BerlinKurz vor dem vergangenen Wochenende wurde bekannt, dass Iris Laufenberg 2023 die Leitung des Deutschen Theaters von Ulrich Khuon übernimmt. Laufenberg leitete von 2003 bis 2012 das Theatertreffen, sie ist also keine Unbekannte in der Stadt, dennoch ist ihre Ernennung eher überraschend. Nach ihrem Weggang hat sie als Sparten- und Theaterleiterin in Bern und in Graz gearbeitet, nun kehrt sie also bald nach Berlin zurück. Auch wenn es für konkrete Pläne noch zu früh ist, würde man gern wissen, was Iris Laufenberg mit dem Theater vorhat.

Berliner Zeitung: Frau Laufenberg, was ist das Besondere an dem Deutschen Theater in dieser Stadt?

Iris Laufenberg: Dass die Tradition an diesem Haus lebendig ist. Theater ist ein Seismograf für soziale Veränderungen, das war das Deutsche Theater im Besonderen. Dieses Haus stand im Zentrum gesellschaftlicher Umbrüche, die schreiben sich in die DNA ein. Hier kann man, wie Dimiter Gotscheff mit dem Heiner Müller-Buch in der Hand zu sagen pflegte, mit den Toten reden. Aber nicht nur über die Vergangenheit, sondern auch über die Gegenwart und die Zukunft.

Verbinden Sie besondere Theatererlebnisse mit dem Haus?

Ich habe ja in Gießen Angewandte Theaterwissenschaft studiert und meine Diplomarbeit fiel in die Zeit des Mauerfalls. Die Inszenierung von Heiner Müllers „Hamlet/Hamletmaschine“ wurde im Kontext des Systemzusammenbruchs mit neuer Bedeutung aufgeladen. Ich habe den Umbruch und die Inszenierung sehr intensiv erlebt und in meiner Diplomarbeit reflektiert.

Foto: Lupi Spuma
Theaterfrau

Iris Laufenberg wurde 1965 in Köln geboren. Sie studierte Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen. Sie arbeitete als Dramaturgin in der Leitung des Bonner Schauspiels und des Bremer Theaters.

2002 bis 2013 leitete sie das Theatertreffen in Berlin. Danach ging sie für drei Spielzeiten ans Konzert Theater Bern und übernahm die Leitung des Schauspiels Graz. Der Schauspieler und Theaterleiter Uwe Eric Laufenberg ist ihr Bruder.

Am 6. November gab die Kulturverwaltung bekannt, dass Iris Laufenberg ab 2023 Intendantin des Deutschen Theaters wird.

Was bedeutet für Sie das Wort „Deutsches“ im Namen des Hauses?

Da habe ich alle möglichen Gedanken hin- und hergewendet. An dem Wort kann man sich reiben, was ja auch gut ist, und dabei wird sicher kein deutsch-nationales Identitätstheater herauskommen. Ich habe in der Schweiz und in Österreich gearbeitet, das hat meinen Blick auf Deutschland geschärft.

Was qualifiziert Sie in den Augen des Kultursenators für den Job an diesem wichtigen Theater im Machtzentrum Deutschlands?

Da kann ich nur Werner Schwab zitieren: „Weil eine richtige Grazkunst, die ist keine Mausescheiße.“ Alles Weitere müssen Sie Senator Klaus Lederer fragen.

Ja, aber was glauben Sie?

Die Summe der Dinge, die ich getan und ermöglicht habe, vom internationalen Festival bis hin zu den Erfahrungen, die ich im Ausland gemacht habe. Ich habe auch immer wieder Leute mitgenommen und verfüge über ein vitales Netzwerk. Ich will kein Handschriftentheater, wie wir das noch vor zehn Jahren wollten. Wir brauchen ein plurales, vielschichtiges Theater. Schwer genug umzusetzen.

Was wird sich an der Jobbeschreibung ändern?

Es wird alles eine Nummer größer. Aber ich mache grundsätzlich nichts anders. Ich werde 2023 nicht neu geboren, sondern ich setze meine Arbeit fort und werde auch Arbeitsbeziehungen mit Menschen weiterführen, mit denen ich schöne Erfolge feiern konnte.

Wie wollen Sie sich positionieren in Berlin?

Ich kenne die Profile der Berliner Theater, wie sie sich heute herauskristallisieren und aus welcher Historie sie sich entwickelt haben, und ich werde die auch weiter lesen. Das Theater ist ja lebendig und bewegt sich nicht im luftleeren Raum. Platz ist jedenfalls genug, glaube ich. Natürlich darf und will man die Tradition des Hauses nicht vernachlässigen, es ist ja auch ein Literaturtheater, und dafür stehe auch ich mit meinen Autorinnen und Autoren. Und das Deutsche Theater hat ja auch ein bestimmtes Publikum, das sich wiederfinden und zugleich herausgefordert werden soll. Was die Unterschiede zu den anderen Theatern sein werden, da schauen wir mal.

Sehen Sie das Deutsche Theater in der Pflicht, die DDR-Tradition aufzunehmen?

