Selten dürfte ein Filmregisseur schon in jungen Jahren so erfolgreich sein wie Xavier Dolan. Nach einer  Karriere als Kinderdarsteller und Synchronsprecher  inszenierte er als 19-Jähriger seinen ersten Film „Ich habe meine Mutter getötet“, der prompt beim Filmfestival in Cannes lief. Seither folgten mit „Herzensbrecher“, „Laurence Anyways“, „Sag nicht, wer du bist!“ und „Mommy“ weitere Filme. Außerdem führte der  Frankokanadier beim  Video zu Adeles „Hello“ Regie. Heute kommt  mit „Einfach das Ende der Welt“ Dolans sechster Spielfilm in die Kinos. Wir trafen den 27-Jährigen zum Interview.

Xavier Dolan,  zur Weltpremiere Ihres neuen Films „Einfach das Ende der Welt“ waren die Kritiken  teilweise harsch. Bekommen Sie so etwas überhaupt mit?

Natürlich! Mich hat immer interessiert, was die Leute über meine Arbeit sagen. Ich finde es notwendig, ja  fast eine Pflicht, mich damit auseinanderzusetzen. Das kann durchaus hilfreich sein, denn manchmal finde ich in den Besprechungen meiner Filme Antworten auf Fragen, die ich selbst hatte. Wenn ich überall lese, dass  die Kritiker zum Beispiel Weiß sehen, wo ich  Schwarz im Sinn hatte, dann sollte mir das zu denken geben. Was ich in diesem Jahr in Cannes erlebt habe, war aber etwas anderes.

Kann man hämische Kritiken und Tweets nicht einfach ignorieren? Die Geschmäcker sind nun einmal verschieden ...

Ich weiß  nicht, wie ich Kritiken nicht persönlich nehmen soll. Wer meine Filme nicht mag, der mag mich nicht. Es steckt so viel von mir und meiner Persönlichkeit in meiner Arbeit – das lässt sich nicht trennen. Das da auf der Leinwand – das ist ein Teil von mir.

Dann müssen Sie sich vielleicht einfach sagen, dass gewisse Leute den Film nicht verstanden haben.

Bislang habe ich mich immer geweigert, Unverständnis als Ausrede zu nehmen. Ich fand, dass das eine Beleidigung ist, denn damit unterstelle ich den Kritikern, dass sie nicht intelligent genug für meine Filme sind. Und das ist sicher nicht der Fall. Bei „Laurence Anyways“ gab es auch viele, die den Film nicht mochten, und ich habe die Gründe dafür durchaus erkannt. Der Film war für einige zu queer, zu flamboyant, zu sehr Musical, zu ästhetisiert, zu lang. Aber im Falle von „Einfach das Ende der Welt“ habe ich  doch das Gefühl, dass einige den Film nicht verstanden haben. Als gemein und dumm, wie meine Figuren teilweise beschrieben wurden, empfinde ich sie nämlich kein bisschen.

Die Fallhöhe nach Ihrem überall gefeierten Film „Mommy“ war natürlich  groß. Haben Sie Druck verspürt, diesen Erfolg zu wiederholen?

Quatsch. Dann hätte ich „The Return of the Mommy“ drehen müssen – und da habe ich wirklich Besseres zu tun. Wenn es etwas gibt, was mich gar nicht interessiert, dann mich zu wiederholen. Jeder meiner Filme wird komplett anders sein als der davor, also werden auch immer Erwartungen enttäuscht, und ich beginne jedes Mal bei Null. Oder sagen wir es mal so: Ich beschäftige mich seit sieben Jahren mit Müttern und Söhnen, da darf es dann doch bitte erlaubt sein, dass ich zumindest die Art und Weise jedes Mal ändere. Und wie traurig wäre es, wenn ich heute mit 27 Jahren immer noch genauso arbeiten würde wie damals als 19-Jähriger?!

Ist  „Einfach das Ende der Welt“  Ihr bisher erwachsenster Film? 

Klar,  ich bin  älter und reifer,  als ich es bei jedem anderen Film war. Außerdem ist dies der erste Film, in dem es ausschließlich um Erwachsene und sehr erwachsene Probleme geht. „Laurence Anyways“, der auch erwachsen war, war gleichzeitig ein Film über zwei Jugendliche, die vor ihrer Realität flüchten.

Inzwischen haben Sie schon den nächsten Film abgedreht, eine große  englischsprachige Produktion mit Stars wie Jessica Chastain, Natalie Portman und Susan Sarandon. Sind Sie  jetzt ganz oben angekommen in der Filmwelt?

Was heißt schon ganz oben? Geht es nicht immer noch höher? Auf jeden Fall habe ich  einige meiner Träume  realisieren können. Dass ich es irgendwie geschafft habe, wurde mir spätestens klar, als gewisse Leute aus der Filmbranche in meiner Heimatstadt Montreal anriefen und nach Jobs fragten. Das waren die gleichen, die Jahre früher noch über mich gelästert hatten. Als Teenager tauchte ich immer bei Theater- und Filmpremieren auf und versuchte, Kontakte zu knüpfen. Da habe ich mitbekommen, wie sich die meisten Menschen  dachten: Wer ist dieser nervige Knirps, was will er hier, und warum erzählt er jedem, dass er eines Tages einen Film in Cannes haben wird?

Glauben  Sie, dass Leute sich nur melden, weil sie etwas  wollen?

Das ist echt ein Problem. Im Grunde ist es ein Ding der Unmöglichkeit zu wissen, warum neue Bekanntschaften meine Nähe suchen. Wenn ich  ehrlich mit mir selbst bin, kann ich die Menschen an zwei Händen abzählen, die aus den richtigen, aufrichtigen Gründen zu meinem Umfeld gehören. Beziehungen sind schwierig.

Auch wenn es um die Liebe geht?

Ich habe schon so manchen Typen kennengelernt, wo sich dann herausstellte ... Sorry, das gehört nicht hierher. Sonst kriege ich echt Probleme. Das Beste ist einfach, jemanden zu treffen, der nicht die geringste Ahnung hat, wer ich bin. Da kann ich mir zumindest sicher sein, dass es dem Kerl nicht bloß um eine Rolle geht.

Das passiert Ihnen oft?

Immer wieder. Aber noch schlimmer sind die Typen, die die ganze Nacht baggern und am Ende sagen: Das hier ist übrigens meine Freundin. Die ist auch Schauspielerin und würde so gern mal mit dir arbeiten! Ätzend. Es ging und geht schon alles wirklich sehr schnell. Vielleicht auch zu schnell. Aber letztlich bedauere ich das nicht. Ich habe es ja so gewollt.

Das Gespräch führte Patrick Heidmann.

Einfach das Ende der Welt (Juste la fin du monde).  Kanada/Frankreich 2016.

Drehbuch & Regie:  Xavier Dolan, nach dem Theaterstück    von Jean-Luc Lagarce, Kamera:      André Turpin, Darsteller:      Nathalie Baye, Vincent Cassel, Marion Cotillard, Léa Seydoux, Gaspard Ulliel u.a.