Letzte Runde: Spirituosen in einer Hotelbar. 
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Wir blicken wieder auf steigende Fallzahlen und 7-Tage-Inzidenzen. Was tun, wenn einem der Nachbar zu nahe kommt, und wohin in den Ferien? Nach dem Sommer der Nachlässigkeiten steht nun ein Herbst diffuser Entscheidungen bevor. Die jüngsten Verordnungen der Länder zur Pandemiebekämpfung treiben selbst folgsame Bürger an den Rand kognitiver Belastungsgrenzen. Wir tasten uns an einige Verbotsszenarien heran und versuchen, die bevorstehenden Zumutungen mit erzählerischen Mitteln und einigen Begriffserläuterungen auf Abstand zu halten.

Die stille Gunst der Wirte

Als in der ostwestfälischen Provinz aufgewachsener Katholik wurde ich früh mit dem Satz konfrontiert: „Und wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her.“ Für Heranwachsende, die auf späte Vergnügungen aus waren, erschien dieses Licht als letzte Zuflucht, wenn alle Kneipentüren bereits verschlossen waren. Die Sperrstunde war auf 1 Uhr nachts festgesetzt, wer jetzt noch Einlass finden wollte, musste die verabredeten Klopfzeichen kennen. Die real existierende Sperrstunde konnte mühelos unterlaufen werden, vorausgesetzt, der Wirt zeigte sich gewillt, die Gegenwart der ihm vertrauten Trunkenbolde noch eine Weile zu erdulden. Seit dieser Zeit habe ich ein zwiespältiges Verhältnis zu Verboten. Sie gelten meist nur für jene, die sie nicht handzuhaben wissen.

Die amerikanische Prohibition gilt als eines der Musterbeispiele für die kontraproduktive Wirkung eines Verbots. Dabei lag der gesundheitspolitische Erfolg des Alkoholverbots von 1920 bald auf der Hand. Es tat der Volksgesundheit offenkundig gut. Der ambitionierte Versuch jedoch, zugleich das Verbrechen zu bekämpfen, ging gründlich daneben. Die Prohibition gehört konstitutiv zum Gründungsmythos der Organisierten Kriminalität. Verbote beflügeln die kriminelle Energie.

Als älterer Mensch, der eher selten auf gemeinschaftliche Triebabfuhr aus ist, bin ich in meinem Freizeitverhalten nur bedingt von der nun auferlegten Berliner Sperrstunde berührt. Als gesundheitspolitisches Steuerungsinstrument erscheint sie mir wenig tauglich, als symbolisches wirkt es seltsam antiquiert.

Mit Wehmut indes blicke ich zurück auf die inzwischen geschwundene Macht der Wirte. Die Gewissheit, ihre Gunst gewonnen zu haben, war eine wichtige Etappe im Verlauf der Sozialisation. Heute sehen wir sie als verzweifelte Kämpfer kurz vorm Eintritt des wirtschaftlichen Zusammenbruchs. Harry Nutt

Die Krone der Schöpfung

Das Federschwanz-Spitzhörnchen ernährt sich von einem bestimmten Pflanzennektar, der 3,8 Prozent Alkohol enthält. Das Tierchen wiegt 42 Gramm und nimmt, auf einen Menschen umgerechnet, täglich das Äquivalent von einer Flasche Wodka zu sich – ohne vom Ast zu fallen. Ihm fehlt offenbar ein Enzym, das Alkohol in seine nährenden und berauschenden (jaja, auch giftigen) Stoffe aufspaltet.

Andere Tiere, Elefanten oder Affen, kennen den Rausch und suchen ihn, haben aber kaum Feinde, die ihre Schwäche ausnutzen könnten. Über die Spätfolgen machen diese sich offenbar auch keine Sorgen. Obwohl schon bei Fruchtfliegen Suchtverhalten nachgewiesen wurde.

