Die argentinische Schriftstellerin Samanta Schweblin

Foto: Carsten Koall

BerlinFotos lügen. Ich kenne kaum ein Foto, das eine lachende Samanta Schweblin zeigt. Dabei lacht sie gerne und viel. Auch in diesem Interview und auch nicht nur über mein ruinöses Spanisch. Aber das half natürlich. Bei Suhrkamp sind vier ihrer Bücher auf Deutsch erschienen: „Die Wahrheit über die Zukunft“, „Das Gift“, „Sieben leere Häuser“ und zuletzt der Roman „Hundert Augen“. Der Klappentext ist von bestechender Lakonie: „Samanta Schweblin wurde 1978 in Buenos Aires geboren, hat Filmwissenschaften studiert und lebt und arbeitet in Berlin. Ihre Bücher erscheinen in über 25 Ländern. ‚Samanta Schweblin ist ein Genie‘ (The New Yorker)“

Berliner Zeitung: Frau Schweblin, welche Bedeutung hat der erste Satz einer Geschichte für Sie?

Durch ihn schließe ich einen Vertrag mit dem Leser ab. Der Satz muss Aufmerksamkeit wecken, Neugierde, Interesse. Er muss den Leser hineinziehen in die Geschichte. Er setzt ihn in Bewegung. Der erste Satz muss einfach und klar sein, genau und auf den Punkt. Er erzeugt Gedanken, Bilder und Gefühle im Kopf des Lesers. Ist es eine düstere, ist es eine helle Geschichte? Was wird passieren? Das alles muss drin stecken.

Da werden Sie sehr lange Sätze brauchen.

Oder ein paar kurze. Aber in diesen ersten Sätzen muss das ganze Werk stecken. Sie sind wie ein Versprechen, das der Autor dem Leser gibt. Es müssen ganz sinnliche Sätze sein. Der Leser muss das Gefühl haben, dass er alles anfassen kann, es ist eine bunte, eine wirkliche Welt, die lärmt und riecht. Diese Materialität ist mir sehr wichtig.

Der erste Satz von „100 Augen“ lautet: „Als erstes zeigten sie ihre Titten“.

Jetzt verstehen Sie, was ich meine.

Sie sprachen, was die Wichtigkeit des ersten Satzes angeht, nur vom Leser. Braucht die Autorin nicht auch einen ersten Satz, der sie hineinzieht in die Arbeit und ihr hilft weiterzukommen?

Manchmal fange ich immer und immer wieder an und noch und noch einmal, bis ich endlich einen Anfang habe, der mich weitertreibt. Der mir den Ton der Geschichte gibt, ihren Rhythmus und die Möglichkeiten, die sie eröffnet und die, die sie ausschließt. Der Anfang ist ein wenig wie eine Gebrauchsanweisung für den zu schreibenden Text, oder auch eine Wunschliste.

Das gilt für Ihre Kurzgeschichten und für die Romane?

Ja. Allerdings steht mir immer, wenn mir etwas einfällt, eine kurze Geschichte vor Augen. Ich mag die Aufmerksamkeit, die Gespanntheit der Kurzgeschichte. Es geht Schlag auf Schlag. Ich mag es nicht, wenn der Leser Zeit bekommt, auszubüchsen und sich für andere Dinge zu interessieren. Er soll bei mir bleiben. Ich will ihn gefangen nehmen in meinem Buch. Vielleicht schreibe ich doch noch mal richtig dicke Romane. Da bleibt er dann lange drin.

Wie kamen Sie auf die Kentukis?

In den Wohnungen gibt es die kleinen sich selbständig bewegenden Staubsauger und in den Gärten die selbständigen Rasenmäher. Erinnern Sie sich noch an das Tamagotchi? Kleine Computer, um die man sich kümmern konnte wie um ein Haustier. Ich fand das sehr interessant, und so kam ich auf die Idee, einen Teddy mit einem Smartphone zu verbinden. Das reizte mich auch, weil in unserer Literatur die Technik und ihre Möglichkeiten kaum eine Rolle spielen. Es gibt dafür ein eigenes Genre: die Science-Fiction. Ich aber wollte diese technische Neuerung einführen, ohne deshalb einen Science-Fiction-Roman zu schreiben.

Die Literatur beschäftigt sich mit der Kommunikation der Menschen untereinander…

Aber gerade dabei bedienen wir uns immer mehr neuer Technologien. Höchste Zeit, dass das mal Eingang findet in eine moderne Erzählung. Außerdem: Die Technologie ist ja eine menschliche Erfindung. Noch kann sie nicht für sich existieren. Sie lebt von uns. Die Technologie – das sind wir. Mich interessieren nicht die Roboter, nicht die künstliche Intelligenz. Mich interessiert, was Autoren schon immer interessiert hat: Wie Menschen miteinander kommunizieren, mit den Mitteln von heute.

Kentukis gibt es nicht. Sie haben sie erfunden.

Aber wir leben in einer Welt, in der die Geräte, die wir benutzen, um die Welt zu beobachten, uns beobachten. Sie haben dieses Buch hier auf Ihrem Schreibtisch bei Amazon gekauft, und Amazon weiß besser über das Bescheid, was Sie lieben als ihre Freundin. In meiner Kentuki-Welt ist das ganz ähnlich. Da gibt es Menschen, die haben einen Kentuki, und es gibt welche, die sind Kentukis. Man kann sich einen Kentuki kaufen, um ein Kuscheltier zu haben. Wer ein Kentuki sein möchte, der sitzt am anderen Ende der Leitung und betrachtet durch die Augen des Kuscheltiers das Leben des anderen. Er wird versuchen, Einfluss darauf zu nehmen, wie auch der Kuscheltierhalter es zu beeinflussen versucht.

