ich das ins Festivalprogramm aufgenommen und zum Eröffnungskonzert gemacht. Das ist ein Signal in die Szene und vielleicht auch eine Provokation für das traditionelle Jazzfest-Publium. Aber von Provokationen hat das Jazzfest ja schon immer gelebt!