An diesem sonnigen Tag erlaubt sich der Schlagerkomponist Ralph Siegel mittags ein Nickerchen. Fast hätte er das Telefoninterview verpasst, in dem er über sein Musical sprechen will. Eine lässliche Sünde des 71-Jährigen. Andere feiern längst fröhlich Müßiggang, er nicht. Sofort würde er alt werden, sagt er, allein Arbeit bewahre ihn davor.

Seine aktuelle Lebensgefährtin ist 37 Jahre jünger, ein Grand-Prix-Sieg wie 1982 mit „Ein bisschen Frieden“ ist nicht in Sicht, so versucht er sich an einem anderen Großprojekt. Am Montag gibt es im Wintergarten ein sogenanntes Reading zu dem Musical „Zeppelin“, für das er die Musik und die meisten Songtexte schrieb. Es handelt von der Luftschifffahrt, die 1937 mit dem Absturz der „Hindenburg“ jäh endete.

Ralph Siegel: Tut mir leid, die kleine Verspätung, ich bin tatsächlich noch mal müde geworden – kennen Sie das?

Ja natürlich! Und in Ihrem Alter ist das doch erlaubt! Offenbar macht Ihnen die Arbeit Spaß – ein Vorteil von Kreativen, bei denen sich Hobby und Arbeit oft nicht trennen lassen.

Hobby? Sie verwechseln da was! Das ist harte Arbeit. Ich sitze mein Leben lang gegen acht Uhr beim Frühstück und gehe dann ins Büro oder Studio, arbeite mindestens acht Stunden, sechs Tage die Woche. Auch im Urlaub, nur dass ich da mittags an den Strand gehe. Solange mir jemand zutraut Neues zu schaffen, in dem Fall die Verlegerin Bettina Weyers, zögere ich nicht. Im Schlagergeschäft wird es ja immer schwerer, an etwas ran zu kommen, da hat sich alles geändert, die Teams, die Leute beim Fernsehen, alles.

So verlegen Sie sich auf Musicals. Von „Johnny Blue“ 2015 war nach dem Reading aber nie wieder zu hören.

Das Stück hatte 60 Vorstellungen in Brünn, jeden Abend Standing Ovations, nächstes Jahr geht es nach Wien. Ich schreibe schon lange Musicals. „Winnetou“ für Pierre Brice, „Corrida“ für Dschingis Khan, „Zeppelin“ ist mein sechstes Musical.

Mit „Clowns“ wollten Sie an den Broadway.

Es gab Readings in New York und Los Angeles, am Ende schrieb ich neun Versionen! Aber ich hatte nicht die richtigen Produzenten. Das Stück kam nie auf die Bühne.

Wie soll man sich Ihr neues Werk „Zeppelin“ vorstellen?

Es handelt vom Leben des Grafen Zeppelin, nach dem die Luftschiffe heißen. Nach einem Zeitsprung kommt es dann zum Absturz der „Hindenburg“ vor 80 Jahren bei New York. Es ist ein Stück von zweieinhalb Stunden, melodiös, auch dramatisch, es endet auch mit einem Requiem. In „Johnny Blue“ wurden ja alte Hits von mir verarbeitet, aber in „Zeppelin“ ist alles neu. Ich habe fast ein Jahr daran gearbeitet, den ganzen Sommer komponiert, wochenlang im Studio produziert.

Sie lassen sich aber auch von nichts abschrecken. Wenn ein Stück kein Erfolg wird, gehen Sie deshalb nicht in Trauer.

Wie meinen Sie denn das?

Wenn es kein Erfolg wird, schreiben Sie ein neues. Wenn Sie in Deutschland keinen Grand Prix-Titel loswerden, gehen Sie für San Marino an den Start.

Ach, sprechen wir jetzt über den Grand Prix? Das ist doch ein ganz anderes Thema, ein Drei-Minuten-Titel oder ein Musical! Das Interview möchte ich bitte gegenlesen.

Ihre Unerschütterlichkeit ist vergleichbar.

Beim Grand Prix waren meine Titel acht Mal unter den ersten vier, belegten daneben Platz 6, 7, 9, 11, 12. 16 und 22.

In den letzten Jahren erreichten Ihre Songs nicht das Finale.

Meine Ideen für den diesjährigen Grand Prix hatte ich unter anderen dem NDR vorgeschlagen, vergeblich. Danach war die Sache für mich erledigt. San Marino sagte ich dann zu, aber sehr kurzfristig, es war viel zu wenig Zeit für ein opulentes, perfekt inszeniertes Werk. Es hat mir trotzdem Freude gemacht, wieder dabei zu sein, zum 25. Mal. Den Rekord schafft keiner so schnell.

Wird „Zeppelin“ ein Erfolg?

Ich hoffe doch! Es ist ein großes Stück mit Opernchor und 18 Interpreten. Ich habe mit Hans Dieter Schreeb einen phantastischen Autor. Wir kürzen und kürzen im Moment. Dann urteilt das Publikum.

Erst mal die Produzenten. Wo soll es laufen?

Eine Freilichtbühne wäre ideal, in Holland, am Bodensee oder auf einem Berliner Flughafen. Eine kleinere Version könnte an den Broadway gehen. Ideen gibt es tausend. Es entscheiden tatsächlich die Produzenten.