Schauspielerin Irm Hermann.
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Berlin„Faulheit“, sagte die Schauspielerin Irm Hermann als Tessa, „ist die Angewohnheit sich auszuruhen, bevor man müde ist.“ Es ist die strenge Maxime der Titelrolle von Christoph Marthalers „Tessa Blomstedt gibt nicht auf“, das vor gut fünf Jahren in der Berliner Volksbühne zur Premiere kam. 

Die 1942 in München geborene Irm Hermann spielt eine traditionsbewusste Heiratsvermittlerin in Zeiten von Dating-Apps. Sie kämpft einen tapferen Kampf, um „mit der Zeit zu gehen“, was auch schon so ein Begriff von gestern ist. Und wie sie mit der Zeit ging! Sie trug rote Gummipantoffeln, die die hygienischen Ansprüche eines Eheanbahnungsinstituts alter Schule offenbarten, und deutete darin mit tapferer Grandezza ein paar Tanzschritte an. Haltung! Würde! Dann klappt das schon mit der Moderne. An ihr oder ihrem zufälligerweise leicht fortgeschrittenen Alter sollte es nicht liegen, wenn jetzt die neuen Zeiten anbrächen: Selbstoptimierung, Imagebuilding, Profilbildbearbeitung – sie hat vor keiner Umschulungsmaßnahme Angst. Verzagen ist feige. Feigheit ist faul. Und Faulheit, siehe oben, ist verboten! Nun aber ist Irm Hermann gestorben ohne jemals müde gewesen zu sein. 

Eine bis an die Selbstaufgabe reichende Strenge, mit der Menschen sich selbst und einander Gewalt antun – sie bestimmte in einer durchgängig freudloseren Variante vor allem die Figuren, die sie in den Filmen von Rainer Werner Fassbinder spielte. Ihm war die gelernte Verlagskauffrau und Sekretärin 1966 beim ADAC bei einer Veranstaltung der Jungen Akademie in München begegnet. Kurz darauf kündigte er, wie sie in einem Interview einmal erzählte, in ihrem Namen ihren Job: „Von einem Tag zum anderen bin ich dann nicht mehr ins Büro gegangen. Von da an haben wir zusammen gelebt und gearbeitet.“

Noch im selben Jahr spielte sie ihre erste Kurzfilmrolle („Der Stadtstreicher“) bei diesem in den Flammen von Kunst und Leben stehenden Regisseur. Sie gehörte zu den Gründern und zum Ensemble seines Antitheaters und bis 1975 zum engsten, und sie beengenden Fassbinder-Kreis. In zwanzig Fassbinder-Produktionen wirkte sie mit, spielte in „Der Händler der vier Jahreszeiten“ die Hauptrolle, meist aber verdrießliche, kalte Nebenrollen: mit ihrem kieferknirschenden Lächeln, mit ihren gewalt- und opferbereit blitzenden Augen, die in Bosheit, Hohn und Krankheit verlöschen oder vereisen konnten: „Liebe ist kälter als der Tod“, „Katzelmacher“, „Angst essen Seele auf“. Wenn man sich Irm Hermanns Gesicht vor Augen ruft, ist die Atmosphäre dieser Filme da.

Und doch liegt man völlig falsch, wenn man von diesen Rollen irgendwelche Rückschlüsse auf die Person Irm Hermann zieht, die im richtigen Leben mit entwaffnender Offenheit und ohne unnötige Allüren oder Eleganzeleien auftrat. Ihre Neugier auf Menschen, ihre Zuwendungsfreude und Angstlosigkeit bestimmten denn auch ihren weiteren künstlerischen Werdegang, der sie bei Fassbinder in eine Sackgasse zu führen drohte. Vor allem wird es wohl ihr Humor gewesen sein, der ihr half, sich von dem Genie zu lösen.

1975 verließ sie München und ging nach Berlin. Sie konnte ihre Vielseitigkeit und Spielfreude bei Regisseuren wie Percy Adlon, Werner Herzog und Hans W. Geißendörfer und in vielerlei Fernseh- und Hörfunkrollen beweisen. Die Borniertheit und Strenge ihrer Fassbinder-Figuren erstrahlte in einer völlig neuen Farbe bei ihren Auftritten mit Komödianten wie Gerhard Polt, Loriot, Hape Kerkeling und zuletzt auch in „Fack ju Göhte 3“. Denn nichts ist komischer als strengstens durchgehaltene Humorlosigkeit.

Christoph Schlingensief trat dann als junges Genie das Erbe von Fassbinder an, natürlich um es zu feiern und aufzumischen. In „120 Tage von Bottrop“ von 1996, dem „letzten neuen deutschen Film“, wie die Hommage im Untertitel heißt, spielten außer Irm Hermann auch Volker Spengler, Margit Carstensen und  Kurt Raab mit, aber auch die Volksbühnenrecken Sophie Rois und Martin Wuttke, ja sogar der damalige Intendant Frank Castorf selbst.

Auch aus dieser Begegnung entstand der Zugang in eine völlig neue künstlerische Welt. Sie krächzte die große Bühne als Kanzlergattin in Schlingensiefs „Berliner Republik“ zusammen, aber sie sang auch mit zittrig zarter Wärme ein Schubert-Lied bei der Trauerfeier des Regisseurs. Das ist nun auch schon wieder fast zehn Jahre her. Die Volksbühne wurde zu ihrer künstlerischen Heimat, bevor die Castorf-Ära in einem kulturpolitischen Desaster versank.

Aber von einem künstlerischen Heimatbegriff hat sich Irm Hermann nicht mehr fangen lassen. Sie war eine der freisten, beweglichsten, offensten und direktesten Schauspielerinnen unserer Zeit. Und der Zeit davor. Sie ist, wie ihre Agentur mitteilt, am Dienstag im Alter von 77 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit in Berlin gestorben. Sie war verheiratet mit dem Kinderbuchautor Dietmar Roberg, mit dem sie zwei Söhne hat.