Sie hat sich ein wenig rar gemacht in letzter Zeit. Seitdem „in Amerika jeder Fluggast ein potenzieller Terrorist ist“, verlässt Shirley MacLaine ihre Wahlheimat Santa Fe nur mehr ungern. Vor mehr als 30 Jahren ist sie hierher gezogen, nach der Trennung von dem Filmproduzenten Steve Parker, mit dem sie von 1954 bis 1982 verheiratet war, in legendär offener Ehe: Mit ihrer Vielzahl an Affairen, unter anderem mit Yves Montand, Robert Mitchum, Schwedens Premierminister Olof Palme und Kanadas Regierungschef Pierre Trudeau, machte sie fast ebensoviel Schlagzeilen wie mit ihren Filmen.

Die drehte sie gleichwohl unter der Aufsicht der allergrößten Regisseure: Hitchcock, Minnelli, Billy Wilder, Mike Nichols. Fünfmal war sie als Beste Hauptdarstellerin für den Oscar nominiert, 1984 gewann sie den Preis, für ihre Rolle in dem Familiendrama „Zeit der Zärtlichkeit“, an der Seite ihres Freundes Jack Nicholson. Zu ihren Freunden zählten auch Jack Lemmon, Liz Taylor, Debbie Reynolds, genauso wie Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis jr., die sie als einziges Mädchen in ihrem „Rat Pack“ akzeptierten. Man übertreibt kein bisschen, wenn man Shirley MacLaine als eine der letzten großen Hollywood-Legenden bezeichnet.

Um so schöner, sie mal wieder auf der Leinwand zu sehen: In der Komödie „Zu guter Letzt“, die seit dem 13. April im Kino läuft, spielt die inzwischen 82-Jährige eine kratzbürstige alte Dame, die ihren Nachruf schon zu Lebzeiten verfasst haben will. Es ist eine Rolle wie für Shirley MacLaine geschrieben. Denn auch im wirklichen Leben ist sie alles andere als altersmilde. Im Gegenteil: Sie ist hellwach, hat eine scharfe Zunge und einen erfrischend lakonischen Humor.

Mrs. MacLaine, Sie spielen eine Frau, der es sehr wichtig ist, was die Leute nach ihrem Tod über sie denken. Haben Sie schon Ihren eigenen Nachruf in der Schublade?

Nein, das interessiert mich überhaupt nicht. Was mich für Harriet – so heißt die Dame nämlich– eingenommen hat, ist ihre Entschlossenheit, Dinge selbst zu regeln. Und die Energie, die sie dafür einsetzt. Das entspricht sehr meiner eigenen Auffassung davon, wie man dem Leben begegnen sollte. Viele von Harriets Charaktereigenschaften habe ich auch selbst: Sie ist sehr direkt, sehr offen, lässt sich nicht für dumm verkaufen, ist sehr ambitioniert, fordert viel von ihren Mitmenschen, hat aber auch ein großes Herz. Außerdem hat sie einen beißenden Humor und ein tiefes Bedürfnis, immer das zu sagen, was sie wirklich denkt und fühlt. Auch das kenne ich von mir. Ich habe dieses unbändige Verlangen, die Wahrheit zu sagen.

Hat Ihnen das im Laufe Ihres Lebens mehr genützt oder mehr geschadet?

Beides. Ich habe nie eingesehen, warum ich mich verstellen oder gar lügen sollte. Die Wahrheit kommt sowieso ans Licht. Und diese Blender sind meist auch noch furchtbar langweilig. Authentische Menschen sind jedenfalls viel interessanter. Außerdem hasse ich Smalltalk – das ist bloß Zeitverschwendung.

Im Film sagt Harriet: „Frauen müssen in ihrem Beruf doppelt so gut sein wie Männer, um erfolgreich zu sein und sich durchzusetzen.“ Haben Sie diese Erfahrung am eigenen Leib gemacht?

Dieses Statement trifft leider heute noch immer auf die allermeisten berufstätigen Frauen zu. In meinem Fall war das etwas anders. Da ich schon mit drei Jahren Ballettunterricht erhielt und dann als junges Mädchen zur Tänzerin ausgebildet wurde, hatte ich nicht wirklich das Problem, dass ich mich in einer Männerwelt durchsetzen musste. Als ich am Broadway tanzte, saß eines Abends Alfred Hitchcock im Publikum, der mich unbedingt für seinen Film „Immer Ärger mit Harry“ haben wollte. Was für mich als Neuling eine brillante Einführung ins Filmbusiness war. Damals war ich gerade mal 20. Aber ich weiß natürlich von anderen Schauspielerinnen, dass es für sie viel schwerer war als für mich, in Hollywood Fuß zu fassen – und dabeizubleiben.

