Die Schauspielerin Jella Haase steht bei der Probe zu „Iphigenie. Traurig und geil im Taurerland“ auf der Bühne. Das Stück feierte am 11. September 2020 an der Volksbühne Berlin Premiere.
Foto: Katrin Ribbe/Volksbühne Berlin

BerlinDies ist ein Theaterabend, der seinen Beteiligten selbst viel Spaß zu machen scheint: Die weiträumige Volksbühne, in deren Mitte die Bühnenbildnerin Jana Wassong einen hellen, girlanden verzierten Rundpavillon gestellt hat, steuert zweifellos einen Großteil dazu bei. Denn um diese wohltemperierte, kleine Kultstätte herum lässt sich wunderbar auslaufen, ausatmen und ausbrüllen, wie man will. 

Die österreichische Autorin Stefanie Sargnagel würde sagen: Man kann brunzen, einen fahren lassen und Schweiß ausdünsten, wie es einem so kommt – aber zu Sargnagel später. Die sieben Schauspielerinnen, mit denen Lucia Bihler an diesem Abend ihre feministische Sicht auf die klassische Tragödie um die zur Opferung bestellte Königstochter Iphigenie entwirft, machen von dem Bühnenauslauf (zumindest im ersten Teil) ausführlich Gebrauch.

Dabei darf man sich Bihlers „neomythologisches Diptychon“ mit dem schönen Titel „Iphigenie. Traurig und geil im Taurerland“ nicht als irgendwie frei improvisierendes Projekttheater vorstellen. Im Gegenteil: Grotesk durchchoreografiert stolzieren, trippeln oder schleichen der unglückliche Agamemnon, dem die überraschend an der Volksbühne gastierende Susanne Wolf ihre drahtige Statur gibt, sein zorniger Bruder Menelaos (Emma Rönnebeck) und später die trotzig kratzbürstige Iphigenie (Vanessa Loibl) mit ihrer pikierten Mutter (Paulina Alpen) durch die Szenerie und geben das Euripides-Drama „Iphigenie in Aulis“ als komödiantische Parodie im abgedimmten Herbert Fritsch-Stil.

Ein gewisses Maß an groteskem Bewegungsüberschuss, bunten Farben und ironisch eingeblasener Begleitmusik versetzt die Tragödie also von Beginn an ins Satyrspiel, dem die allesamt gehörnt auftretenden Figuren noch eins drauf setzten. Denn das ganze Griechenlager, das auf Fahrtwind nach Toja wartet, wofür Iphigenie herbeigeschafft und geopfert werden soll, besteht aus nichts anderem als Opfertieren. Immerhin tragen die Herren elegante Hosenanzüge dazu, und Iphigenie steckt selbstredend im Brautkleid, weil ihr statt Tod ihre Hochzeit versprochen ist.

Das alles sieht lustig aus, mehr als parodistisch ist es aber eben nicht. Nennenswerte Akzentverschiebungen, geschweige denn feministische, findet man kaum. Die schlagen dann im kürzeren zweiten Teil unvermittelt auf, denn dann hockt die vor der heroischen (Selbst-)Opferung gerettete Königstochter nicht im Hades, sondern im feuchten Taurerland, was in diesem Fall dasselbe ist wie die Wohlstandswüste unserer Tage, der Stefanie Sargnagel in ihren lakonisch Facebook-Texten das sexistische, rassistische Grauen ablauscht. Alle sieben Spieler sind nun Brautkleid-Iphigenien, die sich an die Rampe pflanzen und die müden, unfitten, unflexiblen, unsmarten Sargnagel-Posts in die Luft sprechen. Der Satz „Ich liebe Regenwetter“ klingt da plötzlich wie eine Befreiung.

Volksbühne, wieder am 12.9., 19.30 Uhr, 13.09., 18 Uhr, Tel: 24065777