Olafur Eliasson hat die isländischen Geister gerufen. Und alle kamen, zusammen mit massenhaft Berliner Kulturvolk: Das Fabrik-Studio des weltbekannten isländisch-dänischen Künstlers auf dem Berliner Pfefferberg quoll Montagabend über. Die isländische Community Berlins war da, dazu viele Leute, die sich mit der Insel im Nordatlantik verbunden fühlen.

Islands Botschafter in Berlin, der fröhliche Gunnar Snorri Gunnarsson, verrichtete für den Gastgeber sogar den Einlassdienst. Und dann kam, ohne Aufsehen, mit minimaler Eskorte, Islands Präsident Olafur Ragnar Grímsson. Der 70-Jährige begrüßte viele mit Handschlag und sagte locker, er beginne seinen Deutschland-Besuch – und das damit verbundene Treffen mit Bundespräsident Gauck (Dienstag) und mit Kanzlerin Angela Merkel (Mittwoch) – mal gleich hier, im Studio, beim Namensvetter Olafur – sozusagen seinem zweiten, dem Kunst- „Botschafter“ Islands in Berlin.

Und dann erteilten die beiden Olafurs allen, die es auch gern nochmal hören wollten, einen kurzen amüsanten Unterricht in isländischer Geschichte und der 1000-jährigen Tradition des Althing – das erste demokratische System nach dem der griechischen Antike.

Nicht Tempo, sondern Kreativität

Einander anfeuernd, forderten der hohe Gast und der Hausherr die Fantasie des großen Restes der Gäste heraus bei der Vorstellung, wie sich die Ur-Isländer seinerzeit auf grasbewachsenen Lavaplateaus nahe dem Zentralisländischen Graben trafen. Zu dessen Seiten driften die eurasische und nordamerikanische Kontinentalplatte. Vor der Kulisse von Basaltsäulen und Wasserfällen saßen also die Alten sommers in ihren sagenumwobenen Buden (Hütten) und hielten, von Elfen beschützt, den Thing ab. Es wurden in aller Ruhe „alle Dinge“ von Mensch und Land genau betrachtet, bewertet, daraufhin die Zukunft geplant.

Nun wurde in Eliassons Studio nicht etwa der Eindruck erweckt, in Island geschehe das Regieren bis heute noch immer so rau und gemächlich. Doch immerhin bezeichnet der Name Althing heute das Parlament. Grímsson erhob in seiner launigen Erläuterung nicht eben das rasende ungeduldige Tempo der Moderne, sondern die Kraft der Kreativität seiner Landsleute zum Maß aller Dinge. Dies allein habe schließlich aus der Bankenkrise 2008 herausgeholfen.

Ein Wohlfühl-Besuch zum Aufwärmen war das sozusagen für das eher eurokritisch gesinnte Staatsoberhaupt der nur 320 000-Einwohner-Insel des Eises, Feuers, der Vulkane und Gletscher, Wasserfälle, Buchten und Sagas. Es war wirklich nicht nur sehr warm in Eliassons Kunstfabrik, in der im Alltag 80 festangestellte Handwerker, Techniker, Assistenten vieler Nationen – auch aus Island – arbeiten und UdK-Studenten lernen. Es ging auch fröhlich- laut zu, was am eiskalten isländischen Bier gelegen haben kann.

Erst als das junge Reykjaviker Skark Ensemble vor Eliassons Geysier-, Vulkan- und Gletscherfotos anfing, experimentelle wie melancholische Musik isländischer Komponisten zu zu spielen, versiegte das babylonische Sprachgewirr. Könnten Staatsbesuche nicht öfter so kunst- und volksnah beginnen?