Dieser Film hat keinen Abspann. Das iranische Kulturministerium erlaubt das nur bei offiziell genehmigten Werken. Und die Filme des iranischen Regisseurs Jafar Panahi, der 2010 zu einem zwanzigjährigen Berufsverbot verurteilt wurde, zählen nun einmal nicht zu denen. Dennoch dreht Panahi weiter. Seit seiner Verurteilung sind bereits drei Spielfilme entstanden. „This is not a Film“ (2011) und „Pardé“ (2013) waren clever konstruierte, doppelbödige Reflexionen eines gefangenen Künstlers. Doch das im vergangenen Februar mit dem Goldenen Bären der 68. Berlinale ausgezeichnete Road Movie „Taxi Teheran“ ist das mit Abstand reifste Werk dieser Schaffensphase: Ein heiter-kompromissloser Akt zivilen Ungehorsams – allein mit den Mitteln des Kinos.

Wie in allen seinen Filmen, die er nach dem Berufsverbot drehte, spielt Jafar Panahi auch dieses Mal sich selbst. Er sitzt hinter dem Lenkrad eines Taxis und fährt durch die sonnigen, verstopften Straßen Teherans. Er ist ein etwas tollpatschiger Taxifahrer, der kein Geld verlangt von seinen zahlreichen Kunden, die sich während dieser Fahrt in sein Auto setzen – der sie aber mit einer an der Frontscheibe angebrachten Mini-Kamera filmt.

Und wer steigt in diesen 90 Minuten alles ein? Die Fahrgäste bilden einen Querschnitt der gegenwärtigen iranischen Gesellschaft: Die Lehrerin, die mit einem Kleinkriminellen über den Sinn der Todesstrafe streitet; der gerissene Kleinwüchsige Omid, der mit illegalen Filmen handelt; ein blutüberströmter Motorradfahrer, der von seiner Frau ins Krankenhaus eskortiert wird; und nicht zuletzt die zwei älteren, abergläubischen Damen, die einen Goldfisch im Wasserglas auf dem Schoß halten und ihn unbedingt um zwölf Uhr Mittags frei lassen müssen.

Was wie ein Dokumentarfilm wirkt, erweist sich bei näherer Betrachtung als raffinierte Konstruktion. Denn diese Fahrgäste sind eben keine zufällig eingestiegenen Iraner. Es sind Freunde und Weggefährten des Regisseurs, ehemalige Schauspieler seiner Filme und Familienmitglieder. Panahi selbst blickt sie im Rückspiegel gütig an. In dieser emphatischen Geste liegt die subversive Kraft des Films, der in hellen und heiteren Bildern den Unsinn rigider Reglementierung und die Absurditäten des iranischen Alltags illustriert.

Mosaiksteine iranischer Wirklichkeit

So gerät hier jede Begegnung zu einem kleinen Theaterstück, das einen weiteren Mosaikstein iranischer Wirklichkeit ins Taxi bringt. Im scheinbaren Schutzraum dieses Autos werden schonungslose politische Aussagen getroffen. Man hört die Klagen eines vernachlässigten und ungeduldigen Volkes, das sich seiner Stellung in der heutigen Weltgemeinschaft indes sehr bewusst ist. Für solche hellsichtigen Gesellschaftsdiagnosen reicht in „Taxi Teheran“ schon ein kurzer Satz. Wenn etwa die Lehrerin auf der Rückbank dem Sharia-Befürworter erwidert, dass der Iran, wenn es um ausgeführte Todesstrafen geht, nur von China überholt wird. Ist das, so schreit sie, ein akzeptabler Zustand für ein menschenfreundliches Land?

Irgendwann steigt Panahis junge Nichte in sein Taxi. Hana ist ein kleines, freches Mädchen. In der Schule sollen die Kinder einen Film drehen. Die Lehrerin instruiert die Schüler über die Vorgaben, sprich Zensurregeln: Filme, welche die „schwarze Realität“ zeigen, seien verboten. Also Filme, die den Gesetzen und Moralvorstellungen der islamischen Republik zuwiderlaufen und so die Wirklichkeit verfälschen. Onkel Panahi schweigt und weiß, dass er genau diese Filme gedreht hat. Sie handeln von jungen Frauen, die sich als Männer verkleiden müssen, um ins Fussballstadion zu kommen („Offside“, 2006); oder von Pizza-Lieferanten, die auf ihren nächtlichen Touren die kriminelle Seite ihres Landes erleben („Crimson Gold – Blutrotes Gold“, 2003).

Seiner Nichte Hana rät Panahi, die Vorgaben der Lehrerin weitestgehend zu befolgen. Wie die Kleine diesen Rat allerdings bei einem Zwischenstopp umsetzt, gehört in gewisser Hinsicht zu den brillantesten Einfällen dieses Films – und soll hier nicht verraten werden. „Taxi Teheran“ ist eine Komödie. Nicht ohne Grund fällt hier häufiger der Name Woody Allen. Für Panahis Werk wirkt diese erstaunliche Lockerheit befreiend. Sie macht seine Bilder wild und unberechenbar, ohne ins Belanglose und Beliebige abzudriften.

Und noch etwas fällt auf: Fast alle Fahrgäste in Panahis Taxi filmen. Sie haben Smartphones, Handkameras und Tablets dabei. Der weltweit renommierte Autorenfilmer Jafar Panahi hingegen fährt Taxi. Wie lächerlich wirkt da sein Berufsverbot! Den iranischen Autoritäten tanzt Panahi mit „Taxi Teheran“ jedenfalls furchtlos auf der Nase herum; er demonstriert ihnen die Nichtigkeit ihrer Entscheidungen und widersetzt sich kraft- und kunstvoll den staatlichen Repressionen.

Und so ist „Taxi Teheran“ eben auch ein hochpatriotischer Film geworden. Einer, der von einer besseren Zukunft träumt. Von einem Iran, in dem Taxifahrer die Taxis fahren und Filmemacher Filme machen. Filme mit Abspann.