„Mein Vater war ein Schluckspecht, ich ja auch, das weiß ja jeder“, sagt Udo Lindenberg im Interview.
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HamburgWie ein rhythmusbegabter Klempnersohn aus der westfälischen Provinz allen Widrigkeiten zum Trotz zu einem der bekanntesten Rockmusiker Deutschlands wurde – das kann man ab Donnerstag im Kino sehen. Die Musik-Biografie „Lindenberg! Mach dein Ding“ von Regisseurin Hermine Huntgeburth erzählt von dem Mann mit Hut und Sonnenbrille, den man seit einer gefühlten Ewigkeit kennt. Beim Interview im Hotel Atlantic in Hamburg, wo Udo Lindenberg (73) seit Mitte der 90er wohnt, erklärt er, warum er seinem Vater vergeben hat und welchen Einfluss die Gay-Szene auf seine Rockstarwerdung hatte.

Herr Lindenberg, Newcomer Jan Bülow spielt im Film den jungen Udo – mit verblüffender Authentizität. War Ihnen das klar, als Sie ihn für die Rolle mit ausgesucht haben?

Als ich Jan traf, war die Sache völlig klar. Meine Spürnase machte juckidijuck, und ich dachte sofort: Das ist ein cooler Vogel! Er ist sehr sensibel und ein bisschen schüchtern – das war ich damals auch. Er hat eine Neigung zum Durchdrehen und Abheben. Genau das, was mich ausmacht. So wie es früher bei mir auch schon war: Ein bisschen Straßenkatze, die um die Ecke guckt und auscheckt. Aber auch der Typ, der die großen Dinger machen will. Das sah ich bei ihm sofort. Und da wusste ich blitzschnell: Der ist genau richtig dafür.

War es Ihre Idee, dass er die Songs zum Film selbst singt?

Wir haben ja beides: Die Dinger, wo ich singe und die Dinger, wo er singt. Meine Produzentenfreunde haben das mit ihm gemacht. Ich hab sie im Studio besucht und reingehorcht: Jan klingt wie ein junger Wein. Und ich wie ein älterer Whiskey. So soll es auch sein.

Gab es eine Szene, deren Umsetzung Ihnen besonders wichtig war?

Mein Vater war ein Schluckspecht, ich ja auch, das weiß ja jeder – noch viel mehr als mein Vater zu einer bestimmten Zeit. Der Oberexzessor. Er sagte immer: „Ich trinke mit Haltung, Fassung und Würde.“ Das war wichtig. Und da muss er dann nicht auf dem Kneipenboden liegen. Das ist seinem Sohn später mal passiert, mir, aber meinem Vater ist das nie passiert.

Der Film zeigt, dass das Verhältnis zu Ihrem Vater Gustav, gespielt von Charly Hübner, nicht immer einfach war. Haben Sie ihm vergeben?

Ja, er kam ja aus einer total anderen Welt. Wehrmacht und so. Und er war ja auch nicht glücklich in Gronau. Er ist breit auf den Tisch gestiegen, die Kinder wurden geweckt, und dann hat er dirigiert. Er brauchte Publikum. Und ich merkte: Das ist eigentlich das Ding, was ihn so richtig anzündet. Das ist sein Feuer. Aber er wurde von seinem Vater gezwungen, diesen Klempner-Job zu machen. Ich hab dann beschlossen: Das, was in meinem Vater angelegt ist und er nicht ausleben kann, das werde ich stellvertretend machen. Diesen ganzen Einschränkungen werde ich mich nicht unterwerfen.

Sie sind losgetrampt.

Schon als ich 15 war. Und er hat es dann auch begriffen. So nach dem Motto: Meine Kiddies können machen, was sie wollen. Das war stark! Erstaunlich eigentlich. Gerade auch vor dem Hintergrund seiner eigenen Erfahrung.

Legt man den Film zugrunde, waren Sie im Umgang mit Ihrer ersten Liebe schon nicht auf den Mund gefallen.

Es war in der Schule schon so, dass ich sprachlich sehr talentiert war. Ich konnte immer gut reden – besser und fantasievoller als alle anderen. Deswegen haben die älteren Jungs, wenn sie unterwegs waren, meinetwegen auf Exkursion in irgendeinem Puff, mich als Spokesman mitgenommen. Ich war dann der Regierungssprecher, der auch ein bisschen vornehmen Style draufhatte: „Entschuldigen Sie, dass ich mich erkühne, Sie zu ersuchen, mir zu gestatten usw.“ Und bei meiner ersten Freundin Susanne, die ja drei Jahre älter war als ich, habe ich die Karte auch ausgespielt.

Wissen Sie, wo sie abgeblieben ist?

Ja, im Moment ruht zwar der Kontakt zwischen uns, aber wir arbeiten dran. Da gibt es noch einen eifersüchtigen Gatten. Nachträgliche Eifersucht über Jahrzehnte. Und ich sag immer: „Wir können doch ein Käffchen und ein Eierlikörchen auf easy.“ Sie weiß, dass sie im Film vorkommt, sie hält sich gern im Hintergrund. So wie das Mädchen aus Ost-Berlin, das ist ja auch ein bisschen scheu.

Sind Sie auch mit anderen Leute aus Ihren Anfängen aufgrund des Films wieder in Kontakt getreten?

