Am Montagabend treffen sich 500 Menschen zum Rudelsingen. Es ist die erste Veranstaltung dieser Art in der Stadt. Im Kabarett-Theater „Die Wühlmäuse“ singen sie Gassenhauer und Hits. Die Potsdamer Sopranistin und Kammersängerin Christine Wolff wird den Chor begleiten. Die Veranstaltung ist seit Wochen ausverkauft.

Frau Wolff, was ist Rudelsingen?
Da kommen Leute zusammen, die gern singen: in der Dusche, in der Badewanne oder im Auto. Meistens können sie die Texte nicht, dann summen sie. Beim Rudelsingen stehen die Texte auf der Leinwand, zwei Musiker spielen , und die Menschen können endlich mal all die Lieder mitsingen, die sie schon ein Leben lang begleiten.

Sie wählen die Songs aus. Worauf achten Sie?
Es müssen Lieder sein, die alle kennen. Ich habe eine Liste mit 800 Titeln: Abba, Beatles, Udo Jürgens, Udo Lindenberg, Andreas Bourani und Mark Forster. Das reicht dann von Folk, Rock, Pop bis zu Chansons.

Und Sie sind die Vorsängerin?
So nenne ich mich nicht gern. Wir sind Musiker auf der Bühne und singen mit den anderen. Wir moderieren und heizen ordentlich an. Wir zeigen die Einsätze, aber das brauchen wir meist gar nicht.

Singen alle gleich mit?
Ja! Als wenn die Menschen nur darauf gewartet haben, endlich loszusingen. Vom ersten Ton an funktioniert das. Ich denke, die Menschen kommen, weil sie einfach aus Spaß singen wollen. Die Leute tanzen, sie klatschen mit, sie lachen und gehen aus sich heraus. Da steckt so viel Freude und Energie drin.

Sind Berliner auch so sangesfreudig, wie es man es aus Karnevalsgegenden wie dem Rheinland kennt?
Wahrscheinlich sind Berliner die sangesfreudigsten Menschen, denn die Veranstaltung war ohne Werbung gleich ausverkauft.

Wir wissen aber auch, dass Menschen sich oft nicht trauen, vor anderen zu singen. Können Sie diesen Menschen ihre Hemmungen nehmen?
Das muss ich gar nicht machen. Denn die Menschen merken doch ganz schnell, dass sie durch das gemeinsame Singen gar keine Hemmungen haben müssen. Sie spüren, um sie herum singen auch viele Menschen – zwar nicht immer ganz richtig, aber es klingt kurioserweise immer schön.

Ihr Leitmotto lautet: Jeder Mensch kann singen.
Ich führe es sogar noch weiter. Jeder Mensch, der sprechen kann, kann auch singen. Es muss ja nicht so klingen wie bei Anna Netrebko. Bei vielen ist das Singen eingerostet, denn sie probieren es nicht mehr aus und gehen nicht in Chöre.

Warum ist Singen so wichtig?
Es gibt so viele Studien darüber, aber die braucht man gar nicht. Jeder spürt es doch selbst: Singen macht glücklich. Das ist keine neue Erkenntnis, aber es stimmt. Ich finde kein passenderes Wort.

Singen Sie jeden Tag?
Na klar. Und ich kann oft nicht aufhören, ständig ist Musik in meinem Kopf. Ich finde, wenn Politiker im Bundestag vor jeder Sitzung ein Lied singen würden, das wäre so cool, da würde es allen besser gehen. Aber ob ich das noch schaffe, ein Rudelsingen im Bundestag zu organisieren …

Welches Lied singen Sie am liebsten?
Es ist immer der Song, den ich gerade singe.

Welcher Song war es heute früh?
Das verrate ich nicht. Wenn ich Ihnen jetzt einen Song nenne, könnte das manche abschrecken, weil sie vielleicht genau diesen Song nicht mögen. Dabei ist es doch nur ein Song von vielen, denn wir bieten abends ganz verschiedene Stile.

Sie sind eine erfahrene Opernsängerin. Was reizt Sie so am Laiengesang?
Ich habe länger als 20 Jahre als Solistin in großen Opernhäusern gesungen. Doch heute habe ich einen anderen Ansatz. Ich denke: Es gibt genug Opernsänger auf der Welt. Wichtiger ist mir, Menschen mit Gesang in Berührung zu bringen. Da fühle ich mich besser aufgehoben.