Ganz frisch wirkt Ridley Scott nicht beim Interview in einem Hotel am Berliner Bebelplatz. Doch der britische Regisseur ist auch schon 77 Jahre alt und obendrein erkältet. Sein neues Werk „Exodus: Götter und Könige“ ist ein großes Epos über die biblische Geschichte von Moses und den Auszug der Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei ins gelobte kanaanäische Land.

Mr. Scott, noch bevor irgendjemand „Exodus: Götter und Könige“ gesehen hatte, wurde heftig über den Film diskutiert. Vor allem in Hinblick auf die weißen Schauspieler, die Ägypter und Israeliten darstellen. Hat Sie diese Diskussion überrascht?

Allerdings! Mal abgesehen davon, dass man Hollywood-Stars braucht, um einen Film dieser Größenordnung überhaupt finanziert zu bekommen, habe ich die Besetzung einfach danach ausgesucht, wer mir am besten geeignet schien. Christian Bale beispielsweise hat mich schon lange interessiert. Und mittlerweile hat er eine Reife erreicht, die ihn außergewöhnlich macht. Denken Sie nur an „American Hustle“! Als Moses kam er mir deswegen frühzeitig in den Sinn. Davon abgesehen sprechen wir hier doch nicht über „American Gangster“! Wenn ich damals in der Rolle des Frank Lucas statt Denzel Washington einen weißen Schauspieler besetzt hätte, hätte ich verstehen können, wenn jemand sauer wird.

Historisch korrekt dürfte die Hautfarbe Ihrer Darsteller für Nordafrikaner um 1500 vor Christus aber nun einmal nicht sein.

Da bin ich mir gar nicht so sicher. Ägypten war damals die Handelszone schlechthin, ein zentraler Knotenpunkt im globalen Verkehr. Nirgendwo war man damals weiter entwickelt. Frankreich oder Spanien waren verglichen mit Ägypten vor 5000 Jahren ziemliche Wildnis. Und wie es sich für ein solches Zentrum der Welt gehört, haben sich dort eben die verschiedensten Kulturen und Nationen gemischt. Schwarze und Weiße, Mulatten, Äthiopier, Sudanesen… – eine Vielfalt ethnischer Gruppen. Das spiegelt sich durchaus in der Besetzung des Films nieder. Nefertari zum Beispiel wird von Golshifteh Farahani gespielt, einer der besten iranischen Schauspielerinnen, mit der ich schon bei „Der Mann, der niemals lebte“ zusammengearbeitet habe. Maria Valverde (in der Rolle der Zippora, Anm. d. Red.) ist Spanierin. Ghassan Massoud, der den Vizier des Pharaos Ramses verkörpert, kommt aus Syrien. Und die Ziehmutter von Moses wird von der großartigen palästinensisch-israelischen Schauspielerin Hiam Abbas verkörpert.

Die Geschichte von Moses wurde im Kino schon oft erzählt…

So oft nun auch wieder nicht. Und es gibt höchstens zwei oder drei Varianten, die es sich überhaupt anzuschauen lohnt. Allen voran natürlich Cecil B. DeMilles Film „Die zehn Gebote“, der 1956 überhaupt nur gedreht wurde, weil sein Star Charlton Heston so mutig war, sich dafür einzusetzen, dass jemand diesen Film dreht. Aber weder habe ich mir diesen Film jetzt noch einmal angesehen, noch habe ich mich überhaupt von seiner Existenz beeinflussen lassen. Ich hatte einfach Lust, diese Geschichte in der angemessenen Größenordnung zu erzählen. Wir haben umfangreiche Recherchen betrieben, und mit Jeffrey Caine hatte ich den bestmöglichen Drehbuchautor. Er ist quasi ein wandelndes Lexikon, wenn es um das Alte Testament geht.

Gab es für Sie auch einen spirituellen Grund, diese Geschichte ins Kino zu bringen?

Sie meinen, ob ich selbst religiös bin? Nein, bin ich nicht. Ich würde aber auch nicht so weit gehen, mich als Atheisten zu bezeichnen. Denn das würde ich vermutlich – wie so viele Dinge, die ich sagte – schon morgen wieder bereuen. Aber Agnostiker bin ich auf jeden Fall.

Bei Filmen und Themen wie denen in „Exodus“ sucht das Publikum oft nach Parallelen zur heutigen Zeit. War das auch Ihr Zugang?

