Der evangelische Theologe Notger Slenczka, Inhaber des Dogmatik-Lehrstuhls an der Berliner Humboldt-Universität, fordert, die Bücher des Alten Testaments nicht länger als Teil des christlichen Kanons zu betrachten. In seinem im Internet zugänglichen Aufsatz „Die Kirche und das Alte Testament“ schreibt er: „Wenn jemand ernsthaft die Texte des Alten Testamentes in ihrer Gänze liest und überschaut, wird er oder sie sich nur in engen Grenzen dazu imstande sehen, sie als Ausdruck des Gottesverhältnisses zu lesen und zu verstehen, das sein christlich-religiöses Bewusstsein ausspricht, und das er in den Texten des Neuen Testamentes wiedererkennen und begründet sehen kann.“

Wir fragen Gerd Lüdemann, den langjährigen Göttinger Professor für Neues Testament, einen radikalen Zweifler an der Authentizität der Texte des Neuen Testaments, nach seiner Einschätzung des Alten Testaments. Lüdemanns 2006 erstmals erschienenes Buch „Altes Testament und christliche Kirche – Versuch der Aufklärung“ (Verlag zu Klampen) erschien vergangenes Jahr in einer zweiten Auflage.

Das Alte Testament, so lernte ich im Konfirmationsunterricht, weist auf die Botschaft des Neuen Testaments hin. Darum gehört das Alte Testament zur christlichen Bibel und spielt auch im Gottesdienst eine wichtige Rolle.

Der Gebrauch des Alten Testaments durch das Neue Testament ist historisch widerlegt, denn die alttestamentlichen Verfasser hatten an keiner Stelle die Personen und Geschehnisse im Blick, die ihnen die neutestamentlichen Autoren zuschreiben. Im Interesse klarer Kommunikation sollten Kirche und akademische Theologie diese sichere wissenschaftliche Erkenntnis den christlichen Gemeinden und der Öffentlichkeit ebenso unzweideutig mitteilen, wie das Naturwissenschaftler hinsichtlich der Widerlegung des Ptolemäischen Weltbildes getan haben.

„Sichere wissenschaftliche Erkenntnis“ – damit meinen Sie die historische Bibelkritik, wie sie jetzt seit mehr als 250 Jahren eine christliche Kernaussage nach der anderen auffrisst?

Der evangelische Theologe und Philosophieprofessor Ernst Troeltsch (1865–1923) erklärte, die historisch-kritische Methode, einmal auf die Bibel angewandt, sei „ein Sauerteig, der alles verwandelt, und der schließlich die ganze bisherige Form theologischer Methoden zersprengt.“ Ähnliche Auswirkungen wie bei der Destruktion der kirchlich-christologischen Verwendung des Alten Testaments finden wir nicht nur beim Dogma vom Gottmenschen Jesus Christus, das ebenso unbarmherzig hinweg gefegt wird, sondern bei praktisch allen Dogmen.

Auch die Überlieferungen des Alten Testaments?

Die historische Kritik hat die kirchlich-christologische Verwendung des Alten Testaments von Grund auf zerstört. Die oft vertretene These, man könne die Rechtmäßigkeit dieses Gebrauchs wissenschaftlich weder beweisen noch widerlegen, trifft daher nicht zu. Weder hat es eine Väterzeit noch eine Richterzeit gegeben. Israel tritt erst mit dem Königtum ins Licht der Geschichte –, und mit einiger Verzögerung auch die Jahwereligion, die sich erst seit dem Schock des Exils (587–539 v. Chr.) endgültig gegen den konkurrierenden jüdischen Polytheismus durchsetzen konnte. Die erzählerische Verbindung von Monolatrie und Jahwereligion mit Mose ist eine Rückprojektion des Glaubens der nachexilischen Gemeinde in die Anfänge Israels über einen Abstand von mehr als 700 Jahren hinweg.

Theologen verankerten das Alte Testament in der Historie

Die Geschichten des Alten Testaments erzählen nicht die Geschichte Israels?

Weite Teile des Alten Testaments verstehen sich als Berichte einer Geschichte, von deren Faktizität ihre Erzähler überzeugt waren. Wo es sich wie bei kultischen, gesetzlichen und weisheitlichen Textabschnitten nicht um Geschichte handelt, haben jüdische Theologen sie gleichwohl im Rahmen der Historie Israels verankert und sie als authentische Worte und Taten alttestamentlicher Personen angesehen.

Das gilt für alle Texte oder nur für einige wenige?

Der historische Wert des Alten Testaments im Sinne einer Entsprechung von Bericht und Hergang beläuft sich auf der gegenwärtigen Erzählebene auf weniger als 1 Prozent, nach Rekonstruktion der verwendeten Überlieferungen auf weniger als 5 Prozent.

Das können Sie so genau quantifizieren?

Wertvolles geschichtliches Material sind allein die Königslisten von Israel und Juda, die in das Buch der Könige eingegangen sind.

Was ist mit den Psalmen Davids, was mit den Sprüchen Salomos?

Kein Buch des Mose stammt von Mose, kein Psalm Davids von David, kein Spruch Salomos von Salomo, keine Vision Daniels von Daniel, die allerwenigsten Prophetenworte von den Propheten, unter deren Namen die Bücher überliefert sind.

Keiner der Autorennamen stimmt?

Exakt.

++ Lesen Sie im nächsten Abschnitt, wie Notger Slenczka zu den zentralen Vorstellungen der abrahamitischen Religionen steht ++