Herr Prof. Eissenhauer, seit elf Wochen vergeht kaum ein Tag, an dem in den regionalen wie überregionalen Medien nicht mit viel Polemik der „Berliner Museumsstreit“ weiter angeheizt würde. Wie kommt es zu dieser Gemengelage?

Unser schon vor mehr als zehn Jahren gefasster, inzwischen im Band „Museumsinsel Berlin“ ausführlich dargelegter Plan, die von Nazizeit, Zweitem Weltkrieg und deutscher Teilung gezeichnete Berliner Museumslandschaft weiter neu zu ordnen, ruft in Bezug auf die Gemäldegalerie vor allem bei etlichen Kunsthistorikern Argwohn hervor. Und seit der Kulturstaatsminister im Juni 10 Millionen Euro als Starthilfe für diese Pläne in Aussicht stellte – eindeutig ein politisches Bekenntnis des Bundes zu unseren Zukunftsplänen – ist der Teufel los. Man unterstellt uns, mit den Sammlungen unverantwortlich umzugehen.

Weil die Gemäldegalerie eines Tages auf die Museumsinsel zurückkehren soll?

Ja. Wir sagen aber, das geht nur, wenn alle grundlegenden Bedingungen erfüllt sind. Gemälde und Skulpturen als Einheit, das ist der eine Teil des Masterplanes: Die Alten Meister sollen, wie einst unter Wilhelm von Bode und nach dessen damals revolutionärem Konzept, zusammen mit den Skulpturen aus den gleichen Epochen im Bode-Museum zu sehen sein. Da es dort aber viel zu eng würde – die Sammlungen sind ja seit 100 Jahren enorm angewachsen –, geht das nur mit einem Erweiterungsbau. Der zweite Teil des Planes gilt der Schaffung eines in Berlin dringend benötigten Museums der Moderne, des 20. Jahrhunderts, am Kulturforum. Ein Museum, das in anderen Metropolen selbstverständlich ist. Bei all dem muss man bedenken: Die Museen in den alten Bundesländern konnten ihre Neuordnung schon in den 1950er Jahren beginnen. Berlin hingegen musste diesen Prozess in den Neunzigern, nach dem Mauerfall und dem Ende der Teilung, neu beginnen. Für die hiesige Museumslandschaft endet jetzt erst die Nachkriegszeit.

Das heißt, Berlin hat eine besondere Verpflichtung zur Moderne?

Eben. Die Stadt ist der Ort, an dem die deutsche Moderne des 20. Jahrhunderts gewissermaßen geboren wurde und der von der Moderne wie kein anderer geprägt ist. Und an keinem Ort der Welt ist die Moderne so gnadenlos und menschenverachtend verfolgt, zerstört worden. Mit der Neuen Nationalgalerie wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Museumsinkunabel geschaffen, die an die verfolgte Moderne anknüpft. Aber da sind noch immer Lücken.

Eine dieser Lücken würde die Sammlung Pietzsch schließen?

Ulla und Heiner Pietzsch haben in 40 Jahren eine unverwechselbare und kostbare Surrealisten-Kollektion aufgebaut – Werke, die eine spannende Korrespondenz zum Bestand der Nationalgalerie darstellen. Und diesen Schatz schenken sie dem Land Berlin unter der Bedingung, dass die Werke der Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Dauerleihgabe überlassen werden und Teile dieser Sammlung dauerhaft von der Nationalgalerie im Kontext der Sammlung zur Klassischen Moderne präsentiert werden.

Und mit der einzigen Bedingung, die Werke dürften nicht ins Depot wandern. Aber wohin bei der Platznot?

Der ideale Ort für ein Museum der Moderne und damit auch der Sammlung Pietzsch, ist das Kulturforum mit den Sälen der Gemäldegalerie, denn die Neue Nationalgalerie kann weder oberirdisch, noch unterirdisch, wie man mal hoffte, erweitert werden.

