Das Unbehagen unter Kulturschaffenden und Künstlern ist deutlich. Der Appell einiger Politiker, der AfD nicht die Leitung des Kulturausschusses zu überlassen, wurde vielfach unterzeichnet, und auch Einzelne haben das Bedürfnis, den Dingen nicht einfach ihren Lauf zu lassen, sondern zu signalisieren:

Mit uns nicht bzw. (je nach Sichtweise) mit euch nicht! Wir fragten Thomas Oberender, den Intendanten der Berliner Festspiele, ob auch für ihn die Grenze der Verhandelbarkeit schon erreicht sei.

Herr Oberender, was sagen Sie zu Berndt Schmidts Initiative, sein Ensemble am Friedrichstadt-Palast zu schützen, indem er, wie zunächst verkündet, AfD-Wählern das Willkommen verweigert? Hat Theater nicht den Auftrag, die ganze Gesellschaft mit einzubeziehen?

Thomas Oberender: Wir wissen, dass nur ca. 2,5 bis 3,5 Prozent der Stadtbevölkerung Berlins, und in anderen Städten ist das ähnlich, die Angebote der subventionierten Theater annimmt. Beim Friedrichstadt-Palast wird diese Quote etwas höher liegen, wahrscheinlich auch die der internationalen Besucherinnen und Besucher, doch die Annahme, dass Theater die ganze Gesellschaft ansprechen, ist zwar sehr sympathisch, aber hochgradig idealistisch. Trotzdem haben Sie Recht - diese subventionierten Häuser sollen kein closed shops „ewiger“ Werte sein, ihre Bühne gehört allen und zwar genauso wie ihre Säle, und diesen Anspruch darf man nicht aufgeben. Das gilt auch für AfD-Wähler, die da eine interessante Erfahrung machen können: Wer auf diesen Bühne repräsentiert ist, ist heute genauso wichtig wie das, was repräsentiert wird, und im Hinblick auf Diversität ist der Friedrichstadt-Palast manch anspruchsstolzen Stadttheatern einen Schritt voraus. Ich kann vor diesem Hintergrund diese Hausmitteilung von Berndt Schmidt emotional nachvollziehen, auch wenn ich sie für übereilt und auch gefährlich halte. Denn sie stärkt unfreiwillig die Selbststilisierung der AfD als Partei der Opfer. Das hätten sich die AfD-Strategen nicht besser ausdenken können. Aber grundsätzlich geht es natürlich darum, dass die AfD nicht das liberale Lager spaltet. Dass der Badener Berndt Schmidt sich mit „dem Osten“ identifiziert, ist ja sehr sympathisch, auch wenn ich das AfD-Problem für kein Ostproblem halte, dieser also in seiner Ehre auch keineswegs verteidigt werden muss.

Wo stehen wir mit unserer Kunst, unserer Diskussionskultur und der sogenannten offenen Gesellschaft?

Uns fehlt eine starke Linke. Hierüber schreibt Didier Eribon in „Rückkehr nach Reims“, dies hat ihn zum Schreiben bewogen. Warum wählt ein Teil des klassisch linken Milieus plötzlich rechts außen? Man kann Die Linke und AfD in keiner Weise vergleichen, aber ich erinnere mich sehr gut daran, wie Helmut Kohl im Bundestag Gregor Gysi lächerlich gemacht hat und unter hämischem Beifall dessen Sprache als gestrig und undemokratisch verhöhnte. Wir sollten der AfD nicht den Gefallen tun, sie so auszulachen wie einst die Linke. Wobei die Linke nie mit völkischen oder rechtsextremen Positionen verbunden war. Von verschiedenen Seiten formuliert sich das Bedürfnis, ein Zeichen zu setzen, Nein zu sagen und bestimmte Praktiken oder auch Menschen schlicht nicht mehr zuzulassen. Dabei hat, zumindest im Fall der AfD, der Dialog noch gar nicht begonnen. Die Wendezeit in der DDR war eng verbunden mit einem damals sehr populären Zitat von Rosa Luxemburg: „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.“ Diese Haltung nimmt jetzt die neue Rechte für sich in Anspruch und diese Herausforderung muss man annehmen. Rassismus ist ein Strafbestand, Populismus ist ein Gift, ihm sollte man keine Podien schaffen, das sehe ich wie Berndt Schmidt, aber wir sollten z.B. nicht alle AfD-Wähler mit einzelnen AfD-Politikern gleichsetzen. Der Anteil von Gewerkschaftsmitgliedern in der AfD ist höher als in jeder anderen Partei. Die AfD ist eine Partei der Durchschnittsverdiener mit unterdurchschnittlicher Arbeitslosigkeit, wenn wir sie alle wie Reichsbürger behandeln, ist das arrogant und kurzsichtig.

Ist es nur die Naivität des weißen Mittelstands, noch an einen Dialog zu glauben, obwohl es längst um Terrainverteidigung geht? Oder spiegeln die Wohlmeinenden mit ihren Maßnahmen unfreiwillig die Intoleranz der anderen Seite?

