Was heute für den Teenager YouTube ist, war in den Achtzigerjahren der VHS-Videorecorder. Damals schob man Videokassetten, groß wie Toaster, in den Schlitz der Recorder der Eltern hinein und schaute heimlich in der sturmfreien Bude mit seinen Freunden Horrorstreifen wie „Basket Case“, „Freitag der 13.“ oder „A Nightmare on Elm Street“ mit dem Chefprotagonisten Freddy Krüger – dem nimmermüden Serienkiller aus der Albtraumwelt.

Die Popmusik-Entsprechung des Horror-Films

Das Pendant zum Horror-Film kam in der Popmusik damals aus der Heavy-Metal-Ecke. Allen voran von Iron Maiden aus Großbritannien, die mit ihrem Cover-Helden „Eddie The Head“ – aus der Feder der Zeichners Derek Riggs – überzogene Bilder aus der Horrorwelt samt Soundtrack in die Jugendzimmer brachten.

Diese, bereits 1975 gegründete Band spielte am Dienstagabend ein umjubeltes Konzert in der nahezu ausverkauften Waldbühne in Berlin.

Sehr schön war es jedenfalls, die in die Jahre gekommen Iron-Maiden-Fans in bester Feierlaune zu sehen. Mindestens neunzig Prozent der Zuhörer hatten ihr Maiden-T-Shirt, auf dem das Horror-Bandmaskottchen Eddie in unterschiedlichen Posen prangte, über den Bierbauch gezogen. Neben Kleidung, die einen das Fürchten lehrte, gab es vor allem große Bierbecher in den Händen der Fans zu sehen.

„Platz da! Hier kommen 60 Euro!“ hörte man etwa einen Konzertbesucher mit sechs großen Bieren auf dem Weg zu seinem eigenen Eddie-Fan-Club in die Menge rufen.

Wahrlich kein günstiges Vergnügen, dem Sänger Bruce Dickinson und seinen alten Metal-Recken Tribut zu zollen für die wunderbarsten, nur noch in verschwommener Erinnerung befindlichen Momente des eigenen Lebens zwischen völligem Delirium und Bier-Besinnungslosigkeit.

Noch um 19 Uhr spielte im Vorprogramm die schwedische Mummenschanz-Band Ghost – dabei waren viele Maiden-Fans schon gegen 14 Uhr angereist. Nicht wenige Gruppen auf dem Gelände der Waldbühne hatten also bereits vor dem Beginn des Konzerts der Götter ihrer Jugend gemeinsam ein vollständiges ALG-II-Einkommen versoffen.

Eingeflogen mit dem eigenen Junbo-Jet

Aber, hey! Gegen 20 Uhr stand dann die Band auf der Bühne, die am Tag zuvor mit ihrem eigenen Jumbo-Jet „Ed Force One“ auf dem Flughafen Schönefeld samt Ausrüstung gelandet war. Sänger Bruce Dickinson ist eben nicht nur Rock-Sänger, sondern auch gleich noch der Pilot seiner sechsköpfigen Band!

„Scheiß auf die Geschichte, lasst uns Rock’n’Roll spielen!“ sprach der Entertainer zum Publikum. Interessanter Weise sieht Dickinson im Gegensatz zu seinen Bandkollegen überhaupt nicht wie ein in die Jahre gekommener Metaller aus. Eher wie eine Mischung aus Herbert Grönemeyer und Campino mit kurzen, gepflegten Haaren und sportlichem Casual-Look, wenn er nicht gerade irgendein albernes Bühnenkostüm trägt.

Das aktuelle Album „Book Of Souls“ soll laut Maiden-Fans das beste Maiden-Album seit Ewigkeiten sein. Für den Maiden-Laien klingt jeder Song an diesem Abend einfach wie Iron Maiden: Metal-Rock in der britischen Rocktradition von Deep Purple und Black Sabbath mit extralangen Drum-Fills ihres legendären Schlagzeugers Nicko McBrain, Wummer-Bass von Steve Harris und dem seit 1999 bestehenden Gitarrendreigestirn Dave Murray, Adrian Smith und Janick Gers.

Gers war seinerzeit eigentlich nur zu Iron Maiden gestoßen, weil Smith ersetzt werden musste. Der kam dann aber wieder zur Band zurück, woraufhin Gers trotzdem bleiben durfte.

Auch Rampensau Dickinson hatte Iron Maiden Anfang der Neunzigerjahre verlassen, um kurz vor der Jahrtausendwende wieder zur Band zurückzufliegen.

Für Maiden-Fans ist darum die Welt seit der Reunion 1999 wieder in bester Ordnung.

Chorgesänge in Stadien nicht nur zu Fußball

Ja, und wer, wenn nicht Iron Maiden, haben lange vor den White Stripes und ihrer „Seven Nation Army“ die Massen in den Stadien zum gemeinsamen Grölen einfachster Chorgesänge zu Rockriffs gebracht?! Wenn die Fans in der Waldbühne an diesem Abend etwa zu „The Red and The Black“ oder zu „Fear Of The Dark“ einstimmen, dann weiß man endlich wieder, dass es so etwas wie ein Gemeinschaftsgefühl in dieser Gesellschaft jenseits von Fußballstadien überhaupt noch gibt. Wobei „Powerslave“-Dickinson und seine Ansagen, etwa zum Tourtitel-Stück „Book Of Souls“, naturgemäß ziemlich demagogisch waren: „Alle Empires auf dieser Welt gehen zu Grunde. Aber Rock’n’Roll wird für immer und ewig bleiben!“

Ja, das ist genau das, was man am Abend gerne seinen Kindern erzählt. Oder den Flüchtlingen vor den Toren unseres Landes. Vielleicht sollten Dickinson und seine Mannschaft mit ihrer Eddy-Force-One einfach Maiden-Shirts in Krisengebieten abwerfen.

Morbide und sarkastisch genug sind die Motive in jedem Fall. Und Seelen retten sie offenbar auch. Zumindest in unseren Gefilden.

Natürlich wird in den Zugaben noch ein mal der Antichrist mit der Nummer 666 – im Song „Number Of The Beast“ – beschworen. Und während das Publikum sich ein letztes Mal ordentlich die Seele aus dem Leib schreit, wird auf der Bühne ein übergroßer Eddie mit feuerroten Augen aufgeblasen!

Vor 40 Jahren hätte man damit noch die Massen schockiert. Heute bringt das Iron-Maiden-Publikum im Anschluss an das Konzert brav seinen Becher an den Ordnern vorbei zurück zum Tresenpersonal: ein Euro Becherpfand. Der Abend mit Eddi und seinen Freunden war schließlich teuer genug. Und morgen in aller Herrgottsfrühe müssen die Kinder zur Schule.