BerlinMitten im Corona-November hat die Berliner Kulturbehörde geliefert. Einen Tag nach der Meldung von Oliver Reeses Vertragsverlängerung am Berliner Ensemble wurde am Freitag, eigentlich schon zu spät, auch eine Lösung für die Zukunft des Deutschen Theaters präsentiert. Am Vormittag erst einmal nur den Mitarbeitern und dem Ensemble des Hauses: Der 69-jährige Intendant Ulrich Khuon, dessen Vertrag nach der nächsten Spielzeit im Sommer 2022 auslaufen würde, hängt noch eine Saison dran, um seinem Nachfolger eine solide Planung zu ermöglichen – beziehungsweise seiner Nachfolgerin, denn  die Dramaturgin, Festival- und Theaterleiterin Iris Laufenberg wird die Intendanz übernehmen. 

Sie reiste nicht an, sondern sprach per Videoübertragung zur Belegschaft, und auch die bei solchen Amtswechseln übliche Pressekonferenz hat man sich gespart – ein großer Bahnhof hätte inmitten der Corona-Krise, die das kulturelle Leben der Stadt in eine Krise stürzt, unangemessen gewirkt. Dabei gibt es zunächst einmal einen Grund zum Feiern: Iris Laufenberg ist die erste weibliche Intendantin in der traditionsreichen Geschichte des Hauses, und das wurde auch höchste Zeit.

Iris Laufenberg sorgt dafür, dass andere glänzen 

Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Linke) setzt in diesen turbulenten Zeiten gesellschaftlicher Spaltung weniger auf glamouröse Würfe und Beweise von Gestaltungpotenz, sondern mehr auf Verlässlichkeit und Betriebsruhe. Laufenberg ist keine regieführende Intendantin, die sich ein Theater schnappt, um sich bestmögliche Bedingungen für ihre eigene Kunst zu schaffen, sondern eine, die die Bühne organisiert, damit andere glänzen können. Da setzt sie etwas fort, was vor knapp 20 Jahren mit dem Weggang von Thomas Langhoff im Deutschen Theater begann und inzwischen Nachwende-Tradition hat: Langhoffs direkter Nachfolger war Bernd Wilms, der die Tempel-Aura und die Verschworenheit des Ensembles im Ost-West-Streit aufriss. Dann kam 2009 Ulrich Khuon, der die Risse kittete und eine neue Erzähl- und Spielfreude zurückbrachte. Der nostalgiepatinierte Glanz der Legende ist gewichen, was der Arbeitsfähigkeit des Hauses alles andere als schadet.

Nun also wieder keine Glanz-, sondern eher eine Arbeitslösung. Kein Aufbruch in neue ästhetische Sphären, sondern eher ein behutsames Weitergehen. Ist es verwunderlich nach den Erfahrungen, die diese Stadt nach den Abgängen der Großmannskünstler Frank Castorf und Claus Peymann gemacht hat? Nach dem schrillen und protzigen Move von Lederers Vorgänger, der für einen Paukenschlag die Existenz der Volksbühne riskierte? Also nach dem kulturpolitischen Harakiri von Tim Renner mit Chris Dercon? Davon hat sich die Stadt noch lange nicht erholt.

Die 1966 in Köln geborene Iris Laufenberg hat, wie ihr künftiger Intendantenkollege an der Volksbühne René Pollesch, in Gießen studiert. In den Neunzigern arbeitete sie in Bonn und dann in Bremen als Schauspieldramaturgin in der künstlerischen Leitung. 2001/2002 leitete sie das europäische Festival Bonner Biennale. 2003 wurde sie vom Intendanten der Berliner Festspiele Joachim Sartorius nach Berlin geholt, um das Theatertreffen zu leiten, zehn Jahre lang. Hier war eine gar nicht unähnliche Aufgabe zu bewältigen, wie sie Wilms am DT oblag, denn auch hier schien eine Theaterepoche zur Legende auszutrocknen und vom Geist ihrer Entstehung verlassen zu werden. Laufenberg führte neue Regeln für die Kritikerjury ein, die ein bisschen frische Luft in ihrem Entscheidungsfindungsmief gut gebrauchen konnte.