Das Thema Ost-West ging auch durch meine Familie, die durch die Mauer getrennt war. Damit bin ich aufgewachsen. Das ist mir sehr nah. Ich will aber nicht den Konflikt und die gegenseitigen Kränkungen kultivieren, sondern das Gespräch darüber. Es gibt viele tiefe Konflikte, die Frage ist: Was hält uns zusammen? Das bleibt ein Thema.

Sie haben früh mit dem Thema Frauen im Theaterbetrieb angefangen, es gab diese Ausstellung „Regie Frauen !!!“ im Jahr 2011. Damals galt das als absolutes Randproblem, oder?

Ich bin verlacht worden. Aber doch, natürlich lag es auf der Hand. Wie konnte es sein, dass in der Auswahl der zehn ausgezeichneten Inszenierungen über Jahrzehnte höchstens eine Arbeit von einer Regisseurin dabei war. In den Bewegungen der 60er- und 70er-Jahre ist viel gefordert worden, aber vieles lange nicht überall in unserer Gesellschaft umgesetzt worden. Das war mir ein wichtiges Anliegen, und ich bin sehr froh, dass MeToo wieder viel in Bewegung gesetzt hat. Allerdings glaube ich, dass wir an dieser Problematik dranbleiben müssen, sonst verschwinden vermeintliche Selbstverständlichkeiten wieder. Kamala Harris hat am Wochenende als erste weibliche Vizepräsidentin in der US-Geschichte gesagt, dass nach ihr viele Frauen folgen werden. Da kann man sich aber nicht sicher sein. Siehe Angela Merkel, da gibt es nur männliche Nachfolgekandidaten. Wir müssen ständig zählen – das hilft, um ein Bild zu bekommen.

Diese Medaille hat eine zweite Seite. Die Frauenquote bewirkt immer auch den Verdacht, dass jemand den Job nur bekommt, weil er weiblich ist. Auch hinter Ihrem Rücken wird das sicher gesagt.

Da kann ich nur ganz herzhaft lachen. Dieses Gerede von den Quotenfrauen dient einzig dem eigenen Machterhalt. Vielleicht handelt es sich um Konkurrenten?

Sie werden als Frau sicher öfter als ihre männlichen Kollegen nach den Arbeitsbedingungen und nach der Vereinbarkeit von Arbeit und Familie gefragt. Nervt das?

Die Beobachtung stimmt, aber es nervt mich nicht. Ich finde das Thema wichtig und kann es setzen. Was mich vielmehr nervt, sind die Diskussionen und Beiträge über mein Aussehen. Das ist auch etwas, womit nur Frauen konfrontiert werden.

Dann frag ich Sie mal konkret: Wie machen Sie das mit Ihrer Familie? Sie sind Ende 2011 aus Berlin weg nach Bern, dann wieder nach Österreich, dann zurück nach Berlin ...

Die Familie ist immer gefragt worden. Ohne den Familienrat und ohne die Entscheidung der ganzen Familie hätte es keinen Umzug gegeben. Natürlich müssen die Aufgaben anders verteilt werden, mein Mann muss viel übernehmen, was in den allermeisten Fällen automatisch die Frauen machen. Das ist nicht immer einfach, aber wir kriegen das gut hin, auch ohne altgediente Rollenmodelle. Es ist trotzdem so, dass man als Frau dann noch ein bisschen besser sein muss und unter verschärfter Beobachtung steht. Stichwort „Quotenfrau“ und „Rabenmutter“.

Wollen Sie die Machtstrukturen am Theater revolutionieren?

Eine Revolution würde zu viel zerstören. Vieles ist ja auch gut an diesen Strukturen. Ich sehe das immer so wie ein Dorf, in dem jeder weiß, was er machen soll. Da würde die/der Bürgermeister*in auch nicht jedem hineinreden und ständig die Richtung angeben, sondern auf die Fähigkeiten und Kenntnisse der Bewohner*innen vertrauen. Die Strukturen beweisen gerade jetzt in der Krise, wie schnell und gut sie funktionieren und welcher Zusammenhalt in den Ensembles besteht. Ich finde, die Strukturen müssen vor allem transparenter werden, man muss in die Abläufe und Entscheidungsprozesse reingucken dürfen.

Aber Sie sind alleinverantwortlich, also müssen Sie sich letztlich allein entscheiden.

Nein, ich werde nicht allein entscheiden. Aber ja, ich werde die gefallenen Entscheidungen letztlich allein verantworten.

Man könnte diese Verantwortung auch auf mehrere Schultern verteilen, Mehrfachspitzen, Direktorenmodelle. So etwas gibt es ja.

Klar, könnte man, aber de facto kann die Struktur auch hervorragende Teamarbeit ermöglichen, sie muss ja nicht hierarchisch geführt sein. Ich sehe nicht, warum es leichter sein soll, eine Belegschaft mitzunehmen, wenn man zu zweit, dritt oder viert an der Spitze steht. Aber natürlich ist diese Machtstruktur anfällig für Missbrauch.

Glauben Sie, dass Frauen die besseren Theaterleiter sind?

Das kann man nicht per se sagen. Was man sagen kann, ist, dass Frauen strukturell andere Erfahrungen machen und mit anderen Rollenklischees zu kämpfen haben. Vielleicht macht sie das aufmerksamer?

Das Gespräch führte Ulrich Seidler.