Hier schreibt sie also, an diesem winzigen Tisch, auf dem neben dem Laptop nur zwei Tassen Platz haben, in einem schmalen Zimmer einer Altbauwohnung. Auf dem Boden liegen eine Matratze, Bücher. Ein Freund wohnt hier, tagsüber ist er nicht da. Und so wirkt die Wohnung auch: still, verlassen.

Sie liegt im Prenzlauer Berg, wo Anke Stelling selber zu Hause ist und wo ihre Bücher spielen. 2015 erschien ihr Roman „Bodentiefe Fenster“, den die Presse als treffsichere Analyse der Mittelschichts-Mütter von Prenzlauer-Berg feierte, geschrieben von einer Frau, die selber eine ist.

Auch noch Schwäbin

Anke Stelling hat drei Kinder, Schwäbin ist sie auch noch, sie wuchs in Stuttgart auf. Und jetzt, zwei Jahre später, ist „Fürsorge“ erschienen, und man geht davon aus, dass sie diesen Roman nach „Bodentiefe Fenster“ geschrieben hat. Aber das stimmt gar nicht. „Fürsorge“ war zuerst fertig.

Dass das Buch jetzt erst vorliegt, hat verschiedene Gründe. Anke Stelling war beim Fischer-Verlag rausgeflogen, weil sich ihr erster Roman „Horchen“ nicht verkaufte. Mit einem Text wie „Fürsorge“ könne man kein Comeback, keinen Verlagswechsel inszenieren, hieß es dann aus anderen Häusern. Und: „Zu schwierig.“ Oder: „Das geht gar nicht.“ Anke Stelling erzählt das nicht wie eine Sensationsgeschichte, sondern in ihrer freundlichen, offenen, unprätentiösen Art. Beim Verbrecher-Verlag, bei dem „Bodentiefe Fenster“ und nun auch „Fürsorge“ erschienen sind, habe ihr Agent diesen Text zuerst gar nicht angeboten.

Schwer zu ertragen

Man kann die Verlagslektoren verstehen, ein bisschen wenigstens. „Fürsorge“ mutet einem viel zu. Es ist ein harter Text über ein großes Tabu, den Inzest. Er war zu allen Zeiten und in allen Kulturen verboten, wenigstens wenn es es sich um den Geschlechtsverkehr zwischen einem Elternteil mit seinem leiblichen Kind handelt so wie in diesem Buch. Bei Anke Stelling ist es die Mutter, die mit dem Sohn ins Bett geht – der Tabubruch in in seiner extremsten Steigerung.

Das ist schwer zu ertragen. „Mario stöhnt, Nadja ruft.“ Dieses Buch sieht man mit Unbehagen auf dem Nachttisch liegen. Gleichzeitig übt es eine Faszination aus. Es ist die Sage von Ödipus und seiner Mutter Iokaste, die hier variiert wird. Ein mythischer Stoff, archetypisch, zum zweiten Mal. In „Bodentiefe Fenster“ war die Protagonistin Sandra die Kassandra, die mahnte, dass die Ideale im Alltag verloren gehen, auf den Spielplätzen, in den Elternabenden.

Wer ist für wen da?

Das Inzest-Thema war zunächst eine Auftragsarbeit. Sie sollte eine Vorlage für einen Film schreiben. Anke Stellings erster Gedanke war: Was soll das? „Dann habe ich gemerkt, dass es etwas berührt, das mich selbst angeht. Was ist Fürsorge, wer ist für wen da?“ – Die erfolgreiche Balletttänzerin Nadja ist auch eine Prenzlauer Berg-Mutter, nur hat sie Mario, ihren Sohn seit der Geburt nicht gesehen. Sie deponierte ihn bei ihrer Mutter in einem Plattenbau in Leipzig, eine Stadt, die Anke Stelling aus ihrer Studienzeit kennt.

Sie war von 1997 bis 2001 am Literaturinstitut dort. Erst als sie schwanger war, zog sie nach Berlin. „Ich fand, dass das Kind in der Hauptstadt aufwachsen muss. Nein, falsch: dass Provinz plus Elternschaft dann doch eins zu viel ist“, schreibt sie in der Biografie auf ihrer Webseite.

