Schauspielerin Heide Keller über ihren letzten Auftritt im ZDF-„Traumschiff“ nach 36 Jahren als Chefhostess Beatrice.

Frau Keller, an Weihnachten und Neujahr laufen die letzten beiden „Traumschiff“-Folgen, in denen Sie die Chefhostess Beatrice spielen. Sie verlässt das Schiff ohne viele Tränen. Warum haben Sie sich für diesen Abschied entschieden?

Ich wollte auf gar keinen Fall in die Verlegenheit kommen, dass ich als einsames Weib tränenüberströmt im Hafen rumstehe. Ich wollte, dass Beatrice einfach sagt: „Danke, es war schön.“ Wenn dann ein Tränchen kommt, ist das o.k., aber tränenreiche Abschiede kann ich nicht leiden.

Wie schwer fällt Ihnen der Abschied nach 36 Jahren?

Wenn man als Schauspieler eine Rolle anständig spielt, dann ist darin auch ein Stück des eigenen Lebens enthalten. Man geht mit sich als dem Instrument, das man benutzt, vor die Kamera. Und natürlich ist das mehr als der Abschied von einer Rolle. Es ist gleichzeitig der Abschied von einer langen Zeit, in der ich viel Wunderbares erlebt, die ganze Welt gesehen und Freundschaften geschlossen habe. Und ich habe auch Menschen gehen sehen müssen.

Wann kam Ihnen der Gedanke, das „Traumschiff“ zu verlassen, zum ersten Mal?

Ich habe zum ersten Mal 2010, als Horst Naumann verabschiedet wurde, darüber nachgedacht. Unsere ZDF-Redakteurin hat damals gesagt: Darüber reden wir, wenn du 80 wirst. Aber ich dachte, dann bin ich vielleicht schon zu wackelig. Es war mir wichtig, sagen zu können, dass ich das nicht mehr so wie früher kann. Und die neue Art, Gesichter in HD zu filmen, ist ja auch nicht gerade frauenfreundlich.

Warum?

Das ist scheiße, das muss ich mal so deutlich sagen. Die können ja gerne Mikroben so filmen, eine Landschaft oder Tiere. Aber gucken Sie sich doch mal die Frauen an. Sie sehen alles, sogar was unter der Haut passiert. Auch das Licht ist anders, das drückt das Gesicht so platt. Man sollte das abschaffen.

Sie haben gesagt, Sie möchten zum Abschied noch auf Stöckelschuhen die Gangway runtergehen können.

Der Satz sagt eigentlich alles. Wolfgang Rademann hat mal gesagt: „Die bleibt, bis der Dampfer untergeht. Selbst wenn wir sie im Rollstuhl schieben müssen.“ Aber im Rollstuhl möchte ich nicht geschoben werden. Man muss auch wissen, wann Schluss ist. Und deshalb wollte ich gehen, wenn ich noch auf Stöckelschuhen die Gangway runterkomme. Dabei ist das eigentlich ein blöder Satz, weil man sich auf Stöckelschuhen mit beiden Händen festhalten müsste. Das könnte man gar nicht filmen.

Beatrice verabschiedet sich, weil sie einen Bestseller geschrieben hat, der verfilmt werden soll. Wie kamen Sie darauf?

Rademann hat mir selbst noch den Auftrag erteilt, das Drehbuch zu schreiben. Mir kam die Idee, dass sie schon immer geschrieben hat und nun einen Roman veröffentlicht. Diese Männerfigur, die in dem Roman vorkommt, ist mein Großvater, Johann Jakob Krämer, den ich sehr geliebt habe. Dass dann ein Produzent sagt, das möchte ich mit Robert Redford verfilmen, ist eben typisch „Traumschiff“, da wird ein bisschen Puderzucker drübergestreut.

Warum war es Ihnen wichtig, auf diese Weise auszusteigen?

Ich wollte unbedingt verhindern, dass es ein Abschied wird, wie es ihn schon mal bei den Männern gab, die gegangen sind. Plötzlich gibt es eine große Liebe, von der vorher nie gesprochen wurde. Die Vorstellung, dass plötzlich der letzte lebende reanimierte deutsche Schauspieler da steht und mich heiraten will und dann stehen alle mit gekreuzten Paddeln da und singen „Rolling Home“, das wollte ich nicht.