Ja, ich denke oft an diesen schrecklichen Satz: Man wird, was man hasst. Für mich gilt das bereits erwähnte Zitat von Luxemburg, das wir uns 1989 auf die Bettlaken geschrieben haben, immer noch, auch wenn das angesichts der AfD sehr herausfordernd ist. Unlängst habe ich einen sehr jungen Mann kennengelernt, Ali Can, er kam mit 20 Jahren als Flüchtling nach Deutschland. Bekannt wurde er, weil er als „Migrant unseres Vertrauens“ ein Sorgentelefon für AfD-Wähler eingerichtet hat, was irgendwie witzig klingt aber zugleich entwaffnend ernsthaft ist. Sein Buch „Hotline für besorgte Bürger“ beschreibt seine Begegnungen mit Pegida-Anhängern und AfD-Wählern in Dresden. Er ist zu ihnen gegangen und das Gespräch gesucht. Mir hat das den Atem verschlagen - diese entwaffnende Neugier und die wertvollen Erfahrungen von Zugänglichkeit und Widersprüchlichkeit, die ihr entsprangen sind wichtig für uns alle und ein Beispiel für das Verhalten echter Demokraten. Ali Can gibt keine Seele verloren, auch die eigene nicht, ohne ein so genannter „Gutmensch“ zu werden.

Welche Rolle kann in diesem Spannungsfeld die Kunst spielen?

Was Ali Can mit solchen Aktionen macht, kommt dicht heran an künstlerische Arbeiten von Schlingensief oder dem Zentrum für politische Schönheit, die ja auch eher soziale Plastiken schaffen, als feierlich betrachtbare Werke. Kunst, ich kann das nur persönlich beantworten, schafft eine alternative Form von Realität inmitten der anerkannten Wirklichkeit. Hier können wir in der Begegnung mit einer anderen Sprache und Form der Welt angstfrei neuen Perspektiven entdecken und unser kleines Leben als sterblich und eingebettet begreifen. Die Form, in der diese andere Art von Realität entsteht, ist mir fast gleichgültig, Hauptsache sie wird bewegt von einem Problem, das mich erreicht und berührt. Künstler sehen häufig Muster, die ich oft nicht sehe oder eben nur durch sie, und so sehe ich das Fremde. Es ist eine seltsame Form von Genuss, der zu nichts dient, aber allen hilft, Diversität zu achten und als etwas Wertvolles zu erleben.

Welche speziellen Erfahrungen gibt es da bei den Berliner Festspielen?

Es sind vor allem Lernerfahrungen. Struktureller Rassismus ist z.B. nichts, das immer bloß die anderen betrifft. Wir versuchen unsere Institution, deren repräsentative Anliegen einem steten Wandel unterliegen, neu zu definieren, unsere Sprache zu überprüfen - beim diesjährigen Theatertreffen gab es intensive Diskussionen um unsere Bitte um den Verzicht der Verwendung des „N-Wortes“ in einer eingeladenen Aufführung. Wir arbeiten, oft durch unsere künstlerischen Projekte begründet, mit stadtpolitischen Akteuren zusammen und realisieren mit ihnen Veranstaltungen zum Thema Migration, Gentrifizierung, Postkolonialismus oder wie unlängst zum Thema Deutschsein.

Wie passt für Sie die Sichtweise, einen „guten“ und einen „bösen“ Osten zu differenzieren, in die von Ihnen kürzlich in der Wochenzeitung Die Zeit konstatierten Tendenz, dem Osten die kulturelle Wertigkeit abzusprechen?

3,8 Millionen Menschen haben die AfD in den alten Bundesländern gewählt. Warum spricht man nicht über sie? Die Macht zeigt sich, wie Foucault sagt, darin, worüber man nicht spricht. Wieso wandelt sich die Debatte nun zur Debatte über den Osten, der „die Demokratie immer noch nicht richtig gelernt“ hat. Wieso distanziere ich mich jetzt von Berndt Schmidt? Wir wollen die gleiche Sache – Widerstand gegen die Politik der AfD. 22 Prozent der Bevölkerung hat Migrationshintergrund, im Bundestag sind es nur sechs Prozent, in den Medien nur fünf. Es geht um Diskriminierungserfahrungen in unterschiedlichsten Milieus und dass man das Narrativ der Demokratie plötzlich ernst nimmt und fragt: In was für eine Schachtel werde ich als Ostdeutscher oder Türke oder wer auch immer gesteckt? Dreißig Jahre nach der Öffnung der Mauer kriechen die Menschen aus diesen Schachteln, die von der stillen, schweigenden Mehrheit gebastelt wurden, und das ist ein guter Prozess. Der Wahlerfolg der AfD ist seine Schattenseite. Aber kein Problem des Ostens. Wir müssen wie Ali Can im alltäglichen Einerlei unsere demokratischen Spielregeln verteidigen.

Welche Konflikte offenbart die Auseinandersetzung mit der AfD?

Es geht dabei nicht so sehr um Ost und West, oben und unten, nicht wirklich um arm und reich, sondern um Diskriminierungserfahrungen, eine Konfliktlinie zwischen kosmopolitisch oder kommunitaristisch, zwischen identitären Wertvorstellungen, die an Sprache, Hautfarbe oder das Christentum geknüpft sind, oder einem Kanon ethischer Werte, die sich z.B. von unserer Überwindung des Nationalsozialismus ableiten, etwas mit Erinnerungskultur zu tun haben, mit Respekt und unserer Verpflichtung zur Solidarität, die in Deutschland eine lange Geschichte hat. Das verbindet die Geschichte der Ostdeutschen mit den Erfahrungen von Migranten und beschreibt einen gesamtdeutschen Gesellschaftswandel, dessen neue Hintergründe und Allianzen Wissenschaftlerinnen wie Naika Foroutan, Kathleen Heft oder die Dritte Generation Ost erforschen. Der letzte Wahlkampf wurde durch Fragen der Kultur und Identität entschieden. Die AfD hat darauf die für mich fatalsten Antworten gegeben, was umso dringender zeigt, dass man ihr dieses Feld nicht überlassen darf. Alles andere führt dazu, dass neue Mauern gebaut werden.