Körper für Zuschauer

Ihre Protagonistin Nadja ist am Ende der Karriere. In Berlin unterrichtet sie angehende Ballerinen. Ihren Körper hat sie immer als Arbeitsinstrument behandelt, trainiert, sich diszipliniert. Nun ist er verhärtet, verhornt, kaputt. Der 16 Jahre alte Sohn, der noch zur Schule geht und Bodybuilding macht, gleicht ihr.

Er tritt als schöner, junger Gewichtheber bei zweifelhaften Partys auf. Beide sind es gewohnt, ihre Körper den Blicken der Zuschauer zu überlassen, sie dafür herzurichten. Mario ölt seine glatt rasierten Hoden ein, Nadja hält seit 30 Jahren Diät. Ohne Abführmittel kann sie nicht mehr leben. Mit Mario hat sie zweimal im Jahr telefoniert. Nun fährt sie zu ihm.

Hort für Neurosen

Nadja scheint mit den Müttern aus „Bodentiefe Fenster“ und auch aus „Erna“, Anke Stellings ebenfalls gerade erschienenem Kinderbuch, nichts zu tun zu haben. Doch im Grunde haben sie dasselbe Thema: Wie soll man leben, soll man Kinder haben und wenn dann wie? „Gründet man eine Familie, um sich gegen außen zu verbünden, ist die Familie ein Schutzraum oder ein Hort für Neurosen?“, sagt Anke Stelling.

Liest man „Fürsorge“, stellt man sich diese Fragen selbst. Wie kümmert man sich um sich, wie um sein Kind, wie kann man ihm nah sein, was weiß man überhaupt von ihm, welche Übergriffe erlaubt man sich, weil es keiner sieht oder weil sie gerade noch im Bereich des von der Gesellschaft Erlaubten liegen?

Gesche, eine weitere Prenzlauer-Berg-Mutter in „Fürsorge“, sagt: „Mütterlichkeit besteht also ausschließlich in der erfolgreichen Behauptung von Rechtschaffenheit.“ – Es ist ein Satz, der auf Anke Stellings Erfahrung beruht. Sie hat selbst gemerkt, wie ihr als Mutter die sozialen Normen wichtig geworden sind, von denen sie dachte, dass sie darüber stünde. Wie sie das Gefühl hatte, sie müsse sich anpassen – den Kindern zuliebe. Was das angeht, so hat sich Nadja aus Äußerste emanzipiert.

Sätze wie Strafzettel

Was ist Fürsorge, wer ist für wen da? Wenn Mario seine Mutter auf die Matratze drückt, wenn er nach einer Weile das Becken leicht anhebt und Nadja reagiert, indem sie ihm ihren Körper entgegen schiebt, dann könnte man behaupten „dass es eine Variation der Mittagessensfrage ist, die fürsorgliche Eltern ihren Kindern stellen: ,Na mein Schatz? Wie war’s in der Schule?’“, schreibt Anke Stelling.

Es ist die Frage, die die Mütter in „Bodentiefe Fenster“ ihren Kindern stellen, die Mütter, die alles gut, alles richtig machen wollen. Es ist eine Frage, die nie beantwortet wird. Sie hat allein die Funktion, das Verhältnis so einfach wirken zu lassen, wie es gar nicht ist.

Grausamer Blick

Es ist eine Frage, die auch Ernas Mutter in dem Kinderbuch stellt. Die Familie ist ebenfalls im Prenzlauer Berg zu Hause, wohnt auch in einer Baugruppe. „Gleich müssen wir erzählen, was den Tag über so los war“, denkt Erna, Stellings tolle Kinderbuch-Heldin, „das müssen Tom und ich immer am Abendbrottisch.“ Das ist ein Satz, der unangenehm wie ein Strafzettel wirkt. Erwischt! „Während meines Studiums wurde mir ein grausamer Blick bescheinigt“, erzählt Anke Stelling. Das kam vom Dozenten Wilhelm Genazino.

Bis nachmittags um vier sitzt Anke Stelling an dem kleinen Tisch und schreibt. Manchmal auch bis sechs, wenn ihr Mann das Abendessen macht. Sie habe schon immer so gearbeitet. Auch als sie noch keine Prenzlauer-Berg-Mutter war.

Anke Stelling: Fürsorge. Verbrecher Verlag, Berlin 2017, 200 S., 19 Euro 

Erna und die drei Wahrheiten. Ab 11 J. cbt, München 2017, 236 S., 12,99 Euro