Ein Grund des Erfolgs ist der Preis. 2044 Seiten für 39 Euro. Und was für Seiten! Die Keun-Werkausgabe ist ein Quell von Witz und Intellekt, von Boshaftigkeit und Angriffslust, von Tragik und Trotz, akribisch zusammengetragen aus hunderterlei Fundstellen, sorgfältig recherchiert und vorzüglich kommentiert – eine herausgeberische Glanzleistung in drei Bänden, von denen ein jeder den Gesamtpreis wert wäre. Möglich ist das durch die Unterstützung der Wüstenrot Stiftung, in deren gemeinsam mit der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtkunst getragenen Reihe „Autorinnen des 20. Jahrhunderts“ die Ausgabe erscheint. Es ist aber nicht nur der Dumpingpreis, der erklärt, dass die Werkausgabe von Irmgard Keuns Texten nach nicht einmal acht Monaten schon in die dritte Auflage geht.

Irmgard Keun passt in unsere Zeit. In einem Moment, in dem die Selbstbestimmung der Frauen mit neuer Vehemenz diskutiert wird, kommt die nach frühem Ruhm fast vergessene, 1982 in Köln im Alter von 77 Jahren gestorbene Autorin gerade Recht, in aller Schärfe und Bitternis. Unbequem für alle Beteiligten. Als 1931 ihr erster Roman „Gilgi, eine von uns“ erschien und ein Jahr später ihr Sensationserfolg „Das kunstseidene Mädchen“, war sie Mitte Zwanzig, kaum älter als ihre Protagonistinnen Gilgi und Doris. Die eine versuchte selbständig zu bleiben, die andere „ein Glanz“ zu werden, in das sich ganz Berlin verliebt, oder wenigsten ein Berliner. Beide stammten aus dem Heer der neuen Angestelltenberufe, das die boomende Medien- und Bürowelt der Zwanziger Jahre geschaffen hatte.

Munter plappernde Lebenslust

Heerscharen von Stenotypistinnen, Sekretärinnen und Telefonistinnen tippten und stöpselten bis zur Erschöpfung, um den Hunger nach Kommunikation zu befriedigen, der die Gesellschaft erfasst hatte. Kess und selbstbewusst waren sie, stolz auf ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit, die ihnen plötzlich ein freies Singleleben in den großen Städten ermöglichte. Nach Büroschluss stürzten sie sich ins Nachtleben, hielten sich mit Tanzen fit, suchten sich selbst die Männer aus und bezahlten auch ihren Sekt selbst. So jedenfalls malten sie sich ihre persönlichen Roaring Twenties im Traum aus. Irmgard Keun malte kräftig daran mit, allerdings in einem schneidenden Realismus, der die jungen Heroinen der Angestelltenkultur zu tragischen Figuren machte, ihrer munter plappernden Lebenslust zum bitteren Kontrast.

Das junge Heer der weiblichen Angestellten war noch weit drastischer den zahlreichen Krisen der Weimarer Republik ausgesetzt als die Männer. Es wuchs und schrumpfte je nach Konjunktur. Die jungen Mädchen flogen als erste raus, und oft folgte dem kurzen Stolz auf den eigenen Job die demütigende Suche nach dem solventen Herrn. In der rasanten Boomphase zu umworbenen Arbeitskräften geworden, waren die Büromädchen in der Krise überflüssige Kostenfaktoren, die nur noch so lange angestellt blieben, wie sie sich sexuell verheißungsvoll verhielten. „Bei jedem Komma, was fehlt, schmeißt“ die kunstseidene Doris ihrem Chef „einen sinnlichen Blick.“ Vier Wochen kann sie ihn so noch hinhalten, schätzt sie, dann kennt seine Zudringlichkeit keine Grenzen mehr: „Er wird wild mit der Zeit wegen meinen sinnlichen Blicken bei fehlenden Kommas.“

Rückschritt brutalster Art

Doris ist das, was man heute eine Bitch nennt und damals ein durchtriebenes Luder schimpfte. Sie schreitet aber auf einer Wolke aus Empathie durch Berlin, weil sie erstens nicht durchtrieben genug ist, um Erfolg zu haben, und man ihr zweitens jedes Glück der Welt gönnen würde, da das Recht des Fortschritts ganz auf ihrer Seite steht. Die Geschichte aber kennt ein solches Recht nicht, und die Zeichen der Zeit standen auf Rückschritt brutalster Art. Die Nazis sahen Irmgard Keuns Bücher als schlimmste „Asphaltliteratur“ an, die die Werte der Familie, der Ehrbarkeit und der deutschen Volkstradition zersetze. Kaum waren ihre ersten beiden Romane erschienen, brannten sie schon auf den Scheiterhaufen der Bücherverbrennung.

Typisch für die eigensinnige Irmgard Keun war, dass sie die NS-Regierung wegen des Verbots ihrer Bücher auf Schadenersatz verklagte. Natürlich musste sie ins Exil. Erst nach Ostende, dann in die Niederlande. Als die Wehrmacht dort 1940 einmarschierte, kehrte sie inkognito nach Deutschland zurück und versteckte sich dort bis Kriegsende, begünstigt durch eine Falschmeldung des Daily Telegraph, der sie 1940 als verstorben erklärte. Bis 1938 hatte sie im Exil mit Joseph Roth zusammengelebt, was die Trunksucht beider leider in brisanter Weise förderte. Bis zu ihrem Tod 1982 war sie später mehrfach deshalb in der Heilanstalt.

Zwischen Beruf, Liebe, Konsum

Was dennoch alles aus ihrer Feder floss, ist mehr als erstaunlich und erst jetzt in vollem Umfang zu entdecken. Zu Ansehen und Auskommen kam sie nach der Nazibarbarei nicht mehr, wohl aber zu einer enormen Produktivität. Ihre Spottlust war ungebrochen, ebenso ihr Witz, ihr Sarkasmus, ihr Gespür für den Zeitgeist und seine abstrusen Trends. Ihr 1950 erschienener, unbeachtet gebliebener Roman „Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen“ ist eine sprudelnde Reihung melancholischer Sottisen und ätzender Weisheiten – lauter Perlen, denen allerdings ein bisschen der Faden fehlt. Denn ihr großes Thema, die dramatischen Konflikte eines massenhaft entstandenen neuen Typs selbstbewusster Frauen, die sich zwischen Beruf, Liebe, Konsum und einer unbändigen Lust zu gefallen aufreiben, war buchstäblich weggebombt.

Im Tarngewand der vorgetäuschten Einfalt ihrer Heldinnen, formuliert in herrlich falschem Deutsch und unvergesslichen Sätzen („Ich liebe Berlin mit einer Angst in den Knien“), experimentierte Irmgard Keun im „Kunstseidenen Mädchen“ und der „Gilgi“ an einer spezifisch weiblichen Kritik der Verhältnisse. „Büro, Zuhause, Arbeit, Liebe – wie hat sie das früher nur vereint?“ ist ein Satz von 1930, der klingt wie von heute. Und da war von Kindern noch gar nicht die Rede. Wohl aber von einem Mann namens Martin, der sich zu einer Art Betriebsstörung entwickelt. „Und das Schlimmste: diese Störung ist ihr lieber als der ganze Betrieb zusammen.“ Auch dieses Bekenntnis zum Dysfunktionalen gehört zum weiblichen Selbstbewusstsein, an dem Irmgard Keun arbeitete, bis es scheinbar Wichtigeres gab. Heute ist es auf neue Weise brisant.