Islands Künstler in Berlin: Schluss mit putzigen Elfen

Fantasie haben sie, die Isländer – und Humor. Was etwa deutlich wurde, als es in der Dahlemer Residenz des isländischen Botschafters den Beitrag zur letzten Venedig-Biennale zu feiern galt: Der in Berlin lebende isländische Künstler Egill Sæbjörnsson hatte die unter dem Motto „Out of Controll“ konzipierte Gestaltung des isländischen Pavillons nämlich den zwei 36 Meter großen Trollen Ugh und Bõögâr überlassen.

Ausgestattet mit einer guten Geschichte drumherum waren sie Anlass für einen launigen Abend bei Seiner Exzellenz Martin Eyjólfsson, an dem man nicht nur von Trollen gemachte Tassen bestaunen durfte, sondern auch erlebte, wie lässig hochrangige offizielle Repräsentanten über sich selbst und ihr Land scherzen können.

Dies entspricht dem Image des unkomplizierten, aber eigenwilligen Völkchens am Rande der bewohnbaren Welt, das nur ein paar Seelen mehr zählt als Friedrichshain-Kreuzberg. Schließlich denkt man bei Island schnell schmunzelnd an die innige Beziehung der meisten Isländer zu ihrem „Huldufólk“, dem „verborgenen Volk“ der Geistwesen.

Um diese im Rahmen von Bauvorhaben nicht zu beleidigen, wurden beispielsweise nach Konsultation der hierzulande als „Elfenbeauftragten“ bekannten Expertin Erla Stefánsdóttir Straßenabschnitte modifiziert, wenn Grund zur Annahme bestand, am Weg liegende Felsen könnten von Elfen bewohnt sein. Ebenfalls beigetragen zu diesem Image haben prominente Protagonisten der isländischen Musikszene wie die Pop-Elfe Björk.

Zu Gast im Bethanien

Aber nun ist Schluss mit putzig. Das ist zumindest der Eindruck, der sich beim Besuch von Hulda Rós Gudnadóttirs Atelier einstellt, das sich im Rahmen einer einjährigen Residenz derzeit im Künstlerhaus Bethanien befindet. Die im Regal lauernden Papageientaucher aus Plüsch sind dort nicht wegen ihrer Niedlichkeit gelandet.

Sie sollen Teil eines künstlerischen Projekts werden, das sich mit der Gentrifizierung des Reykjaviker Hafenviertels auseinandersetzt. Ihr Langzeitprojekt „Keep Frozen“ beschäftigt sich mit den archaischen Arbeitsbedingungen beim Verladen frischer Fischfracht, und wenn sie zur Farbe greift, dann nur, um darauf hinzuweisen, wie unterschiedliche Schiffslackierungen über Besitzverhältnisse informieren.

Ebenfalls gesellschaftskritisch ist Gudnadóttirs Beitrag zur eintägigen Gruppenausstellung „Cryptopian States“, die Ende Mai anlässlich des hundertjährigen Jubiläums der isländischen Souveränität in der isländischen Residenz stattfand: Ihre mit 23,75 karätigem Blattgold überzogene Plastik „Goldenes Schiff“, die einen bulligen Fisch-Trawler darstellt, darf man getrost als aktuelle Auflage des biblischen goldenen Kalbs deuten.

„Strategischen Selbst-Exotisierung“

Doch auch wenn sich Island in jüngster Zeit zu einem Anziehungspunkt für das „Schürfen“ von Kryptowährungen entwickelt hat, verweist der Titel nicht auf die zumindest von der Energiebilanz problematische Utopie einer virtuellen Wertschöpfung auf digitaler Basis. Stattdessen verhandelte die von Gudny Gudmundsdóttir, Sara S. Öldudóttir und Jonatan Habib Engqvist kuratierte eintägige Ausstellung, die mit witzigen Happenings und zeitgemäßer Beschallung wie eine lockere Sommersause wirkte, das Konzept der „Krypto-Kolonie“.

In den Worten der dänisch-schweizerischen Kulturwissenschaftlerin Ann-Sofie Nielsen Gremaud: „Island kann als ein Beispiel eines inneren westlichen Krypto-Kolonialismus betrachtet werden. Für Island ging es darum, entweder in einer Machtposition als westliche Zivilisation oder in einer Position als kolonisierbare Barbaren betrachtet zu werden. Island scheint sich an der Grenze zwischen diesen beiden Positionen befunden zu haben – eine Position, die auch im Rahmen einer strategischen Selbst-Exotisierung ausgebeutet wurde.“

Kunst am Bau in Wedding

Diesen schwierigen Themenkomplex adressiert die ebenfalls in Berlin lebende Künstlerin Bryndis Björnsdóttir, die nach Studien in Reykjavik und Wien an der Kunsthochschule Weißensee dem Masterstudiengang „Raumstrategien“ absolviert hat. Ihre zwanzigminütige Videoarbeit „Bomb“, die ebenfalls beim Botschafter zu sehen war, hinterfragt die heutigen Selbstvermarktungsstrategien von Staaten vor dem Hintergrund der Kolonialausstellung, die 1905 im Kopenhagener Tivoli stattfand. Auch ansonsten beschäftigt sich die Künstlerin eher mit harten Themen, die von Fischereiquoten über die Macht der Sponsoren im Kunstbetrieb bis hin zu Nato und Frontex reichen.

Stehen nun jene zeitgenössischen künstlerischen Ansätze, die den versteinerten Verhältnissen ihre eigene Melodie vorsingen, in einem unversöhnlichen Widerspruch zu jenen, die nur das Lied in allen Dingen aufwecken wollen? Nicht unbedingt – finden zumindest die Anhänger der Denkschule des derzeit angesagten „Neuen Materialismus“, der die „Handlungsfähigkeit der Dinge“ beschwört und Inspiration für die aktuelle Ausstellung „Restless Matter“ des CoBrA-Museums im niederländischen Amstelveen ist.

„Haben Steine Gefühle? Welches innere Erleben haben Zweige eines Baums? Kann Farbe denken?“, fragt die Presseerklärung der Ausstellung, die Werke legendärer Avantgarde-Künstler wie Asger Jorn, Karel Appel und Constant im Dialog mit Arbeiten von Zeitgenossen wie Nina Canell, Pauline Curnier Jardin, Shana Moulton und natürlich Egill Sæbjörnsson zeigt. Letzterer hat, wovon man sich vor dem Robert-Koch-Institut in der Weddinger Seestraße mit eigenen Augen überzeugen kann, vermittels einer digitalen Projektion, die immer neue Bilder erzeugt, schon ganze Steinkugeln verzaubert.