Oskar Roehler
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BerlinVordringlich seine eigene Familiengeschichte zu erzählen, darüber ist der 1959 geborene Schriftsteller und Regisseur Oskar Roehler hinweg. Sein neuer Roman „Der Mangel“ verdichtet die Jahre des westdeutschen Wirtschaftswunders an einem Ort, an den der Wohlstand nicht hinreichte: das Zonenrandgebiet. Eine Gruppe sich selbst überlassener Kinder erlebt in der Abwesenheit von Konsum eine kurze, prägende Zeit der Freiheit. Wir verabreden uns morgens am Telefon. Da es in den vergangenen Jahren schon persönliche Interviews gab, ist das keine unbehagliche Situation.

Herr Roehler, in Ihrem neuen Roman „Der Mangel“ gehen Sie an einen Ort zurück, den Sie in ihrem Roman „Herkunft“ schon einmal vorgestellt haben: Eine Siedlung, gebaut Anfang der 60er-Jahre, bescheidene Behausungen für Familien, die als Vertriebene im Zonenrandgebiet Westdeutschlands versuchten, sich eine Existenz aufzubauen. Was hat Sie wieder dorthin gezogen?

Ich hatte in „Herkunft“ noch nicht die erzählerischen Mittel, um so tief einzusteigen. Das hat etwas mit der sprachlichen Reflexionsebene zu tun. Es geht in „Der Mangel“ um eine trügerische Illusion, das ist der Kern der Parabel, die ich hier zu schreiben versucht habe. Ich habe dafür die Metapher aus „Solaris“ von Stanislav Lem benutzt. Solaris ist ein Planet, der aus einem Ozean besteht, dessen Wassermassen ein Gehirn bilden. Dieses Gehirn kann die Träume und Sehnsüchte der Menschen hochrechnen und projizieren. Und irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem der Ozean, der den Menschen das Gefühl gegeben hat, sie wären geborgen und aufgehoben, sich wieder zurückzieht und sie allein lässt in den Trümmern ihrer Illusion, ihrer Angst und ihrem Wahnsinn. Darum geht es auch in meinem Buch. Trotz des Verdachts, den der junge Held hat, baut sich eine Illusion von Harmonie und Glückseligkeit auf in diesen Jahren um 1965. Die erste Zäsur ist die Schule, wo der Junge mit der Realität konfrontiert wird, und am Ende ist die Illusion komplett zerstört.

Sie haben eine Bibliographie angefügt. Thomas Bernhards „Das Kalkwerk“ befindet sich darin. In manchen Passagen schwingt etwas mit von Bernhard: Wortwiederholungen, ein mahlender Rhythmus.

Ich will den Einfluss von Thomas Bernhard nicht verleugnen. Aber er liegt genauso weit zurück wie die Zeit, in der ich ihn gelesen habe, in meiner Jugend und im frühen Erwachsenenalter. Ich habe ihn nach drei, vier Büchern wieder weggelegt. Aber genauso wie er in meiner Sprache rumort, so rumort auch die lang schon entfernte Kindheit in mir. Merkwürdigerweise ist es so, dass diese Déjà-vu-Erlebnisse, diese unverfälschten Geschichten wieder hochkommen, wenn man älter wird. Solche Déjà-vus stellen sich immer räumlich dar. Ich bin immer in einem Winkel eines Hauses oder einer Wohnung. Und dieser Winkel beinhaltet dann offenbar so viel an Wissen, an Substanz, dass man dann anfangen kann, mit allem, was da möglicherweise stattgefunden hat, zu spielen. Wenn man das Badezimmer wieder genau vor Augen hat, so wie es vor 55 Jahren war, als man mit den Großeltern gelebt hat, das Waschbecken und einen Teil des Duschvorhangs, das ist dann wie ein Vermeer-Stillleben. Dieser Eindruck ist so bindend und so magnetisch, dass sich daraus die Bestandteile meiner Erinnerung zu einer Art von Sprache zusammenziehen.

Können Sie den Prozess der Erinnerung herstellen?

Das passiert, wenn man ein bisschen ruhiger wird. Es muss ganz viel Schmodder der Zeit darüber geflossen sein, vieles, was die Erinnerung verdeckt hat, und dann taucht sie plötzlich wieder auf. Gestern Nacht hat mich das Selbstmörderpärchen Mutter und Tante besucht, hat mich eingeladen in die enge zweistöckige Achtzigerjahre-Wohnung, wo die Möbel der Großeltern standen. Es ist so, als würde der Geist sich plötzlich befreien und versuchen, mit einer alten Unschuld und Großäugigkeit die Welt zu betrachten.

Die Siedlung nennen Sie „Die Hut“. Jeder, der noch Kindheitserinnerungen an die 60er-Jahre hat, wird da etwas wiedererkennen. Den Bauwahn etwa. Die Kleidung, in die man hineinwachsen musste.

Ich kann mich an den kratzigen alten Mantel erinnern, umgearbeitet aus altem Stoff, der mich immer enorm behindert hat, beim Klettern, beim Schlittenfahren. Aber das Verrückte ist ja, dass einen dieser Mangel nicht gestört hat. Der Mantel war Teil von einem selbst, er war wie ein räudiger Wolfspelz, der zur Kindheit dazugehörte. Im Rückblick habe ich für diese Gemeinschaft von Kindern, wie wir sie waren, eine große Liebe und Zuneigung, während ich für die Zwischengeneration, die danach kam, für diese zehn- fünfzehn Jahre Jüngeren, immer nur Verachtung übrig hatte. Denen wurde das Spielzeug in den Rachen geworfen, sie haben sich zwei Tage damit beschäftigt, dann haben sie es liegen lassen. Mit ihren Marken-Skianzügen sind sie in den Skiurlaub gefahren, das war ganz selbstverständlich für sie.