Ich hatte eigentlich immer guten Kontakt, nicht erst jetzt durch den Film. Auch mit meinen Freunden in Gronau aus der Gartenstraße, wo ich herkomme. Ich bin gelegentlich auch in Gronau für ein Hallöchen.

Überraschend sind die Szenen in der libyschen Wüste, als sie für US-Truppen trommelten. Sie wurden als „Nazi-Boy“ beschimpft. Wie kamen Sie mit der Demütigung klar?

Da muss man durch als junger Vogel. Das sind wichtige Erfahrungen, die dich zurückwerfen auf deine Herkunft, deine Familie, was war da los, was für eine Geschichte spielte sich in dem Land ab mit den Kriegen usw. Daraus lässt sich dann auch eine besondere Verpflichtung für Menschen in Deutschland ableiten.

Zur Person

Udo Gerhard Lindenberg wächst im westfälischen Gronau auf. Nach einer ersten Karriere als Schlagzeuger verlegt er sich seit Beginn der 1970er-Jahre aufs Singen und Verfassen eigener Titel. Als einer der ersten Rockmusiker beweist er Mut zu deutschen Texten.

Mit unverwechselbarer Erscheinung und Liedern wie „Alles klar auf der Andrea Doria“, „Horizont“ und „Sonderzug nach Pankow“ prägt Lindenberg die deutsche Musikszene – bis heute.

„Die Nazis haben uns die Sprache genommen“, heißt es in einer Szene.

Viele der großen Schreiber wurden entweder in KZs ermordet oder aus Deutschland verjagt: der Brecht, Friedrich Hollaender, Marlene Dietrich, Thomas Mann...

Warum wollten Sie trotzdem auf Deutsch singen?

Das kam ein bisschen später. Wir sind ja erst mal aufgewachsen mit Jazz und Rock ’n’ Roll, mit englischen Rockbands wie Queen, den Stones und den Beatles. Ich wollte ja, wenn es geht, Weltstar werden. Deshalb hab ich gedacht: Mach’s lieber in der internationalen Sprache. Bis ich merkte: Englisch ist nicht meine Sprache, da kann ich viele Sachen nicht so rüberbringen wie auf Deutsch.

Dann sind Sie umgeschwenkt.

Ich war ein Glückspilz, zur richtigen Zeit, in der richtigen Gegend: Auf dem Kiez auf St. Pauli sprossen die Sprachblüten. Szenensprache, Wortkreationen, Wortjonglage, mit Slogans auf Graffitiwänden und dergleichen. Und ich dachte: Wenn man so was noch singt, wie geil muss das rüberkommen? Das kam dann ja auch wirklich gigantisch gut rüber. Ich hab dann auch gleich den ersten Rockstar gemacht, denn Deutschland hatte ja noch keinen richtigen Rockstar. Einer muss den Job ja machen.

War das damals tatsächlich so, dass Sie von der Hamburger Schwulenszene inspiriert wurden?

Schon. Ich hatte immer David Bowie im Ohr. Der hat sich zu der Zeit auch neu erfunden als Ziggy Stardust. Und auf dem Kiez war das eben auch so in der Queer- und Transenszene im „Pulverfass“ am Hauptbahnhof. Solche Läden gab es auch auf dem Kiez. Da hing ich viel rum. Die sind auch oft mitgekommen mit uns auf Tournee. Sie haben mir die Schminke ins Gesicht gemalt, mir gezeigt, wie man das macht mit den größeren Augen. Wie du noch ’ne Ecke schärfer aussiehst. Das haben die ja total drauf. Es gab damals auch die deutschen Bands, die in Jute, Sack und Lumpen auftraten, es gab ja gar keine richtige deutsche Rockglamourband. Ich hab mir dann gleich Gamaschen angelegt, den weißen Frack übergestülpt und richtig auf Showtime gemacht.

Sie waren auch so androgyn wie David Bowie.

Bowie und die ganze Abteilung waren ein großer Einfluss. Wenn Bowie auf der Bühne seinen Gitarristen Mick Ronson küsste, hatte das Botschaft. Es ist ganz egal, ob du ein Junge oder ein Mädchen bist – das hatte ich auf meiner ersten Platte schon drauf, im Song „Ganz egal“.

Ihr Vater schimpfte damals: „Du siehst aus wie ein Mädchen.“

Mich hat das nicht gestört. Ihn aber schon, mit der Matte und so. Es war eine unheimliche Umstellung für Leute, die das nicht kannten, dass plötzlich junge hübsche Männer mit langen Haaren um die Ecke kamen.

Aber die Frauen standen drauf?

Klar, die fanden das gut. Da konnte ich mich nicht beklagen.

Stimmt es, dass Sie anfangs auch in Puffs getrommelt haben?

Das ist auch mal passiert. Ich war in Hamburg ja neu. Ich war Trommler, ich wollte Knete zum Überleben. Ich spielte in Jazzbands und Dance-Bands in der ersten Zeit. Auch in Stripläden. Da wurde dann hinten mal ’ne Runde gepoppt, aber das machte ja auch nichts.

Haben Sie wirklich „Niemals dran gezweifelt“, dass Sie das nächste große Ding werden, wie Sie auf der Single zum Soundtrack singen?

Es gab ja keinen Plan B, was soll ich also machen: Zurück nach Gronau an die Donau? Als Trommler oder Sänger kannst du da nichts werden. Also: Du musst es machen. Das war das bestimmte Gefühl in mir. Ich krieg das hin.

Interview: Katja Schwemmers