Christopher McCandless vor dem ausrangierten Bus in Alaska, in dem er vier Monate lang lebte.
Foto: Christopher Johnson McCandless memorial Foundation

BerlinEs gibt ein Foto von Christopher McCandless, da sitzt er vor diesem ausrangierten Linienbus Nummer 142 der Fairbanks-City-Transit-Gesellschaft und lächelt in die Kamera. Sein Haar ist lang und ausgebleicht, er trägt einen mindestens 50-Tage-Bart, und sein braun kariertes Hemd bildet einen reizvollen Kontrast zu dem ausgebleichten Türkis des Busses am Stampede Trail in der Wildnis von Alaska. Das Foto hat er mit einem Selbstauslöser gemacht. Christopher McCandless hat in diesem rostigen Bus vier Monate lang ganz allein gelebt. Hier ist er im August 1992 auch gestorben – mit 24 Jahren.

Vielleicht ist er verhungert, vielleicht hat er giftige Pflanzen gegessen, die ihn schwächten und lähmten. Letzteres ist die These von Jon Krakauer, der McCandless’ Leben und Sterben in seinem Buch „In der Wildnis“ rekonstruiert hat. Später gab es auch einen Film. Das Buch erschien 1996, und ich habe es damals verschlungen, die Geschichte dieses Abenteurers und Aussteigers, der nach seinem Uni-Abschluss sein gesamtes Geld einer Hilfsorganisation schenkte und sich dann auf den Weg machte. Die Geschichte von einem, der die Welt verändern will und der erst mal damit anfängt, wenigstens selbst ein anderes Leben zu führen. Der Jack London und Henry David Thoreau las, die auch meine Helden waren. Der so idealistisch war wie fast jeder einmal.

Die Erinnerung an das Buch, an Chris McCandless, wurde nun wachgerufen durch eine Nachricht aus Alaska. Die Verwaltung des Denali Nationalparks hat den Bus 142 entfernen lassen, und seit ein paar Tagen ist klar, dass er wahrscheinlich ins Museum kommt. Dafür gibt es praktische Gründe: Immer wieder hat der Bus Menschen angezogen, immer wieder haben sie sich verirrt, verletzt und mussten in aufwendigen Suchaktionen gerettet werden. Vergangenes Jahr starb auf dem Weg zum Bus eine junge Weißrussin, sie war auf Hochzeitsreise und ertrank in dem eiskalten Fluss, den man überqueren muss, wenn man sich diesem Ort nähern will. Ein paar Jahre zuvor hatte eine Schweizerin dasselbe Schicksal ereilt.

Warum übte dieser Bus, in dem ein junger Mensch starb, der nicht sterben wollte, noch dazu auf qualvolle Weise, wie Jon Krakauer es beschreibt,  eine solche Anziehung aus? Vielleicht liegt die Erklärung in der Haltung, die Chris McCandless bis zuletzt bewahrt hat. In den letzten Tagen vor seinem Tod gibt es keine Einträge in seinem Tagebuch mehr, aber auf einer Seite, die er aus Louis L’Amours „Education of a Wandering Man“ herausgerissen hat, schrieb er: „Ich hatte Gott sei Dank ein glückliches Leben. Auf Wiedersehen und möge Gott euch segnen.“ Es ist dieses Blatt, das er in die Kamera hält, als er ein letztes Foto vor dem Bus von sich macht. Krakauer beschreibt ihn als furchtbar ausgemergelt, fast skelettgleich. Doch er hebt die Hand zum Gruß und lächelt. Dann kriecht er in den Schlafsack, den seine Mutter für ihn genäht hat.