Islam und Koran: Müssen Reformen denn sein?

Im Grunde nicht überraschend. Mouhanad Khorchide, Professor für islamische Religionspädagogik an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, wird vorgeworfen, „nicht wie ein Islamlehrer“ zu reden, zu schreiben und zu forschen. Das sagte der FAZ kürzlich Aiman Mazyek, einer der Verbandssprecher des „Koordinationsrates der Muslime in Deutschland“, einem Verbund mehrerer Verbände. Und deren Vorsitzender, Bekir Alboga, erklärte kurzerhand, „Khorchide zerstört die nötige Vertrauensbasis mit uns.“ Für Khorchide läuft das auf „Gesinnungsprüfung“ hinaus.

Es geht in diesem Streit vordergründig um die Islamischen Studien an deutschen Universitäten. 2011 wurde auf Empfehlung des deutschen Wissenschaftsrates mit der Einführung der islamischen Theologie begonnen. Gemeint ist damit die bekenntnisorientierte Erforschung des Islams. Wer unterrichten will, braucht die Erlaubnis muslimischer Glaubenswächter, so wie Professoren auf den Lehrstühlen für katholische oder evangelische Theologie die Erlaubnis der jeweiligen Kirche benötigen; das Grundgesetz will es so. Khorchide aber hielte eine freiwillige Selbstverpflichtung der Lehrkräfte gegenüber muslimischen Stellen für sinnvoller als eine amtliche Beurteilung durch sie.

Der Streit ist nicht neu. Es gab bereits vor fünf Jahren den Fall Sven, ehemals Muhammad, Kalisch an der Münsteraner Universität, der wegen umstrittener Aussagen von der Lehrerausbildung entbunden wurde. Sein Nachfolger ist: Mouhanad Khorchide. Der zweifelt nicht an Mohammed. Aber er fordert grundlegende Reformen der islamischen Theologie, streitet für ein neues, für ihn näher am Koran orientiertes Gottes- und Menschenbild, das den Beschützern der Tradition gehörig zu weit geht. „Grundzüge einer modernen Religion“ hat Khorchide sein Buch „Islam ist Barmherzigkeit“ (Herder, Freiburg 2012, 220 S., 18,99 Euro) im Untertitel genannt. Modern an dieser Theologie will sein, dass sie einen barmherzigen und liebenden Gott in ihrem Zentrum verortet, einen, der über Strafen und Verboten steht, einen, der keine „schwarze Pädagogik“, keine Gewalt, keine Einschüchterung will. Khorchide fragt, warum sich eine menschenfeindliche Theologie etabliert habe, in der „grundsätzliche koranische Prinzipien wie Gerechtigkeit, Menschenwürde, Freiheit u. a. in den Glaubensgrundsätzen nicht vorkommen“. Das liege am unhistorischen Umgang mit dem Koran, und weil das Bild eines repressiven Gottes von „diktatorischen Regimes in den islamischen Ländern gefördert wird“. Dieses erzeuge ein Klima der Unterwerfung.

Es ist also durchaus politisch brisant, wenn Khorchide für eine Theologie eintritt, „die das Verhältnis zwischen Gott und Mensch als dialogisches Freiheitsverhältnis bestimmt“. An ihr arbeitet, sehr viel brisanter noch, Khorchide auch in seinem kürzlich erschienen Buch weiter: „Scharia – der missverstandene Gott“, das einen „Weg zu einer modernen islamischen Ethik“ weisen will (Herder, Freiburg 2013, 232 S., 18,99 Euro). Der entscheidende Punkt für ihn ist, dass Scharia kein bloßes Rechtssystem ist, sondern den Weg des Menschen zu Gott beschreiben will: „Es ist der Weg des Herzens“. Er kämpft damit gegen „eine Reduktion des Islams auf juristische Aspekte“ und wirft implizit der herkömmlichen Theologie und den Verbänden eben dies vor.

Kein Wunder, dass sie sich schwertun mit diesem Mann. Zumal seine Thesen auch innerhalb der Wissenschaft keineswegs unumstritten sind. Mitunter fühlt man sich an eine protestantische Ethik erinnert, wenn Khorchide von Läuterung des Herzens und harter Arbeit am eigenen Inneren spricht. Womöglich gerät damit aus dem Blick, dass gerade auch der Islam eine Religion aus „freien muslimischen Gemeinschaften“ unterschiedlicher Prägung ist.

Das betont Ingrid Mattson in ihrem ungemein erhellenden Buch „The Story of the Qur’an“, das soeben in zweiter Auflage erschienen ist (Wiley & Sons, West Sussex 2013, 298 S., 22,40 Euro). Mattson, die konvertierte Muslimin ist, aus Überzeugung Kopftuch trägt und als erste Frau den Vorsitz der Islamischen Gesellschaft Nordamerikas übernahm, der größten muslimischen Dachorganisation in den USA und Kanada, sucht nach einem dritten Weg zwischen Traditionalisten und Reformern. Die historische Koranforschung ist ihr genauso wichtig wie das „Hören auf Gott“. Er habe den Menschen seine intellektuellen Fähigkeiten auch verliehen, um die wahre Bedeutung des Koran zu erfassen zu versuchen.

Mattson, die jetzt zu einem ihrer seltenen Besuche nach Deutschland kommt, bezweifelt, dass dieser Versuch Einzelnen gelingen kann, weder einzelnen Forschern noch Gläubigen; das sei eine Aufgabe der Gemeinden, von Gruppen. Besser wäre es, wenn für eine Weile keine Großbehauptungen über den Islam und Deutungen des Koran aufgestellt würden, sondern ernsthaft versucht würde, auf Gott zu hören. Mattson wirbt für Demut, Genauigkeit und eine gelassene Frömmigkeit, auch für fromme Vorsichtigkeit im Umgang miteinander und mit der heiligen Schrift des Koran. Es dürfe nie vergessen werden, dass „Gott es besser weiß als Menschen“.

Aber auch darauf müssen sich Gemeinschaften einigen können. Und noch ist solche Einigkeit nicht abzusehen.

Vortrag und Gespräch mit Ingrid Mattson Do (21.11.2013), 19 Uhr (engl., ohne Übersetzung), Katholische Akademie, Hannoversche Str. 5, Tel.: 2830950