Berlin - Lange war es ruhig um den ehemaligen Byrds-Sänger und Gitarristen Roger McGuinn, der im Juli seinen 72. Geburtstag gefeiert hat. Schallplatten hat er in den vergangenen Jahren nur noch sehr sporadisch veröffentlicht, auf einer Berliner Bühne war er zuletzt 2009 zu sehen. Jetzt reist er wieder als Folksänger mit akustischer Gitarre umher: als Missionar längst verschollen geglaubter Lieder und freundlicher Verwalter seiner vielen Hits.

Mr. McGuinn, wenn Sie am Montag in der Passionskirche auftreten werden, spielen Sie ohne Band – und vor überschaubarem Publikum.

Es war eine ganz bewusste Entscheidung meinerseits, dass ich irgendwann endgültig „nein“ gesagt habe zu einer dauerhaften Wiedervereinigung der Byrds. Bis heute wird es mir ständig angetragen, aber ich weiß ziemlich genau, wohin das führen würde: Wir wären ein Nostalgie-Act, wir wären zur Wiederholung des Immergleichen verdammt.

Wenn man die Reinheit des Welterfolgs erlebt hat, will man nicht eine schlechte Kopie davon erleben. Da erscheint es mir selbst ehrlicher, zurück zu den Anfängen zu gehen, noch vor die Zeit mit den Byrds, bevor wir den Folk Monate vor Bob Dylan elektrifizierten – zurück zu den Folksongs, die ewige Lieder sind, die schönsten Lieder, die je geschrieben wurden, aber zunehmend in Vergessenheit geraten.

Wenn es die schönsten Lieder der Welt sind, warum geraten sie dann in Vergessenheit?

Machen wir uns nichts vor: Im Rückblick war es nichts als ein bizarrer Glücksfall, dass ich mich mit 14, drei Jahre bevor ich mit den Byrds berühmt wurde, für das Erlernen der Gitarre und des Banjos entschieden habe – um diese Folksongs zu verinnerlichen, die von nichts weniger als der großen, widersprüchlichen Welt handelten, von den Menschen und der conditio humana.

Denn Anfang der Sechziger hatte sich das Zeitfenster geöffnet für den Folk. Nachdem es sich wenige Jahre später wieder schloss, wurde es nie wieder geöffnet. Das war das Ende der Folk-Bewegung. Danach regierten Pop und Rock, und niemand interessierte sich mehr für die ganz spezielle Art der Narration, die dem Folk so eigen ist.

Sie betreiben mit Ihrer Frau Camilla seit 1995 das Internet-Projekt The Folk Den [auf ibiblio.org/jimmy /folkden-wp/, dem digitalen Archiv der Public’s Library in Amerika, Anm.]. Jeden Monat spielen Sie einen Folksong ein und stellen ihn kostenfrei ins Netz – bis heute über 200 Songs. Warum?

Es ist leicht, sich für etwas zu begeistern. Es ist schwerer, aber auch erfüllender, diese Begeisterung mit anderen zu teilen. Für das Folk-Den-Projekt muss ich die endlosen Archive der Folkmusik durchforschen und darf mich in sie hineinfallen lassen. Jeder neue Monatsanfang zwingt mich, einen neuen Song freizulegen, den Text zu lernen und eine kleine Einleitung zu schreiben, worum es in dem Song geht.

Das Projekt lässt mich kontinuierlich Musik aufnehmen, ohne dass es in schwere Arbeit ausartet. Ich bin im Rückblick selbst beeindruckt von der Menge an Songs, die bis heute auf diese Weise entstanden sind. Und nicht zuletzt erlaubt mir dieses Archiv bei Live-Konzerten den Zugriff auf ein schier unerschöpfliches, mir sehr vertrautes Repertoire.