Alle paar Jahre schiebt Woody Allen einen kleinen, bösen und deswegen verstörenden Film zwischen die Komödien ein, mit denen er einst berühmt wurde und die er immer noch dreht. Zu den Höhepunkten der düsteren Werkfacette zählt „Match Point“, Allens erster in London gedrehter Film. Hier geht es um moralische Verantwortung und Schuld: Ein Mann steigt durch eine Heirat sozial auf und ermordet kurzerhand seine schwangere Geliebte, um den neuen Upper-Class-Status nicht zu gefährden.

Aber kommt der Mann damit am Ende davon? Wir erinnern uns nicht mehr, weil die Grauenhaftigkeit der Tat im Rückblick alles andere überlagert hat. Mit „Match Point“ präsentierte sich vielleicht kein gänzlich neuer Woody Allen, wohl aber ein unerwartet illusionsloser Realist.

Am Donnerstag läuft nun „Irrational Man“ in unseren Kinos an. Der neue Film des einstigen New Yorker Stadtneurotikers feierte im Mai 2015 beim Filmfestival von Cannes außer Konkurrenz seine Premiere; es ist ein kleiner, böser und fast so verstörender Film wie „Match Point“. Auch in „Irrational Man“ geht es um moralische Verantwortung und Schuld, wobei das größte Vergehen nunmehr darin liegt, einzig aus einer neurotischen Langeweile der Unterforderung heraus unethisch und sogar verbrecherisch zu handeln.

Das sieht die Hauptfigur natürlich zwangsläufig anders. Ein Mann kommt hier in eine kleine Universitätsstadt, wobei ihm ein gewisser Ruf vorauseilt. Ein wahres Genie sei dieser Philosophieprofessor Lucas (Joaquin Phoenix), der nun zum Lehrkörper des College gehören wird, und außerdem sieht er nicht mal übel aus. Tatsächlich leidet Abe Lucas jedoch an einer Schreibblockade und an Impotenz, was ihn nicht daran hindert, huldvoll die großäugige Bewunderung der Studentin Jill Pollard (Emma Stone) anzunehmen. So wie die Dozentin Rita fühlt sich auch Jill sofort angezogen von dem ach so geheimnisvoll wirkenden Mann. Dabei ist Abe nur ein charakterlich schwieriger Alkoholiker.

Sätze von profunder Wucht

Eines Tages belauscht er in einem Diner zufällig am Nebentisch die Klagen einer Frau, der ein herzloser Richter das Sorgerecht für ihre Kinder absprechen will. Sogleich sieht der ebenso intelligente wie narzisstische Abe eine würdige Aufgabe für sich: Er will den Richter töten und damit ein perfektes Verbrechen begehen – schließlich gibt es keinerlei Verbindung zwischen ihm und dem Opfer. Und siehe da: Fortan ist Abe geheilt von seiner Impotenz. Mord ist nun einmal eine einzigartige Erfahrung für alle Beteiligten.

Das formuliert Abe genau so: „Irrational Man“ ist ein geradezu sarkastischer Film über Obsessionen, eins der Lebensthemen des nunmehr 79-jährigen Woody Allen, der immer noch jedes Jahr – quasi obsessiv – eine neue Regiearbeit vorlegt. Verstörend an der aktuellen ist allein schon der Titel „Irrational Man“, denn Abe handelt zwar kriminell, aber auch vollkommen rational-irrational: Er will durch ein Kapitalverbrechen Leid lindern, Gutes bewirken. Zudem mag dieser Richter vielleicht nicht gerade den Tod, wohl aber eine Abreibung verdient haben. Besser jedoch, man beseitigt ihn.

Die Tat selbst gewinnt dann eine fast ästhetische Qualität. Mit Implikationen wie dieser provoziert Woody Allen seine Filmfiguren ebenso wie seine Kinozuschauer. Schon zu Beginn des Films wird die Härte der Wirklichkeit umstandslos gegen jede Moralphilosophie ausgespielt. Sätze von profunder Wucht fallen, geeignet auch zur Selbstprüfung, etwa „Angst ist der Taumel der Freiheit“. Es sind Äußerungen, wie sie sogenannte Über- und Herrenmenschen in ihrer Hybris tätigen, und als ein solcher wird Abe ja auch von seinem Regisseur losgelassen auf seine Mitmenschen.

Am verstörendsten aber ist, dass dieser Abe von Joaquin Phoenix – einem der großen, sonderbaren Ausnahmetalente Hollywoods – verkörpert wird: mit seltsam ermüdeter Physis und schlangenhaftem Intellekt, in seinem ersten Allen-Film. Jill indes sieht bei diesem Menschen Schmerz und Sensibilität, wo in Wahrheit Undurchschaubarkeit und Berechnung walten.

Der Film führt Abe in besonders hübsche Cottages und Fakultätsgebäude, solide holzgetäfelte Seminarräume, lauschige Gärten und hübsche Cafés.Wie Allen das ohnehin oft pittoresk anmutende Setting von US-amerikanischen Elite-Universitäten noch einmal mehr weichzeichnet, ist äußerst beunruhigend. In diese beschaulich selbstgenügsame akademische Welt, in der man über Dostojewski und Hannah Arendt disputiert, ist also das Böse eingezogen. Am bitteren Ende ist alle Theorie grau. Sage keiner, dass einen das Alter milder macht.