Nun also der Mensch. Er hat, wie israelische Archäologen vor zwei Jahren entdeckten, schon Alkohol hergestellt, als er noch keine Landwirtschaft betrieb. Die Analyse von Stärkekörnchen ergab, dass vor 12.000 bis 14.000 Jahren die Steinzeitmenschen der Natufien-Kultur mindestens sieben Pflanzenarten – darunter auch Weizen und Gerste – zerstießen, erhitzten und fermentieren ließen: Bier! Die Funde wurden in der Nähe von Gräbern getätigt, deuten also auf einen rituellen Zusammenhang hin.

Bisher ging man davon aus, dass die Bierbrauerei ein Nebeneffekt der Landwirtschaft gewesen sei. Das Gegenteil ist wohl der Fall. Der Mensch setzte in einer Art Beschaffungskreativität all seine Fähigkeiten für Nachschub ein. Er züchtete und kultivierte das Getreide, um an mehr Bier zu kommen. Brot, Sesshaftigkeit, Handel, die ganze Kulturgeschichte setzte dann erst richtig ein. Die Vernunft hat ihren Ursprung im Rausch, jetzt will man diesen aus höheren Vernunftgründen begrenzen. Sind wir schon so weit? Ulrich Seidler

Wer Sorgen hat, hat auch Likör

Ganz ehrlich: Ich freue mich auf die Sperrstunde. Es wird dann ein bisschen wie während des Lockdowns im Frühjahr sein. Schön ruhig halt. So ruhig, wie es in meinem Kreuzkölln schon lange nicht mehr ist, seit wir bei jungen Menschen in Berlin und der ganzen Welt als watering hole gelten, als Wasserstelle. Wobei das Wasser Bier ist oder Wein, Schnaps, Caipi – you name it. All diese Getränke eben, bei deren Konsum man allmählich immer lauter wird, man alles immer lustiger findet und auf witzige Ideen kommt. Man möchte dann zur Belustigung seiner Freunde etwa auf einen Baum klettern, ohne daran zu denken, dass gegenüber im Haus vielleicht Schulkinder schlafen, um jetzt mal ganz ernst zu werden. Also von mir aus: Her mit der Sperrstunde. Die unverhoffte Beruhigung meiner Nachbarschaft ist das einzig Gute, das Corona mir gebracht hat.

Aber ich will nicht verschweigen, dass ich sie sinnlos finde. Man kann auch vor elf schon so betrunken sein, dass man alle Hemmungen fahren lässt, sich die Maske vom Gesicht reißt, die man aber vorher eigentlich auch nur unterm Kinn trug, denn man muss den Mund zum Trinken ja frei haben. So betrunken und enthemmt, dass man sich in Ermangelung eines Heizpilzes an den nächsten Trinkkumpan kuschelt.

Auch dem Trinken selbst bin ich gerade in Corona-Zeiten nicht abgeneigt. „Wer Sorgen hat, hat auch Likör.“ Schon Wilhelm Busch wusste es. Aber macht es doch wie ich: Trinkt zu Hause. Im Wohnzimmer stehen keine Bäume und es ist so warm, dass man keine Nähe braucht. Susanne Lenz

Wer schneller trinkt, ist früher blau

In den alten Zeiten, als man noch die Länder wechselte, um sich zu bilden, konnte man unterschiedliche Umgangsweisen mit alkoholischen Getränken studieren. In der Sowjetunion beschränkte sich ein paar Jahre lang deren Verkauf auf wenige Geschäfte und kurze Tageszeiten. Das war, als Michail Gorbatschow versuchte, das Volk zu erziehen. Nie wurden mir so häufig und in solchen Mengen Wodka, Cognac und Sekt angeboten wie in dem Dreivierteljahr, als ich dort lebte.

In Frankreich dagegen gibt es mittags bereits Wein zum Essen, aber niemand taumelt nachmittags durch die Straßen. Diejenigen, die mit dieser kulturellen Besonderheit aufgewachsen sind, wissen sich zu beherrschen. Sie trinken eben nur ein Glas. Das ist Tradition, keine Erziehung.

