Interview mit Theodor Michael: "Ohne Wunden kommt kein schwarzer Mensch durchs Leben"

Theodor Michaels Mutter stammte aus Preußen, sein Vater aus Kamerun. Deutschland nennt er sein Mutterland. Er ist 89 und hat zum Glück noch seine Biografie geschrieben.

Ihr Vater kam Anfang des vorigen Jahrhunderts nach Berlin und trat später, um Geld zu verdienen, mit Ihnen und Ihren Geschwistern in Völkerschauen auf. Sie hassten das.

Wir wurden dort begafft, die Leute fassten unsere Haut an, fuhren uns mit den Fingern durch die Haare. Aber selbst, wenn ich normale Kleidung trug, hatte ich oft das Gefühl, uns würde das Baströckchen hinterhergetragen, als stehe uns die europäische Kleidung nicht zu.

Während der Nazizeit wurden Sie des Kant-Gymnasiums in Karlshorst verwiesen, Sie wurden für staatenlos erklärt. In Ihrem Buch schreiben Sie: Ich hatte überhaupt keinen Platz in der Welt.

Das war ein furchtbares Gefühl. Es hat mich krank gemacht. Ich war 14, als bei mir Magengeschwüre diagnostiziert wurden.

Sie arbeiteten dann als Komparse in mehreren Kolonial-Filmen.

Wir waren da nur Dekoration.

Später kamen Sie in ein Zwangsarbeiterlager und hörten von Zwangssterilisation von afro-deutschen Kindern und Jugendlichen.

Es war davon die Rede, dass das heimlich vorgenommen wurde, wenn die Leute wegen irgendetwas ins Krankenhaus mussten. Ich wurde also noch vorsichtiger und versuchte vor allem, nicht ins Krankenhaus zu kommen.

Sie haben nach dem Krieg durch das Verhalten weißer US-Soldaten Ihnen gegenüber erfahren, dass der Rassismus sich nicht auf die Nazis beschränkt. War das ein Schock?

Für uns Schwarze war Amerika das gelobte Land. Da muss man hin, haben wir gedacht, es ist toll dort. Ich habe dann von weißen wie von schwarzen Amerikanern erfahren müssen, dass die Wirklichkeit anders aussieht. Zu der Zeit herrschte in der US-Armee noch Rassentrennung. Bei einer Tanzveranstaltung, die ich mit meiner späteren Frau besuchte, wurde ich von zwei weißen amerikanischen Militärpolizisten fast mit Gewalt aus dem Saal gedrängt.

Sie haben in der Bundesrepublik unter anderem als Schauspieler gearbeitet und erlebt, dass schwarze Rollen mit schwarz geschminkten Weißen besetzt wurden. Was halten Sie von diesem „Blackfacing“? Vor Kurzem wurde darüber auch in Berlin debattiert.

Sie meinen sicher die Inszenierung im Schlosspark-Theater „Ich bin nicht Rappaport“ mit Didi Hallervorden und Joachim Bliese. Nach diesen beiden Rollen leckt sich jeder ältere Schauspieler die Finger, weil sie einfach schön sind. Schlimm an der ganzen Geschichte war, dass gesagt wurde, es gäbe in ganz Deutschland keinen schwarzen Schauspieler, der die Rolle des Midge hätte spielen können. Ich hätte mindestens fünf nennen können und habe sie selbst 150 Mal gespielt.

Ihre Generation hat lange über das in der Nazi-Zeit Erlebte geschwiegen. Wann hat sich das bei Ihnen verändert?

Das war ein Prozess. Ich habe zwölf Jahre an dem Buch gearbeitet. Erst einmal trat alles zurück hinter der Freude, überlebt zu haben, und man wollte auch vergessen. Noch etwas hat eine ganz große Rolle gespielt: die Vernichtung von Millionen von Juden und mehreren Hunderttausend Roma und Sinti. Da ist ein Schicksal, so wie ich es erlebt habe, gar nichts. Und die Freude an Kindern und Kindeskindern versöhnt einen dann auch mit einem schwierigen Mutterland. Hans Massaquoi, der Autor von „Neger, Neger Schornsteinfeger“, hat mich gefragt, ob ich meine Erinnerungen aufgeschrieben habe. Meine Kinder und die Enkel haben mich auch dazu gedrängt. Und die Kinder schwarzer amerikanischer Soldaten. Sie wollten wissen, wie man es schafft, groß zu werden, ohne Wunden, ohne Verletzungen. Doch ohne sie kommt in einer von Weißen bestimmten Welt bis heute kein schwarzer Mensch durchs Leben.

Bringt Sie das nicht zur Verzweiflung?

Ich kann nur jeden darin bestärken, sich nichts gefallen zu lassen. Die Freiheit des Wortes zu nutzen. Wir haben heute keine Gesetze in Deutschland, die Rassismus ermöglichen. Wenn ich am Flughafen nach meinem Pass gefragt werde, der Grenzbeamte vor mir aber alle anderen durchgelassen hat, dann sage ich, wenn er mich kontrolliere, müsse er alle kontrollieren. Er tut das dann bei den Folgenden, und die schimpfen. Aber mir macht das nichts aus. Ich habe erreicht, was ich erreichen wollte: Die anderen darauf aufmerksam zu machen, dass hier etwas nicht stimmt. Einmal ging ich mit einer Professorin aus den USA durch den Kölner Hauptbahnhof, da hörte ich neben uns eine Stimme: You niggers go back to Africa. Was macht man in einer solchen Situation?

Das frage ich mich auch.

Man lacht! Man lacht denjenigen aus, der das sagt.

Haben Sie Ihren Platz in der Welt heute gefunden?

Selbstverständlich. Kein Mensch ist illegal. Jeder Mensch hat seinen Platz. Man muss ihn sich nur manchmal erkämpfen.

Das Gespräch führte Susanne Lenz.