Isabelle Faust spielt vollendet und zugleich klingt alles leicht wie eine Improvisation.
Foto: imago images/Rudolf Gigler

BerlinIsabelle Faust und die Akademie für Alte Musik Berlin spielten im Kammermusiksaal der Philharmonie am Montag ein Programm von Johann Sebastian Bach, in dessen Zentrum die Violine stand. Hätte es die Bezeichnung zu Bachs Zeiten schon gegeben, würde man Isabelle Faust eine „Teufelsgeigerin“ nennen.

Doch zu Bachs Zeiten waren Welt und Theologie noch in Ordnung: Man hätte von „Gottes Gnaden“ gesprochen. Gott war ursprünglich das Wort, und Nikolaus Harnoncourt, bei dem der brillant-bescheidende Leiter der Akademie, Bernhard Forck, auch einmal gelernt hat, hat die Barock-Musik als Klangrede entschlüsselt. So stand das Konzert im Zeichen des Dialogs.

Ihre Technik ermöglicht Gespräche ohne Worte

Die Gesprächsleitung in diesem Dialog hatte Isabelle Faust, deren Spiel ganz außergewöhnlich ist: Sie spielt vollendet und zugleich klingt alles leicht wie eine Improvisation. Sie artikuliert mit einer unerschöpflichen Fülle von Details und Nuancen. Faust spannt gemeinsam mit der sie kongenial begleitenden Akademie in jedem Satz schlüssig einen großen Bogen, Innigkeit und Swing sind in Balance.

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Ihr Geheimnis liegt in der Beherrschung der zentralen aufführungspraktischen Regeln – dem Glockenton, dem Vorhalt, der Imitation. Doch die technischen Fertigkeiten sind kein Selbstzweck. Sie ermöglichen Gespräche ohne Worte. Faust und Forck meditieren miteinander im d-Moll-Doppelkonzert. Faust und die ebenfalls überragende Xenia Löffler, einmal mit der Oboe, dann mit der Blockflöte – konzertieren konzentriert im c-Moll-Konzert; heiter in der Sonate aus der Kantate zum Palmsonntag.

Ein Herz und eine Seele

Im Zentrum des Konzerts stand eine Triosonate, jene in C-Dur, die eigentlich für Orgel komponiert ist. Bachs Triosonaten sind dialoghafte Duette, unterlegt mit einem sehr selbstständig geführten Bass. Die strenge Dreistimmigkeit führt zu einer besondere Dichte, in der die Zeit still zu stehen scheint.

In ihrer Interpretation der Bearbeitung von Richard Gwilt ließen Faust und Forck jeden Organisten vor Neid erblassen: Sie zeigen nämlich, dass die menschliche Stimme – zu Bachs Zeiten das Maß jeder Musik – mit der Violine noch besser imitiert werden kann als durch die beste Artikulation auf der Orgel. Faust und Forck verstanden es zudem, dass beide Stimmen nicht nur einander die musikalischen Gedanken zuwarfen, sondern, wie im Largo, ein Herz und eine Seele wurden.

Isabelle Faust and Arcangelo - Violin Concerto in E Major - Bach

Video: medici.tv

Bach wäre entzückt gewesen

Im atemberaubend gespielten d-Moll-Konzert, die Rekonstruktion der vermutlichen Urfassung des großen Cembalokonzerts in d-Moll, führte Isabelle Faust den Zuhörern vor, dass die Geige, wenn sie allein spielen muss, der Welt Unerhörtes zu sagen vermag: Keine Verzierung ohne Kontext, keine Phrasierung ohne zwingende innere Logik.

Das Solo-Konzert fügte sich, nicht zuletzt wegen der Einfühlsamkeit aller Musiker der Akademie, in das dialogische Grundkonzept ein. Die Soli schienen Ausflüge in einer andere Welt zu sein, manchmal schroff, manchmal fast verzweifelt – um dann gleichsam dankbar wieder ins Ensemble zu finden.

Johann Sebastian Bachs Musik, so haben es Isabelle Faust und die Akademie für Alte Musik Berlin gezeigt, schafft Räume der Geborgenheit, in denen jede einzelne Stimme zählt. Letzte Zugabe war eine Transkription aus der h-Moll-Ouvertüre, bei der die Violine in die Rolle der Transversflöte schlüpfte. Bach wäre entzückt gewesen.