In Großbritannien gab es jahrzehntelang eine Sperrstunde um 23 Uhr, die zwar 2005 aufgehoben, aber von den meisten Pubs beibehalten wurde. Vor allem freitags konnte man in den Kneipenvierteln schon früh am Abend hochalkoholisierte Menschen aus den Türen der Lokale purzeln sehen. Getreu dem Motto: Wer schneller trinkt, ist früher blau. Die neue coronabedingte Sperrstunde auf den Inseln beginnt seit Ende September schon um 22 Uhr.

Wenn in Berlin nun die Bürgersteige eine Stunde vor Mitternacht hochgeklappt werden, arbeiten die Kollegen Herbst und Winter mit an der Erziehung der Bürger und treiben sie früher nach Hause. Denn dass Alkohol wärmt, ist ein Trugschluss. Cornelia Geißler

Hoch die Tassen

Mein Gott, wie ich die Kneipe vermisse. Man trinkt ein, zwei und noch mehr Bier, verweilt in munterer Runde. Ganz unkompliziert und meist am schon klebrigen Holztisch, in der Luft schwebt blauer Zigarettendunst, es ist stickig. Nach Glas zwei wird die Stimmung ausgelassener, ich lache (noch) lauter und irgendwann nach Mitternacht taumelt man nach Hause. Der von mir so geschätzte Kneipenbesuch, ob der mal wieder entspannt und ungezwungen und frei sein wird?

Es ist doch so: Geselliges Trinken macht das Leben ein Stückchen lebenswerter. Der Trick dabei ist, sich nicht bis zum schmerzhaften Vollrausch zu betanken, sondern mit Köpfchen zu picheln. Es ist die hohe Kunst der angenehmen Trunkenheit, sich dem abzeichnenden Höhepunkt zu nähern, möglichst lange dort zu verharren, ohne die gefährliche Grenze zu überschreiten und ins eigene Delirium zu verfallen. Aber auch wohlproportioniertes Trinken ist eine Leistung, die man nur lernen kann, wenn man ein paar Mal über die Stränge geschlagen hat.

Wunderbar, wie gezieltes Trinken auch aus stillen Mitmenschen unterhaltsame Schwätzer machen kann. Aus vormals unbekannten Kneipenbekanntschaften werden neue Verbündete. Trinken kann unsere sonst so zerstrittene Gesellschaft auch ein bisschen einen, am Tresen ist man sich immer ein bisschen näher. Selbst bei Einhaltung aller Abstandsregeln. Der gepflegte Rausch muss deshalb gefeiert werden, denn auch nach 23 Uhr löst er noch innere Heiterkeit aus. Besonders in diesen Tagen eine absolute Notwendigkeit! Maxi Beigang

Nicht der Alkoholiker ist krank, sondern die Gesellschaft, in der er lebt!

Alkohol ist die Schlimmste aller Drogen. Ich weiß, keine besonders populäre Meinung. Aber eine belegte: Sein Schadenspotenzial liegt über dem von Heroin, Kokain und anderer harter Drogen. Das Risiko, abhängig zu werden, ist beim Alkohol viel höher als etwa bei Halluzinogenen, Cannabis, Narkotika. Über ein Viertel aller Gewaltdelikte in Deutschland werden unter Alkoholeinfluss verübt. Und dies sind nur registrierte Fälle. Nicht die alltägliche Gewalt in den Familien als Folge des Saufens.

Der Grund ist, natürlich, seine gesellschaftliche Akzeptanz. Alkohol ist das Gleitgel des Sozialen. Gerade in Deutschland ist er von Abendessen, Empfängen und Eröffnungen nur schwer wegzudenken. Wer je versucht hat, Alkohol mal einen Monat, ein Jahr oder gar länger wegzulassen, wird das kennen: Nicht jeder reagiert darauf mit Akzeptanz. Der einzige wirklich triftige Grund, nicht zu trinken – so lautet die gängige Vorstellung –, ist ein Alkoholproblem.

