Teju Coles erster in den USA veröffentlichter Roman „Open City“ machte ihn dort auf einen Schlag bekannt. Am 17. September erscheint das Buch in Deutschland. Zum Interview erscheint Cole in unauffälliger Reisekleidung, seine Kamera trägt er um den Hals, die Filmrollen darin fehlen. Kafka sei ihm auf den Schlichen, so interpretiert es der ausgesucht höfliche Autor.

Nach der Lektüre von „Open City“ konnte ich nicht schlafen ...

Danke.

Und zwar weil Sie sich einem ziemlich ernsten Thema in der Geschichte New York Citys widmen. In mancherlei Hinsicht soll es noch schlimmer sein als das Terrorismusproblem ...

Die Bettwanzen! Nachdem das Buch herauskam, wurde das Ganze seltsamerweise noch viel schlimmer.

Wir haben davon gehört. Wurde es inzwischen gelöst?

Im Gegenteil. Und darum interessiert es mich. In meinem Buch versuche ich über jene Dinge zu schreiben, die uns beunruhigen, die aber nicht leicht zu sehen sind. Das gilt für die Wanzen genauso wie für Terrorismus, Diskriminierung und all die verdrängte Geschichte, die Menschen mit sich herumtragen.

Drei Fragen über die Nähe zwischen Ihnen und Julius, dem Ich-Erzähler Ihres Romans: Haben Sie eine deutsche Mutter? Wurden Sie an einer nigerianischen Militärschule ausgebildet? Sind Sie jemals niedergekniet, um den Duft der Kräuter eines Herbariums einzuatmen?
Nein, nein und ja.

Was ist der größte Unterschied zwischen Julius und Ihnen?

Natürlich schöpft man immer aus seiner eigenen Geschichte. Aber in gewisser Hinsicht hat Julius mehr von Obama als von mir. Der größte Unterschied ist, dass er keinen Jazz mag! Ein wichtiger Unterschied! Wenn Leute das durcheinander bringen, macht es mich richtig wütend!

Die Art, wie sie Ihre Themen – Entwurzelung, emotionale Brüche, Reisen, Beschreibungen von Werken anderer Künstler – und auch Ihren deskriptiven und etwas distanzierten Stil wählen, lässt darauf schließen, dass Sie den Einfluss, den W.G. Sebald auf Sie hat, nicht verbergen wollen. Fast wundert man sich, dass Sie keine Fotografien verwendet haben. Vor allem, da Sie doch auch Fotograf sind.

Ich glaube, der Einfluss Sebalds wird überbewertet. Andere Einflüsse sind mindestens eben so stark: James Joyces „Dubliners“, John Berger, vor allem V.S. Naipaul. Die Methode, viel intellektuelles Beobachtungsmaterial zusammenzutragen, wird oft mit Sebald gleichgesetzt. Dabei sind meine Vorbilder auch die naturkundlichen Essays des 17. Jahrhunderts, von Thomas Brown oder Robert Burton. Mein Verlag machte mir sogar den Vorschlag, Fotografien zu verwenden. Aber ich lehnte ab. Das wäre eine zu starke Hommage gewesen. Dagegen habe ich in meinem ersten Buch, einer Novelle, die 2006 in Nigeria erschien, Fotografien verwendet. Allerdings bevor ich Sebald gelesen habe.

Im Bezug auf indische oder marokkanische Autoren konstatiert Julius, es sei immer schwierig dem Verkaufsargument der Orientalisierung zu widerstehen. Sie sind ein junger nigerianischer Autor, leben in NYC, schreiben in einem eher gesetzt-europäischen Stil über einen jungen Mann, der ausschließlich klassische Musik hört und Sex mit einer 50-Jährigen hat. Ist das schon wieder der Exotismus des Anti-Exotismus?

Ist es europäisch, klassische Musik zu hören? Ich glaube, die Stile sollten genau wie die Erfahrungen, die wir machen, globalisiert werden. Es interessierte mich nicht, eine Mehrgenerationen-Familiensaga, die in Nigeria spielt, zu schreiben. „Open City“ war auch eine bewusste Beschränkung. Zurzeit arbeite ich an einer Non-Fiction zu Lagos. Außerdem ist Julius’ Lektüre doch sehr zeitgenössisch.

Aber wenig progressiv. Er liest Tahar Ben Jelloun und Roland Barthes ...

Für die USA ist das schon jenseits des Mainstreams.

Interessieren Sie sich nicht für die Themen Ihrer altersgleichen New Yorker Kollegen? Sex, Drogen, Schreibblockaden, Occupy ...

Und Rock’n’Roll? Nein, kein bisschen. Ich glaube, Flaubert hat gesagt, dass die Autoren, die du bewunderst, alle Zeitgenossen untereinander werden. Mein Ziel ist es, ein Zeitgenosse der Geschichte zu sein. So wie ein bildender Künstler es sein kann, der in einen Dialog mit Matisse tritt, der wiederum einen Dialog mit Manet führte, und der sich seinerseits mit Velasquez auseinandersetzte.

Ihr Roman 2010 spielt 2006/7, vor der Finanzkrise, vor Obama, vor den Bewegungen in der arabischen Welt.

Ich entschied mich bewusst für eine „Zwischenzeit“: 9/11 war passiert, genauso der Krieg im Irak. Aber die anderen historischen Dinge standen noch an. Das Buch thematisierte dieses verunsicherte und halb unbewusste Warten. Julius’ Warten auf den Winter, der nicht einsetzen will, strahlt diese Stimmung aus.

Ein Teil Ihres Romans spielt in einem recht düsteren Brüssel. Diskussionen über Rassismus und Islamismus finden dort statt. Außerdem schreiben Sie über die rechtsextreme Partei Vlaams Belang. Wie kam Ihre Lesung in Brüssel an?

Die Leute waren froh, dass überhaupt mal jemand über Brüssel schreibt. In der europäischen Literatur schreibt man über Paris, London oder Berlin. Brüssel muss aus Übersee exportiert werden.

In Sebalds „Gefühle. Schwindel“ könnte 2013 ein apokalyptisches Jahr sein. Wenn Mitt Romney in den USA die Wahlen gewinnt, käme dies einer Apokalypse gleich?

Wir leben doch schon in einer apokalyptischen Situation. Guantanamo hat immer noch geöffnet und Menschen werden aus Drohnen heraus umgebracht. Trotzdem ist Obama vielleicht der beste Präsident, den die USA jemals hatten. Bei den Römern gab es spätestens nach vier guten Herrschern wieder ein schreckliches Monster. Das ist der Lauf der Geschichte. Wenn Romney gewinnt, würden sich die negativen Dinge eben stark beschleunigen.

Das Gespräch führte Astrid Kaminski