In jeder der Geschichten ist irgendwer irisch. Wie Mae, die beim Schritt aus der Heimat in die Neue Welt Amerika ihren Taufnamen Maeve zwar um die verräterischen beiden letzten Buchstaben kürzte. Peter, ihr Mann, erkennt bis zum Schluss in ihr das irische Bauernmädchen. Er sieht sie noch dann so, als die früher runden Wangen fahl und eingefallen sind, als die Krankheit Mae zeichnet und es überhaupt immer schwieriger wird, Mae auch noch in ihren rätselhaften Ausbrüchen und Aussprüchen zu begreifen. Peter hält ihr die Stange. Sie hatten ein langes gemeinsames Eheleben, sie haben sich geliebt. Dass es dann doch eine ganz und gar einsame Entscheidung ist, die Mae trifft, während Peter jene von ihr bestellten Melonen fürs Abendessen besorgt – das stürzt wiederum Peter in eine seltsame und erst langsam zu entziffernde Einsamkeit.

Mehr noch als Iren sind diese Figuren in Richard Fords neuen Erzählungen aber in der Tat Passagiere; Reisende im Zug des Lebens, der so oft verworrene und unbegreifliche Wege nimmt. Und so ist „Irische Passagiere“ ein treffender Titel, auch wenn er mit dem originalen „Sorry for Your Trouble“ wenig zu tun hat.

Sie sind Anwälte: Wie Peter, Maes Mann. Oder wie Walter in „Aufbruch nach Kenosha“, der vor langer Zeit aus Mississippi nach New Orleans gekommen ist, um „mit einem guten Blatt in das lukrative Spiel um Öl und Gas einzusteigen, inzwischen längst ausgespielt. Da war ein ganzer Schwall von ihnen gekommen – Jungs, die sich unbedingt durchsetzen und reich werden wollten.“ Ja, Geld ist für diese Anwaltsgarde, die Ford in den „Irischen Passagieren“ auftreten lässt, das große Thema; wohlhabende Leute, die erst zu einem späten Zeitpunkt im Leben, und inmitten ihrer überaus komfortablen Verhältnisse, schockhaft erfahren, wie armselig man trotzdem dastehen und wie sehr man, Geld hin oder her, verloren gehen kann in dieser Welt.

Es ist eine Welt, die oft vom amerikanischen Süden bis nach Maine an den Atlantik reicht, manchmal hinüber bis nach Europa. Wie bei Jimmy Green aus Cadmus, Louisiana: Einst war er „überaus beliebt, bewundert und erfolgreich“, doch ein paar Fehltritte bewirkten, dass er plötzlich alles los war und auch in Maine nicht wieder auf die Füße kam. Er sei ein „schwacher Mensch, aber nicht unbedingt ein schlechter schwacher Mensch“, hätte sein Vater gesagt, und so lässt sich Jimmy, der nie mehr arbeiten möchte, nach Paris treiben und zu Nelli, deren unbewegtes Gesicht hinter der Schaufensterscheibe eines Geschäftes ihn anzieht – bis nach einem vielversprechend beginnenden Abend auch hier alles schiefläuft. Wo ist das Problem, Jimmy Green?

Wie beiläufig streut Richard Ford, dessen eigenes Leben ja auf dieser geographischen Achse spielte und spielt – 1944 in Jackson im Süden geboren, seit langem in Maine lebend –, unter die neun Erzählungen eine ganz persönliche Geschichte. Dass er selbst, 16-jährig, nach dem plötzlichen Herztod des Vaters „der Junge war, dessen Vater fehlt“, weiß, wer Fords autobiografisches Elternbuch „Zwischen ihnen“ kennt. „Um dich herum ist die Luft anders. Früher umgab sie dich völlig. Und jetzt ist da etwas aufgeschnitten …“, heißt es in „Am falschen Ort“. Der Meister des scheinbar Beiläufigen verbirgt in solchen Sätzen jenes Große und Ganze, das manchmal als Überschrift über allem stehen könnte: „Du bist allein auf eine derart vielschichtige Weise, dass es kein Wort dafür gibt.“

Was übrigens für nahezu alle seiner irischen und amerikanischen Passagiere gilt. Richard Fords tiefgründige, harte und stellenweise umwerfend komische Geschichten sind komplexe Bauwerke, in denen er die vielfältigen Ebenen des äußeren und inneren Lebens kunstvoll ins Gespräch miteinander zu bringen versteht. Sie sind aufgeladen mit Bedeutung, geladen wie Pistolen, die geradewegs hineinzielen in die großen Schmerzfelder des Lebens: existenzielle Verluste und die Einsamkeit danach. Schuld. Versäumtes Leben. Der scharfe Blick des Erzählers enthält Menschenliebe, aber auch das unerbittliche Erkennen all dessen, was Menschen ungelöst mit sich herumschleppen, was sie mit Bitterkeit und Hass erfüllt, sie zu seelischer und körperlicher Hässlichkeit verzerrt.

Nicht zuletzt erzählen Fords ‚Geschichten‘ auch über das Schreiben als Suche des Lebens. „Jeder Versuch, das Wort zu finden, verwirrt dich“, heißt es in „Am falschen Ort“. Also: „Versuche das Wort zu finden.“

Richard Ford: Irische Passagiere. Erzählungen. Aus dem Englischen von Frank Heibert. Hanser Berlin 2020, 287 S., 22 Euro.