Es ist ein perfides Spiel: Denn „echten“ Alkoholikern wird die vermeintliche Akzeptiertheit des Trinkens im Zweifelsfall dann blitzschnell entzogen. Das zeigte der Journalist Daniel Schreiber in seiner messerscharfen Analyse „Nüchtern“. Er erinnert dort auch an Susan Sontag, die schon in ihrem Essay „Krankheit als Metapher“ den Gedanken entwickelte, dass Gesellschaften bei schlecht erforschten Krankheiten dazu tendieren, die Ursachen in den Betroffenen zu suchen. Anders gesagt: Sie können ihren Durst nicht stillen? Scheitern am Alkohol? Selber schuld!

Man könnte diese extrem verkürzte Denkweise aber auch umdrehen, frei nach Rosa von Praunheim: „Nicht der Alkoholiker ist krank, sondern die Gesellschaft, in der er lebt!“ Dass eine pandemiebedingte Sperrstunde dieses Problem löst, ist unwahrscheinlich. Vielleicht könnte sie zumindest als Stein des Anstoßes dienen, unser heuchlerisches Verhältnis zum Alkohol zu überdenken. Hanno Hauenstein

Erst kommt der Alkohol, dann die Moral

Die deutsche Behördensprache behält, während die Corona-Panik hitzewallend um sich greift, ihre bundesrepublikanische Contenance. Als suggerierten uns die bürokratischen Begriffe des Senats und die Amtssprache der Bundesregierung nüchtern (und an drohende Alkoholverbote gemahnend) einen Alltag, der vom Ausnahmezustand unberührt bleibt. Hurra, die Welt ist noch in Ordnung! Ein Beispiel gefällig?  „Bußgeldkatalog zur Ahndung von Verstößen gegen die SARS-CoV-2-Infektionsschutzverordnung in Berlin“ – klingt wie ein Gedicht aus Niklas Luhmanns Notizen, nach alter Normalität. Aber auch „Ausschankverbot“ oder „Berherbungsverbot“ vermitteln nicht nur teutonische Spaßbefreitheit, sondern eine Sprachhygiene, die aus einer verkrusteten, aber immerhin berechenbaren Nachkriegszeit stammen könnte.

Nur der Regierende Bürgermeister Michael Müller grätscht ungewohnt wirsch dazwischen und sagt über junge Alkoholtrinker die polemischen, wenig staatstragenden Worte: „Wenn jemand glaubt, sein Lebensglück liege darin, sich nachts um drei auf der Straße besaufen zu können, und wenn er nicht begreift, dass er damit sich und andere gefährdet, dann muss man mit aller Klarheit dagegen vorgehen, und das werden wir auch tun.“

Diese Generalabrechnung verunglimpft nicht nur die Berliner Jugend, sondern auch den Alkohol an sich, der uns in den härtesten Pandemie-Tagen das Leben erträglicher gemacht hat. Ich als alter Katholik zucke da zusammen. Denn nicht nur der Alkohol wird in Schieflage gebracht (in vino veritas!), auch anderen christlichen Werten droht der Imageschaden. Das nächste Beispiel wäre das „Beherbergungsverbot“. Man muss wissen: Die Herberge ist ein biblischer Begriff, der für das Ausüben christlicher Nächstenliebe alternativlos ist (man denke nur an Maria und Josef). Wir sollten den Akt des Beherbergens also nicht unter Strafe stellen. Wie heißt es noch gleich im Alten Testament? „Bleibet fest in der brüderlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergesset nicht; denn durch dasselbige haben etliche ohne ihr Wissen Engel beherberget.“ Gilt auch in Zeiten der Pandemie. Tomasz Kurianowicz