Fällt es Ihnen schwer, Abschied zu nehmen?

Mir fällt es schon schwer, einen Sessel in meiner Wohnung anders hinzustellen. Pflanzen, die vielleicht einen anderen Platz brauchen, müssen lange durchhalten. Abschiednehmen ist für mich eine Tortur und ist mir ein Leben lang schwergefallen. Und deshalb bin ich sehr dankbar, dass Wolfgang Rademann gesagt hat, du bestimmst den Zeitpunkt. Ich konnte mich darauf vorbereiten.

36 Jahre sind eine lange Zeit. Gab es auch Phasen, in denen Sie nicht glücklich mit der Rolle waren?

Ich blicke auf eine wunderbare Zeit mit großer Dankbarkeit zurück. Großen Kummer gab es nie, da wäre Rademann sofort eingeschritten. Stinkstiefel hatten bei uns keine Chance. Aber es gab immer mal einen Regisseur, bei dem ich nicht verstanden habe, was er wollte und der mich nicht verstanden hat. Und es gab schon Zeiten, in denen ich an der Rolle rumgemeckert habe. Ich wollte nicht nur übers Schiff rennen und sagen „Herr Meyer, da ist ein Fax für Sie angekommen.“ Deshalb hab ich angefangen, an der Rolle mitzuschreiben.

Wann war das?

Das weiß ich gar nicht mehr so genau. Vielleicht vor 15 Jahren. An der Rolle rumgefummelt habe ich allerdings immer schon. Und das durfte ich auch. Ich hatte sogar manchmal den Auftrag. Rademann hat mal gesagt: „Wir haben die damals als schönen Kleiderständer engagiert, aber sie hat sich eine Rolle draus gemacht.“

Wie viel steckte denn von Ihnen in der Rolle?

Ich bin im Gegensatz zu ihr überhaupt nicht geduldig. Aber eine Liebe zur Wahrhaftigkeit habe ich auch. Ich habe zum Glück meine guten und auch meine kratzigen Seiten zeigen dürfen, denn nur dieses Sülzige hätte mir nicht gefallen.

Und nun halten Sie den Rekord für die am längsten gespielte Serienrolle in Deutschland.

Ich bin mir sicher, dass das dank dem ZDF und Rademann passiert ist. Normalerweise gäbe es bestimmt schon eine dritte Beatrice, die jetzt geht. Denn Frauen lässt man normalerweise nie so lange eine Rolle spielen.

Reisen Sie privat noch gerne?

Ich bin gerne im europäischen Sommer unterwegs. In Italien, Frankreich oder auch an der Nordsee. Aber weite Reisen habe ich genug gemacht. Ich werde sicher irgendwann noch mal auf ein Schiff gehen, aber Fernreisen hab ich im Moment nicht im Kopf.

Welche Pläne haben Sie denn für die Zeit nach dem „Traumschiff“?

Ich habe im Moment so viel zu tun. Ich habe keine freie Minute, das fühlt sich so an, als würde ich bald einen Oscar kriegen. Ich habe einen Vertrag mit einem Verlag und bin dabei, ein Buch zu schreiben. Das war der Traum meines Lebens. Ich sollte das mit einem Ghostwriter schreiben, aber das würde der nicht überleben. Jetzt schreib ich es selbst. Es kommt nächstes Jahr raus.

Finden Sie es gut oder schlecht, dass Sie so sehr mit dieser einen Rolle in Verbindung gebracht werden?

Solange mir die Menschen freundlich begegnen, finde ich das in Ordnung. Aber es gibt auch Leute, die an mir vorbeigehen und fragen „Ist das die aus dem Traumschiff?“. Und zwar so laut, dass ich es hören kann. Dann sag ich schon: Ich bin ja kein Tier im Zoo, man kann auch mit mir reden.

Hat es Sie denn überrascht, dass Ihr Abschied so viel Aufmerksamkeit erhalten hat?

Ich war sehr überrascht und fühle mich sehr geehrt. Vor allem, weil es meine Rolle nicht mehr gibt. Das Trikot bleibt also bei mir.