Nein. Ich suche bei Geschichten, die mich interessieren, immer einen instinktiven, natürlichen Zugang. Aber natürlich lässt es sich nicht leugnen, dass heutzutage ganz ähnliche Dinge wie in diesem Film passieren und viele Konflikte immer noch die gleichen sind. Mit dem Unterschied allerdings, dass wir heute über viel schlimmere Waffen verfügen als die Menschen damals. Und dass wir heute fast sieben Milliarden Menschen sind, die sich durch Kommunikationsmittel wie Twitter jederzeit und überall miteinander verständigen können, verändert natürlich alles. Dadurch werden bisweilen Krisen heraufbeschworen, die es oft gar nicht geben müsste und die es vor allem vor 50, 100 oder 2000 Jahren nicht gegeben hätte.

Wie verhält es sich mit tatsächlichen Parallelen Ihres Films zur jetzigen Situation in Nahost? Moses sagt in „Exodus“ mit Blick auf das verheißene Land: „Dieses Land ist schon besetzt. Was ist, wenn sie uns dort nicht wollen?“ Das ist doch unbedingt ein Kommentar zum Konflikt zwischen Israel und Palästina!

Gewiss. Aber auch nicht mehr als das. „Exodus“ erzählt eine 5000 Jahre alte Geschichte, und ich bin nicht der erste, der sie erzählt. Damals ist Moses mit 400000 Menschen ins gelobte Land gekommen; und es wäre unklug gewesen, so viele Arbeitskräfte abzulehnen. Und auch heute haben die Juden in Israel ein Zuhause gefunden. Aber ich werde hier nicht weiter darauf eingehen. Um die heutige Situation geht es in meinem Film nicht. Und ich bin auch nicht Oliver Stone!

Anders als manche Ihrer bisweilen jüngeren Kollegen, die die Digitalisierung beklagen, scheinen Sie extrem empfänglich für die neue Technologien des Kinos zu sein…

Oh ja, ich liebe digital, 3D und all diese Dinge, dies aber erst seit noch nicht so langer Zeit. „Königreich der Himmel“ und „Black Hawk Down“ habe ich noch auf Film gedreht, „Robin Hood“ auch. Ich glaube, „Prometheus“ war mein erster digital gedrehter Film. Mit Sicherheit war ich einer der letzten von den großen Blockbuster-Regisseuren, die auf digitales Filmemachen umgestiegen sind. Jedenfalls kann ich mir jetzt nichts anderes mehr vorstellen. Für mich als Kontrollfreak ist es fantastisch, nicht mehr auf Film zu drehen.

Warum das denn genau?

Wenn man einen Film weltweit in die Kinos bringt, muss man locker 10.000 bis 15.000 Kopien davon produzieren. Doch auf Film kann man immer nur 1000 identische Kopien ziehen, was ein Albtraum ist, denn alle 1000 Kopien muss man den Film wieder von neuem aufziehen und justieren. Bei den digitalen Kopien drückt man heute einen Knopf am Computer, und alle 15.000 Versionen sind identisch. Was solche Sachen angeht, bin ich Pragmatiker. Und alles was die Postproduktion einfacher und schneller gestaltet, ist für mich ein Gewinn.

Und 3D? Was sind da bei einem Film wie „Exodus“ die Vorteile?

Die zehn biblischen Plagen etwa, von denen die Ägypter heimgesucht werden, hätte ich ohne 3D und moderne Tricktechnik niemals angemessen umsetzen können. Oder die großen Menschenmengen. Wobei man sagen muss, dass es da schon seit einigen Jahren tolle Möglichkeiten gibt. Ich erinnere mich noch, dass ich bei „Königreich der Himmel“ zum Beispiel nie mehr als 800 Statisten am Set hatte. Auf der Leinwand war dann trotzdem eine Armee von mehr als 17.000 Männern zu sehen. Solche Dinge wären ohne das digitale Arbeiten schlicht nicht möglich. Ich würde also sagen, dass ich wie dafür gemacht bin.

Sie sind kein bisschen nostalgisch und vermissen rein gar nichts aus den Zeiten von „Alien“ und „Blade Runner“?

Kaum. Das letzte Mal, dass doch ein bisschen Nostalgie in mir hochkam, war vor nicht allzu langer Zeit in London. Da lief im Fernsehen in meinem Hotelzimmer „Die Duellisten“, mein erster Film von 1977. Da blieb ich hängen, und ich muss sagen: Wunderschön. Gekostet hat der Film damals 800.000 US-Dollar. Wir haben mit nur einer einzigen Kamera gedreht, über Weihnachten in Bordeaux. Das war dann schon mal eine Gelegenheit, mich zu fragen, was heutzutage aus unseren Budgets geworden ist.

Interview führte Patrick Heidmann.