Rose Byrne und Steve Carell in "Irresistible – Unwiderstehlich"
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BerlinEs klingt nach einem ehrlichen Schuldeingeständnis: „Leute wie ich wissen nicht, wie wir mit Leuten wie Ihnen reden sollen.“ Gary Zimmer (Steve Carrell) ist ein Spindoctor der Demokratischen Partei, sein Ansprechpartner ein engagierter Bürger einer Kleinstadt in Wisconsin. Gary möchte Colonel Hastings (Chris Cooper) als lokalen Kandidaten gewinnen, um die bedauernswerte Kluft zwischen Politik und den Menschen im Land zu schließen. Und tatsächlich wäre der knorrige Colonel ideal: In einem viralen YouTube-Video hat sich der Ex-Militär für illegale Arbeitsmigranten stark gemacht – ein Konservativer mit progressiven Ansichten, und das in einem wahlwichtigen Swing State! Die Trump-Wahl von 2016 sitzt dem Demokraten schwer im Nacken.

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Nun ist Ehrlichkeit keine große Stärke von Gary, sie widerspricht im Grunde dem Berufsprofil. „Irresistible“ hat folglich das Zeug zu einer bissigen Satire, die einen knallharten Politzyniker mit den Realitäten einer widerborstigen Dorfgemeinschaft konfrontiert. Nach Jon Stewarts Film, dem im Juni immerhin ein kleiner US-Kinostart beschert war, muss man allerdings feststellen: Hollywood weiß auch nicht, wie man mit „diesen Leuten“ redet.

Der Filmemacher wirkt seltsam bemüht, keiner Seite wirklich auf die Füße zu treten. Nicht der abgehobenen Parteipolitik und schon gar nicht den potenziellen Trump-Wählern. Gary ist irritiert von der Herzlichkeit der Bewohner im fiktiven Deerlaken – und begeistert von ihrem Blaubeerkuchen. Dass sie hier kaum WLAN haben, stört vor allem ihn selbst. Mit seinen cleveren Witzchen – der Komiker Steve Carrell ist in seinem Element – kann niemand etwas anfangen, aber auch reale Strukturprobleme, Bildungsmisere oder Arbeitslosigkeit kommen kaum zur Sprache. Sieht man einmal davon ab, dass das halbe Dorf offenbar Zeit hat, freudig beim Wahlteam mitzumachen. Es fehlt eben an Geld.

Einmal fliegt der scheue Colonel mit Gary nach Washington, um den Parteioberen das klarzumachen. Hier könnten die Funken fliegen, doch es bleibt eine laue Begegnung. Als man den alten weißen Mann mit ein paar Damen der LGBT-Vertretung allein lässt, dreht Stewart höflich den Ton ab.

Wem der Name bekannt vorkommt: Jon Stewart war der markanteste Late-Night-Talker der Obama-Ära. „The Daily Show“ hieß sein Format, dessen neuartige Mischung aus Investigativjournalismus und Satire Maßstäbe setzte. Heute scheint er sich selbst nicht mehr so sicher, ob das eine so gute Idee war. Seit er 2015 hinwarf, kritisiert er vor allem die Medien – wie er es im Grunde immer getan hat. Etwas Medienschelte findet sich auch in „Irresistible“, seinem zweiten Film, doch angesichts der Trump-Präsidentschaft wirkt das alles etwas gestrig. Zwar hat seine merkwürdig unpolitische Politsatire einen cleveren Spin am Schluss, der viele Implausibilitäten klärt; die Landbevölkerung, zeigt sich, hat durchaus ihre eigenen Vorstellungen. Umso interessanter wäre es gewesen, den Film aus ihrer Perspektive zu erzählen.

Irresistible – Unwiderstehlich USA 2020. Buch und Regie: Jon Stewart, Darsteller: Steve Carell, Rose Byrne, Chris Cooper, Mackenzie Davis u. a.; 101 Min., Farbe. FSK ab 6