Foto: Ullstein
Zur Person

Oskar Roehler, als Sohn der Schriftsteller Gisela Elsner und Klaus Roehler 1959 in Starnberg geboren, arbeitet als Filmregisseur und Autor. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Filmakademie.
Sein erfolgreichster Film ist „Die Unberührbare“ mit Hannelore Elsner in der Rolle von Roehlers Mutter, deren letzte Lebensjahre er in dem Film verarbeitet. „Die Unberührbare“ erhielt den Deutschen Filmpreis in Gold.
Sein Roman „Der Mangel", erschienen 2020 im Ullstein-Verlag Berlin (176 S., 23 Euro) ist nach „Herkunft“ (Ullstein 2011) der zweite Roman, in dem Roehler seine eigene Biografie verarbeitet.

Der Mangel ist in Ihrem Roman einerseits zwar ein materieller Mangel und ein Mangel an Fürsorge und Aufmerksamkeit durch die Eltern, andererseits bietet er aber auch eine große Freiheit. Liegt im Mangel der Ursprung der Kreativität?

Auch wenn der Mangel für mich viel an Gutem und an poetischer Konnotation hatte, so darf man nicht vergessen, dass er auf viele Biografien eine fatale Wirkung hatte. Viele sind zugrunde gegangen an dieser Art von sozialer Benachteiligung im Zonenrandgebiet. Bei meinen ersten Besuchen vor der Niederschrift von „Herkunft“ habe ich die alten Eltern meiner Spielkameraden wieder getroffen. Eine Familie hatte beide Söhne verloren.

Die – vorläufige - Rettung des erwachsenen Erzählers, der in Zeitsprüngen von der Kindheit dieser Kindergruppe erzählt, war ein Lehrer aus der Nachbarschaft, der die Kinder an Kunst und Literatur heranführte. Eine zwiespältige Figur, ein Fanatiker.

Klarerweise war dieser Lehrer mein Vater, der aber weit weg in Berlin lebte. Ich habe das übertragen auf einen unserer Nachbarn. Natürlich gab es die Bücherregale beim Vater und das Reden über die Literatur. Aber das Buch ist ein Amalgam. Es beginnt mit dem Bild der Mütter und Kinder, wie sie die schweren Einkaufstüten über den vereisten Hang zu ihren Häusern hochschleppen. Darin ist das ganze Buch enthalten. Eine fiktive Geschichte zu schreiben, die nur von der Metaphorik lebt und eine Parabel erzählen will, ist eine Arbeit, die ich so vorher nicht kannte. Es war ein Hochseilakt ohne Netz und Boden. Man kann dabei nicht vorher eine Geschichte konstruieren, an der man sich irgendwie entlang hangeln kann. Was ich da beschreibe, sind Dinge, die stellvertretend sind für etwas anderes, die über sich hinausweisen. Es geht immer auch um den Klang, im besten Fall entsteht ein Klanggebäude. Ich wusste nie, wie die nächste Seite, das nächste Kapitel aussieht.

Der Erzähler spricht im Plural, aus der „Wir“- Perspektive, manchmal wird ein „Ich“ daraus. Warum diese Form?

Das „Wir“ hat mir beim Schreiben sehr geholfen. Es öffnet einen ganz anderen Horizont als das „Ich“. Das „Ich“ legt dir sofort eine narrative Beschränkung auf. Es führt einen immer darauf zurück, was man selbst erlebt hat, was man davon erzählen kann. Das „Wir“ fragt auch: Wohin sind wir gegangen in den letzten 55 Jahren?

Die Siedlungskinder haben Feinde – die Bauernkinder. Sie erinnern mit Ihrem Buch auch an den gut dokumentierten Hass der angestammten Bevölkerung gegen die Vertriebenen, die Fremden aus dem Osten. Darin ist der Roman realistisch.

Die Defa hat 1949 einen tollen Film darüber gemacht, „Die Brücke“, wo man sieht, wie fies die Urbevölkerung war, wie sie die Neuankömmlinge in einem harten Winter verhungern lassen wollte. Ja, es stimmt. Diese Bauern, so habe ich es auch erlebt, waren fremdenfeindlich und extrem misstrauisch. Man konnte gar keinen Kontakt zu ihnen aufnehmen. Was natürlich mit ihrer Bildungsverweigerung zu tun hatte. Sie haben uns als Großkopferte bezeichnet. Die meisten in der Siedlung waren geflüchtete Akademiker. Mein Großvater, ein Jurist, sprach perfekt Englisch und Französisch. Die Bauern konnten damals kaum lesen und schreiben, und natürlich gab es Feindschaft und Feindseligkeit. Wenn man auf die dreißig Häuschen draufguckte, machten sich die Klassenunterschiede von außen nicht bemerkbar, denn Geld hatten sie ja alle nicht. Nur hörten die einen Klassik und vertieften sich in Bücher. Das erregte Argwohn und Neid, Häme und Ressentiments bei den anderen.