Sie selbst hatten wirklich keine Probleme in Hollywood?

Natürlich war es auch für mich nicht immer leicht. Sich in einem Filmbusiness zu behaupten, das von Jugend, Sex und Schönheit besessen ist. Damit hat wohl jede Frau so ihre Probleme. Selbst wenn eine Schauspielerin diesem Rollenmodell entsprach, war das für die meisten Studiobosse und Produzenten noch längst nicht genug. Leading Women sollten natürlich auch noch sehr feminin und sensibel sein. Und am besten noch irgendwie schutzlos wirken. Ziemlich viel Ballast also. Da ich aber nie eine von diesen betörenden Hollywood-Schönheiten war, habe ich mich sehr schnell darauf besonnen, einfach gute Rollen an Land zu ziehen.

Sie waren sehr früh eine freigeistige und unabhängige Frau. Sie führten zum Beispiel schon in den 50er-Jahren eine offene Ehe. War das nicht wahnsinnig anstrengend, sich permanent gegen die Konventionen zu stemmen?

Meine Mutter opferte ihre künstlerischen Ambitionen für mich und meinen Bruder (Warren Beatty, Anm. d. Red.). Sie war eine sehr gute Kunstmalerin. Doch sie blieb zu Hause und konzentrierte sich ganz auf das Familienleben. Denn das war es, was man damals von einer Ehefrau erwartete. Als ich alt genug war, um das zu verstehen, beschloss ich, auf keinen Fall das Leben einer Hausfrau zu führen. Meine Mutter war also ein wunderbar abschreckendes Beispiel für mich. So hat sie mich angespornt, aus meinem eigenen Leben mehr zu machen. Sie müssen wissen, ich bin sehr beschützt aufgewachsen. Meine Eltern haben immer versucht, mich von den Widrigkeiten des Lebens fern zu halten. Irgendwann konnte ich diese Einengung nicht mehr aushalten und bin ausgebrochen. Vielleicht hat mich auch gerade dieses Verhätscheltwerden dazu getrieben, sehr oft – und sehr bewusst – über die Stränge zu schlagen. Ich habe mich im Zweifelsfall immer für das Abenteuer entschieden, nie für die Gemütlichkeit.

„Jeder ist der Architekt seines eigenen Lebens“, sagten Sie mal. Glauben Sie das wirklich?

Aber natürlich. Man kann doch das Leben nur aktiv angehen, es planen und hoffen, dass sich die Träume dann auch erfüllen. Wir sind ja nicht nur die Architekten unseres Lebens, sondern auch noch die Innenausstatter, die Putzfrau, der Hausmeister und der Gärtner. Alles, was uns in unserem Leben passiert, hat einen ganz bestimmten Sinn. Nichts ist belanglos. Da ich an Reinkarnation glaube, bin ich mir auch sicher, dass jedes Leben, dass wir schon gelebt haben, auch in das jetzige Leben einfließt. Und uns dabei hilft, uns selbst besser kennenzulernen und zu verstehen. Die Erinnerungen an diese Vorleben sind fest in unserem Unterbewusstsein verwurzelt.

Aber es gibt doch in jedem Leben auch Einflüsse von außen, die nicht unserer Kontrolle unterliegen. John Lennon hat das einmal sehr schön gesagt: „Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen.“ “

… das widerspricht ja nicht dem, was ich gerade sagte.

Dann haben Sie Ihr Leben mehr geformt, als das Leben Sie geformt hat?

Ich habe mein Leben definitiv mehr geformt. Ich habe mich doch nicht leben lassen! Jeder ist für sein Leben selbst verantwortlich ... (macht eine lange Pause) Das ist übrigens eine gute Frage. Darüber muss ich noch länger nachdenken.

Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass Sie die beste Version von Shirley MacLaine sind?

Das fragen Sie ausgerechnet mich? Darauf kann ich Ihnen so leicht keine gültige Antwort geben. Da ich schon viele Leben gelebt habe, folgt daraus, dass es mich schon oft gegeben hat und es vielleicht eine Million Versionen von mir gibt. Auf diesem Planeten bin ich schon seit der frühsten Zeit menschlicher Existenz. Ich weiß also nicht genau, in welcher Inkarnation ich mich jetzt gerade befinde. Vielleicht ist es ja gerade tatsächlich die beste Shirley-MacLaine-Version … (lacht) Aber ich kann Ihnen versichern, dass ich mit mir ganz zufrieden bin.

Welche ist denn die größte Erkenntnis, die Sie bisher in diesem Leben hatten?

Indem ich weit in der Zeit zurückgereist bin und mir viele meiner früheren Inkarnationen angeschaut habe, war ich in der Lage, viel über mich – als die Person, die ich gerade bin – zu erfahren. Dieses Wissen hat mich sehr geprägt. Es gibt also nicht nur eine größte Erkenntnis, sondern viele.