Nun äußerte sich der inzwischen über 80-jährige Sammler dieser Tage sehr entnervt. Er verlangt eine Entscheidung bis zum Frühjahr 2013. Ein Ultimatum, das Berlin am Ende diese Morgengabe kosten könnte?

Vor dem Hintergrund des Alters der Sammler und der für sie sicher belastenden Diskussion kann ich die große Besorgnis verstehen. Wir arbeiten an einer Lösung und sind davon überzeugt, dass wir einen Weg finden werden, der alle Beteiligten zufrieden stellen wird.

Heißt das, Sie suchen rasch einen Ausstellungsort für die Bilder?

Ulla und Heiner Pietzsch wollen mit ihrer großartigen Schenkung bescheidenerweise nur Teil eines künftigen Museums der Moderne sein. Nicht mehr und nicht weniger. Es geht ihnen nicht um „jetzt auf gleich“. Sie wünschen sich nichts so sehr, als dass die Angelegenheit bald auf einen guten Weg gebracht wird.

Was so einleuchtend klingt, bringt aber Kunsthistoriker und Medienleute in Rage, so dass in der FAZ zu lesen ist, die Preußenstiftung folge einer Schnapsidee, gefährde kostbarste Kunstgüter der Nation. Starker Tobak!

Das ist ja das große Missverständnis: ein angeblicher Gewaltakt, bei dem die Moderne die Alte Kunst verdrängen würde. Wir haben hier vielmehr die historische Chance einer Neuordnung, bei der auf lange Sicht die Alten Meister wie die Moderne die Gewinner sein werden: Malerei und Skulptur kommen zusammen, weil sie, nach Bodes grandiosem Konzept, nirgendwo sonst so zusammengehören wie in Berlin. Wir würden am Bode-Museum ein Gebäude bauen, damit zwei neue Museen gewinnen und drei Sammlungen ihrem historischen Zusammenhang zuführen.

Warum ist das den harschen Kritikern nicht zu vermitteln?

Leider werden viele Sätze aus unseren Argumentationen und Planungen aus dem Zusammenhang gerissen, in einen anderen Kontext gestellt und dann falsch interpretiert. Man unterstellt uns gar, die Gemäldegalerie würde demnächst geschlossen und die Bilder kämen ins Depot. Unsere Gemäldegalerie ist ein unvergleichlicher Schatz. So etwas käme nie in Frage, das wäre fatal. Wir können nur immer wieder versichern, dass ein Umzug der Bilder auf die Museumsinsel erst dann in Betracht gezogen wird, wenn ein belastbarer Stufenplan für die Realisierung des Gesamtvorhabens vorliegt. Das wäre die Voraussetzung.

Bisher gab es ja bei jeder Veränderung der Berliner Museumslandschaft heftige Debatten.

Der Masterplan für die Museumsinsel ist terminiert von 1999 bis 2025. Dafür war und ist die Finanzierung klar, die Hälfte ausgegeben und die Hälfte der Arbeit getan. Die Alte Nationalgalerie, das Bode-Museum, das Neue Museum, der Kolonnadenhof sind eröffnet, das Archäologische Zentrum eröffnen wir Ende Oktober, die Arbeiten an der James-Simon-Galerie laufen und der erste Bauabschnitt bei der Sanierung und Erweiterung des Pergamonmuseums wird begonnen. Dabei wird immer leidenschaftlich diskutiert und vieles mit Argwohn begleitet. Aber am Ende standen bisher immer ein großartiges Einweihungsfest und ein begeistertes Publikum. Dann freuen sich alle, und alles ist gut.

Ist die ganze hochemotionale Anteilnahme nicht auch ein Zeichen dafür, dass vielen Leuten die Zukunft der Museen ihrer Hauptstadt ganz und gar nicht egal ist?

Sehen Sie, diesem Aspekt kann ich dann doch eine Menge Positives abgewinnen.

Das Gespräch führte Ingeborg Ruthe.