Sie ist keine Revolutionärin, sie arbeitet verbindlich mit den Behörden zusammen, schaffte es, die Bundeskulturstiftung, an deren Tropf das Theatertreffen hängt, bei Laune zu halten; im Umgang mit der Belegschaft wird sie als fair und verlässlich beschrieben. Sie hat das Thema Frauen im Theater vor zehn Jahren als eine der Ersten aufs Tapet gebracht. Sie ist eine, die alle mitnehmen will.

Iris Laufenberg kommt über Bern und Graz nach Berlin zurück

Als Thomas Oberender 2012 die Festspiele übernahm, hat er Laufenberg ziehen lassen. Vielleicht war es aber auch an der Zeit, den Posten und die Theaterluft zu wechseln. Das sagt sich so leicht. Laufenberg hat in ihrer Berliner Zeit zwei Kinder bekommen von einem Mann, der schon Kinder aus einer anderen Verbindung hatte. Für eine Patchwork-Familie mit kleinen Kindern ist der Job beim Theatertreffen, der über das Jahr nicht immer gleich fordernd ist, ziemlich gut geeignet, sie ging trotzdem weit weg, ans Konzert-Theater Bern in die Schweiz zu Stephan Märki, unter dem sie als Schauspieldirektorin waltete.

Dies kann allerdings nicht lange gut gegangen sein, denn bereits in der ersten Spielzeit muss sie sich, wenn man das Findungsprozedere einrechnet, für den Intendantenposten im österreichischen Graz beworben haben. Sie bekam den Job, schied in Bern 2015 nach drei nicht unerfolgreichen Spielzeiten schon wieder aus – ohne großen Aplomb im Gegensatz zu ihren Nachfolgern, die es mit Märki ebenfalls nicht lange aushielten, bis der Intendant selbst kündigte. Eine andere Geschichte, aber eine, die von den Gebrechen der Machtstrukturen an den Theatern erzählt. 

In Graz fuhr Laufenberg kein Programm der großen Namen, bei ihr inszenieren solche Leute wie Simone Dede Ayivi, Nevil Trenter, Markus Bothe, Miriam Tscholl oder Anita Vulesica. Laufenberg legte einen Schwerpunkt auf die Dramatik der Gegenwart – und zwar nicht nur der deutschsprachigen. Das brachte Produktionen ihres Hauses zu den Mülheimer Theatertagen und zu den Autorentheatertagen am Deutschen Theater. Nicht nur daher kennen Laufenberg und Khuon einander gut, Khuon saß unter anderem auch in der Findungskommission, die Laufenberg für den Grazer Posten empfahl.

Natürlich ist das nicht genug. Mit Iris Laufenberg ist eine Lösung gefunden, die den Betrieb aufrechterhält und den noch immer scheuen neuen Geist am Deutschen Theater, den der Nachdenklichkeit und der Gegenwartsmoderation, der Einladung und des gepflegten Diskurses, weiter bedient. Anzunehmen ist, dass sie einen noch stärker teamorientierten Führungsstil in die Berliner Theatergeschichte einführt, einen noch vorbildlicheren, noch kooperierenderen, noch transparenteren Stil, vielleicht auch mit einem Betriebskindergarten wie in Graz. Das alles ist in der Krise noch beachtenswerter als in leichteren Tagen. Aber es braucht vor allem auch die Kunst. Wenn das Theater seine Bedeutung verteidigen will in einer Zeit, in der es sich gerade mehr oder weniger als obsolet erleben muss, dann muss es sich auf der Bühne beweisen. Es ist die Chance für Iris Laufenberg. Im September 2023 werden wir darüber mehr erfahren.