Man könnte Sie, höflich formuliert, als exzentrische Frau beschreiben.

Dagegen habe ich überhaupt nichts. Ich weiß, dass ich damit – und auch mit dem, was ich in meinen Büchern geschrieben habe – viele Leute vor den Kopf stoße. Aber was soll's? Das sind meine Erkenntnisse und Wahrheiten. Ich dränge sie niemandem auf. Aber ich werde mich dadurch von meiner spirituellen Reise nicht abbringen lassen und weiter forschen und suchen.

Zweifeln Sie manchmal auch an Ihren Überzeugungen?

Natürlich, aber ich habe mich selten verunsichert oder gar verloren gefühlt.

Fällt es Ihnen leicht, Ihre Balance im Leben zu halten?

Im Leben ist nichts einfach! Und wenn ich an Donald Trump denke , dann kann man schon mal die innere Balance verlieren. Auch alle meine Freunde und Bekannten fühlen sich von diesem brutalen Kerl abgestoßen. Es ist eine Schande, dass jemand, der so abgrundtief lächerlich ist, als Präsident der Vereinigten Staaten durchgeht. Sie müssen wissen, ich bin aus Richmond, Virginia, und in meinem Stammbaum sind die Gründerväter dieser Nation.

Vielen Ihrer Landsleute gefällt es gerade, dass Trump von „political correctness“ nichts hält.

Leider ist er der absolut Falsche dafür! Natürlich finde ich furchtbar, was im Namen dieser „political correctness“ alles gesagt wird – oder besser nicht gesagt wird. Für mich ist das ein großes Missverständnis. Denn bei Licht betrachtet ist es doch meist so, dass viele denken, sie würden sich politisch superkorrekt verhalten, wenn sie eben nicht die Wahrheit sagen. Andererseits hat uns Amerikanern dieses Wahl-Fiasko gezeigt, was wir noch alles lernen müssen, um in Zukunft so jemanden wie Trump effektiv zu verhindern. Das ist ein sehr bitterer Reality Check.

Im Film nimmt Harriet die junge Anne – gespielt von Amanda Seyfried – unter ihre Fittiche. Sind Sie auch im wirklichen Leben eine Mentorin gewesen? Oder hatten Sie selbst einen Mentor?

In meinem Leben gab es sicher Menschen, die mir geholfen haben, mich als Schauspielerin und als Mensch weiterzuentwickeln. Ihnen allen habe ich viel zu verdanken. Aber einen Mentor – was auch immer das genau ist – hatte ich nie. Ich würde mich selbst auch nicht als Mentorin bezeichnen. Aber im Laufe meiner Karriere habe ich jungen Schauspielerinnen gerne Ratschläge gegeben, wenn sie mich gefragt haben. Oft fiel das auf fruchtbaren Boden, oft nicht. Was ich nie begriffen habe, ist, dass heutzutage sehr viele dieser jungen Schauspieler fast alles tun würden – und ich meine wirklich alles! –, um ein Hollywoodstar zu werden. Zu meinem großen Entsetzen sind unzählige von der Droge Ruhm total angefixt. Sie sind süchtig nach all den oberflächlichen Dingen, die der Ruhm so mit sich bringt. Und sollten sie es dann tatsachlich einmal auf den roten Teppich geschafft haben, sind sie von der grellen Aufmerksamkeit, die man ihnen dort entgegenbringt, geradezu geblendet. Sie wissen nicht oder wollen nicht wahrhaben, dass Ruhm nur sehr flüchtig ist und nichts zur Persönlichkeitsbildung beträgt.

Sie sind nie in diese Falle getappt?

Ruhm hat mir nie viel bedeutet. Das Leben zu entdecken, die Welt zu bereisen oder Liebesbeziehungen auszuleben, war mir immer viel wichtiger als meine Karriere. Und woraus besteht denn eine Künstlerkarriere im Wesentlichen? Aus Talent und harter Arbeit. Gott sei Dank gibt es dann ja doch noch eine Handvoll junger Schauspielerinnen, die das erkennen. Eine davon ist Jennifer Lawrence. Auf sie bin ich besonders stolz. Was für eine intelligente und hochtalentierte Person. Leider habe ich noch nie mit ihr zusammen gearbeitet, aber wir kannten uns schon, bevor sie zum Superstar wurde.

Haben Sie ihr auch Ratschläge mit auf den Weg geben?

Ja, ich sagte zu ihr: „Erkenne dich selbst. Bleibe du selbst. Vergiss nie, wo du herkommst, was deine Wurzeln sind. Respektiere dein Talent. Vergeude es nicht. Und wenn es geht, bewahre dir deinen Humor.“