Ein Steinrelief am rumänischen Flussufer der Donau im Banater Gebirge, einer Landschaft mit Geschichte.
Foto: imago stock & people/Werner Otto

Hannes ist als junger Pfarrer an den westlichen Rand Rumäniens versetzt worden, ins Banat. In seiner Kirche spricht man meistens Deutsch. Auch Slowenisch versteht man in dem Dorf, wo dieser Roman seinen Anfang nimmt, und wo er endet. „Die Unschärfe der Welt“ heißt er; auch auf diesem Flecken Erde spielen sich die üblichen Weltendinge ab, Geburt und Tod, Liebe und Verrat. Welt heißt aber auch: Iris Wolff erzählt an den Rändern der politischen Systeme entlang und überschreitet diese.

„Es gab das Grau des Himmels. Den Fluss und die Weiden. Die weite Ebene und die Einsamkeit. Es gab den Rand und die Mitte. Das Ja und das Nein. Die Ungewissheit. Und doch, dachte Florentine, lässt dich diese Landschaft, wie du bist.“ So schreibt Iris Wolff, 1977 in Hermannstadt, Siebenbürgen, geboren, in einer Gegend mit einem großen Anteil deutscher Bewohner. Sie kennt die Landschaft und die Bedingungen, unter denen die Menschen dort lebten. Die Handlungszeit beginnt kurz nach der Trennung der Beatles, also in den 1970er-Jahren. Die Musik kommt auf einer Langspielplatte wie ein Gruß aus der Fremde in das Dorf.

Die Securitate zu Gast

Die Liste der Personen im Buch wäre kurz, würde man eine solche beim Lesen führen. Letztlich führen alle Linien zum Pfarrer Hannes, seiner Frau Florentine und deren Sohn Samuel. Wie das ferne Zentrum für alle erscheint Karline, Hannes' Mutter, die den rumänischen König noch gesehen hat. Das ist eine Frau, die sich eine Unabhängigkeit in Kopf und Herz bewahrt hat: „Karline erwartete das Launische, Unberechenbare, Widersprüchliche geradezu. Die Leute erzählten ihre Geschichten auf seltsam feststehende Weise. Als wären sie genauso passiert. Dabei war, das ahnte Karline, jede Geschichte auf hundert mögliche Weisen passiert, und alle waren gleich wahr und nicht wahr.“

Auf zweierlei Weise bedeutsam wird das Paar, mit dem sich Hannes und Florentine regelmäßig zum Kartenspiel treffen. Dessen Tochter wird Samuels Freundin und Vertraute. Ihr Vater aber will immer genau wissen, was sich bei der Pfarrersfamilie tut. Er steckt dahinter, als Hannes wegen seiner Besucher aus der DDR zum Verhör bestellt wird. Die Securitate, davon erzählen auch die Bücher von Wolffs älteren Kolleginnen und Kollegen wie Herta Müller und Richard Wagner, installierte ihre Spitzel noch in den kleinsten Nestern.

Aus einer anderen Familie in der Nachbarschaft kommt Samuels bester Freund Oz. Florentine hielt den Kontakt, als Oz’ Mutter gestorben war. „,Wie geht es dir?‘ Der Verstand brauchte Zeit, das Herz war schnell. Sie sah, wie es um seine Antwort stand.“ Iris Wolff erzählt auf eine Weise, dass sich unmittelbar Bilder einstellen, auch eine Stimmung mit Farben und Gerüchen. Sie führt ihre Leserinnen und Leser durch die Stuben an den gedeckten Tisch, aufs Feld zu den Tieren. Sie bleibt mit ihren Figuren zunächst in ihrer kleinen Welt, dem Dorf, und verlässt es mit der jüngeren Generation.

Iris Wolff, die hier ihren vierten Roman vorlegt, schreibt über Menschen und Landschaft, aber auch über das Erzählen selbst, über die Sprache als Schlüssel, über Literatur. Samuel hatte als Kind erst spät sprechen gelernt. Mit Stana, die ihm schwesterlich nah ist, redet er. Doch als sie 14 Jahre alt sind, sieht er das Mädchen auf einmal anders, ändert sich ihr Verhältnis. Sensibel gestaltet die Autorin ihre Begegnung, die zum Kippmoment wird. „Sprache konnte nicht mehr sein als ein Anlauf zum Sprung“, schreibt sie. An vielen ihrer Sätze kann man eine Weile kauen und schmecken.

Als es in diesem Roman einmal nicht um das konkrete Leben seiner Helden geht, sondern um Ceausescus Politik, scheint der Ton alten Legenden entnommen: „Wollust, Ausschweifung, Zorn und Rachsucht blieben auf wenige Funktionäre beschränkt, sie gaben sich der Unkeuschheit und Genusssucht hin, während das Volk unbescholten dem goldenen Traum der Menschheit entgegenging.“ Iris Wolff bedient sich einer historischen Unschärfe, zeigt paradoxerweise damit umso deutlicher, wie ähnlich die Arbeiter und Bauern im rumänischen Sozialismus den Untertanen im Feudalismus leben mussten. „Völlerei war undenkbar, wenn die Hauptspeise Propaganda war. Neid und Missgunst waren ausgeschlossen, schließlich gehörte niemandem nichts, und jeder hatte, was auch der Nachbar besaß.“

Der Preis war zu hoch für Zweifel

Und wenn dann Samuel mit Oz auf einem Drachen geflohen wäre, hätte man der Autorin geglaubt. Das Fluggerät, das sie den beiden gibt, funktioniert auch fast auf märchenhafte Weise. Über Österreich kommen sie in die Bundesrepublik, den Sprachtest bestehen diese deutschen Rumänen mühelos. Doch sieht das Glück nicht immer so aus, wie man es sich erwartet. „Der Preis war zu hoch für Zweifel“, schreibt Wolff. So bereitet sie etwas vor, was sich als persönliche Tragik oder Depression lesen lässt. Doch die Ursache liegt in der Spaltung der Welt in Ost und West, wer sie überwunden hatte, konnte nicht zurück.

Die Autorin erzählt anrührend und aufwühlend, weil sie oft den realen Hintergrund im Unscharfen, ihr Personal und dessen Erlebnisse äußerst plastisch erscheinen lässt. Die größte erzählerische Herausforderung ist der Umbruch von 1989/90. Ein bisschen nur gerät die Erzählung ins Schlingern im Verlauf der sich überstürzenden Ereignisse, doch dann verfängt sie wieder, weil die Figuren die Geschichte tragen können. Es gibt unerwartete Wiederbegegnungen, manche zu schön, um wahr zu sein, aber der Roman hat seine eigene Wahrheit. Wie gut, dass er zu den Nominierten für den Deutschen Buchpreis gehört.

Iris Wolff: Die Unschärfe der Welt. Roman. Klett-Cotta, Stuttgart 2020. 214 S., 20 Euro