Stimmt es, dass sich die Hamas hinter Zivilisten versteckt?

Dafür gibt es keinen Beweis, aber dass Widerstandskämpfer sich in der Nähe von Zivilisten aufhalten ist doch bei der Besiedlungsdichte in Gaza geradezu zwangsläufig. Es gibt keine Wälder, Wüsten, unbewohnten Flächen, von denen aus die Hamas operieren kann. Und wo finden die Kämpfe denn statt? An der Demarkationslinie und dort trifft die israelische Armee auf Widerstand. Aber was erwartet diese Armee denn, wenn sie diese Linie überschreitet? Dass sofort die weiße Fahne gehisst wird? Die Palästinenser, und nicht nur die Hamas, haben einfach genug von dieser Situation nach acht Jahren Blockade. Man will dort nicht mehr ohne Hoffnung auf eine Änderung dahin vegetieren.

Wie wirkte sich die Blockade für Palästinenser aus?

Vielleicht erinnern sich noch West-Berliner an die Zeit, als dieser Teil der Stadt abgeriegelt war. Für Gaza ist das alles noch potenziert, auch weil die Blockade schon acht Jahre andauert und niemand sich kümmert oder sich um die Situation der Menschen schert. Kranke können nicht in Spezialkliniken behandelt werden. Teure medizinische Geräte stehen herum, weil Ersatzteile nicht geliefert werden dürfen.

Und was bedeutet es besonders für die junge Generation?

Wenn man jahrelang von der Außenwelt abgeschirmt ist, sich mit anderen nicht persönlich austauschen kann, niemanden trifft – dann bedeutet das geistige Stagnation, auch Angst, Depression, Traumata und Hoffnungslosigkeit. Die Menschen verrohen. Es gibt keine Kulturveranstaltungen, keine Feste, auch die familiären Kontakte leiden. Fälle häuslicher Gewalt nehmen zu.

Inzwischen scheinen das ja auch westliche Politiker begriffen zu haben.

Das mag sein. Aber selbst wenn es eine Zusicherung Israels gäbe − die Menschen in Gaza trauen diesen Zusagen nicht mehr. Deshalb muss es internationale Abmachungen dazu geben und auch Garantien. Das wäre auch im Interesse Israels und seines Wunsches nach Sicherheit.

Warum hat die israelische Regierung zu diesem Zeitpunkt diesen Krieg angefangen? Um die Ermordung der drei jüdischen Thora-Schüler zu rächen?

Die drei Jungs sind nicht in Gaza ermordet worden, sondern in der Westbank. Aber da anzugreifen, ist viel schwieriger. Vielleicht hat der israelischen Regierung nicht gefallen, dass die Hamas in Gaza und die Fatah in der Westbank eine Einheitsregierung gebildet haben. Sicher war mit den Bombardements eine Demoralisierung der Palästinenser beabsichtigt, sie sollen sich in ihr Schicksal fügen und nicht mehr aufmucken – und es sollen so viele Palästinenser wie möglich ihre Heimat verlassen.

Das Gespräch führte Martina Doering.