Als ich Ihr Buch las von den Kuscheltieren, die benutzt werden, um die Leben der anderen auszuspionieren, musste ich mit einem Male sehr lachen. Sie beschreiben Ihre eigene Arbeit, dachte ich.

Wie bitte?

Ein Autor baut sich einen Apparat, um das Leben der anderen zu erforschen. Man nennt diesen Automaten: Erzählung.

Das stimmt. Ich habe allerdings, als ich „Hundert Augen“ schrieb, nicht daran gedacht. Der Voyeurismus spielt natürlich eine riesige Rolle. Bei den Kentukis wie bei den Autoren.

In „Hundert Augen“ wird aus einem Privileg der Autoren, sich einzunisten in andere Leben, eine Möglichkeit, die sich jeder verschaffen kann. Der Autorenstatus wird demokratisiert.

Nicht nur, was das Hineinschauen in andere Lebensverhältnisse betrifft, sondern es geht auch um das Gefühl, sie beherrschen zu können. Der Autor, vergessen Sie das nicht, lebt in der Illusion, Herr der von ihm geschaffenen Welt zu sein. Dieses Gefühl stellt sich auch bei denen ein, die durch die Augen der Teddys hindurch Einfluss nehmen auf die fremden Welten.

Sie unterrichteten kreatives Schreiben?

Ja, hier am Instituto Cervantes und in Barcelona. Das Schreiben mit anderen zusammen machte mir großes Vergnügen. Das Nachdenken über eine Geschichte, über die richtigen Sätze, über das richtige Wort. In den Geschichten der anderen, mit den Köpfen der anderen. Als Autor arbeitet man allein an seiner einen Geschichte. In einer Gruppe zu sitzen, in der jeder sich über jede Geschichte den Kopf zerbricht, das ist etwas ganz Neues. Mit einem Male sind alle Fenster und Türen offen. Das ist eine Befreiung. Ich habe viel dabei gelernt. Vieles, was intuitiv geschieht, muss man sich klar machen, muss es in Begriffe fassen. Mit einem Male begreift man, was man tut. Man lernt, seine Texte mit mehr Abstand zu korrigieren. Bis in die Verästelungen hinein.

Sie waren sehr klein…

Schweblin, eine kleine Schwäbin.

… als Sie anfingen, Ihrer Mutter Geschichten zu erzählen. Sie waren dabei ganz allein. Alles war von Ihnen, alles war Ihr Werk. Das empfanden Sie als wunderbar. Hängen Sie jetzt einer anderen Utopie an?

Dem erfahrenen, seiner Mittel bewussten Autor droht eine Gefahr. Er weiß, wie man am besten von A nach B kommt. Wer das nicht weiß, der irrt herum und entdeckt dabei neue Wege. Das ist natürlich viel besser und es reizt auch den Autor viel mehr. Auf der einen Seite muss man sich anstrengen, klüger und besser zu werden, andererseits wird man das nicht, wenn man nicht auch unschuldig und täppisch bleibt. Man muss das auf jedem höheren Niveau auch wieder sein können, sonst wird man keine interessanten, neuen Wege finden.

Wie macht man das?

Ich weiß es nicht. Ich habe nur die Erfahrung gemacht, dass ich zwischen dem einen und dem nächsten Buch eineinhalb, zwei Jahre verstreichen lasse, ohne zu schreiben. Ich lese, ich reise, ich treffe mich mit Freunden, aber ich schreibe nicht. Es ist, als brauchte ich diese Zeit, um alles wieder verlernen zu können. Wenn dann eine neue Idee kommt, habe ich das Gefühl, keine Ahnung mehr zu haben vom Schreiben. Ich muss wieder ganz vorn anfangen. Das ist mühsam, aber jetzt bin ich ganz froh darüber. Ich habe das Gefühl, mir dadurch die Unschuld und Frische zu bewahren, die man für das Schreiben von Geschichten auch braucht.

Sie schreiben nicht jeden Tag?

Nein, nein. Ich mache mir Notizen in Büchelchen wie dieses. Aber ich verbringe viel Zeit, ohne zu schreiben. Mir gefällt das. Ich merke, dass ich das brauche. Mein Großvater war Maler, und wann immer er ein Bild beendet hatte, legte er erst einmal eine Pause ein. So mache ich es auch. Meine Pausen sind aber größer.

Sie leben jetzt seit fünf Jahren in Berlin.

Seit sieben Jahren.

Sie sind nicht integriert.

Oh doch, aber vielleicht nicht in Ihr Berlin. Berlin ist viele. Ich habe viel mit anderen Leuten aus Lateinamerika zu tun. Sie alle leben gerne in Berlin. Kaum jemand von uns spricht gut Deutsch. Künstler, Schriftsteller usw. Wir verdienen unser Geld anderswo. Es gibt keinen Arbeitsplatz, an dem wir uns integrieren müssen. Manchmal denke ich: Wir sind hier, weil wir uns gerne desintegrieren. Ich bin geboren und aufgewachsen in Buenos Aires. Bis vor sieben Jahren lebte ich dort. Ich mag diese Stadt. Aber ich bin froh, dass ich hier sein kann. Es ist nicht nur der Abstand zu Buenos Aires. Es sind auch die Parks, das Wasser. Ich genieße Berlin. Ich gehe viel spazieren. Und jetzt lerne ich Deutsch.

Das glaube ich nicht.

(Mit einem Male spricht sie Deutsch:) Aber sicher, mein Herr! Ich denke, ich brauche noch zwei Jahre, dann können wir das Interview auf Deutsch machen.

Das Gespräch führte Arno Widmann