Israelischer Autor Etgar Keret: „Putin ist problematisch, aber er ist nicht wie Hitler“

Der Bestseller-Autor Etgar Keret, Kind von Holocaust-Überlebenden, beklagt die allgegenwärtige aggressive Rhetorik. Für Berlin hat er Geschichten geschrieben.

Etgar Keret im Jüdischen Museum mit seiner Ausstellung „Inside Out“
Etgar Keret im Jüdischen Museum mit seiner Ausstellung „Inside Out“Sabine Gudath/Berliner Zeitung

Er kommt nicht, hieß es noch vergangene Woche im Jüdischen Museum. Aber dann ist der israelische Drehbuchschreiber und Bestsellerautor Etgar Keret Anfang der Woche doch in Berlin. Trotz der Probleme mit dem Rücken. Ob wir das Interview in Form einer psychoanalytischen Sitzung führen könnten, fragt er. Er müsse sich nämlich hinlegen. Und so streckt sich der israelische Schriftsteller Etgar Keret auf dem Boden im Museum aus, die Autorin hockt sich neben ihn, während um uns herum Menschen Monitore aufhängen, Ausstellungsgegenstände arrangieren.

Vom 21. Oktober an zeigt das Jüdische Museum Berlin die Ausstellung „Inside Out – Etgar Keret“. Ausgehend von Erinnerungen an seine 1934 in Polen zur Welt gekommene Mutter, eine Überlebende des Holocaust, hat der 1967 in Israel geborene Etgar Keret neun Kurzgeschichten für das Berliner Museum verfasst, die nun hier präsentiert werden. Es sind Geschichten zum Mitnehmen, gedruckt auf verschiedenfarbene Seiten, es sind Horrorgeschichten, und sie sind wahr. Eine der schlimmsten hat den trügerischen Titel „Gutenachtgeschichte“.

Sie handelt von seinem Großvater, der zusammen mit seiner kleinen Tochter, Kerets Mutter, das Warschauer Ghetto verlässt, um Brot zu kaufen. Das war verboten, und unglücklicherweise wurden sie draußen von einem Denunzianten erkannt, der den Großvater beim Kragen packte und anfing zu schreien: „Juden, Juden.“ Sie schienen verloren. „Er blickte zu meiner Mutter hin und blinzelte ihr zu, um sie zu beruhigen“, schreibt Etgar Keret. Dann packte der hochgewachsene blonde Großvater den Denunzianten und schrie seinerseits, er habe einen Juden erwischt. Die Menschen stürzten sich schließlich auf den Denunzianten, warfen ihn zu Boden, traten ihn, bis er tot war.

Etgar Keret erzählt vom Horror ohne Pathos

Ja, seine Mutter habe ihm die Geschichte wirklich vor dem Einschlafen erzählt, sagt Etgar Keret. „Aber sie hatte den Zweck, mir zu erklären, wie cool ihr Vater war. Es war eine erhebende Geschichte. Der Punkt ist nicht, dass neben meiner Mutter jemand totgeschlagen wurde, als sie noch ein Kind war. Der Punkt für sie war, dass mein Vater ihr zuzwinkerte, als er in Lebensgefahr war. Dass er selbst dann noch an sie dachte. Es war eine Geschichte über Liebe, über Vertrauen. Das Furchtbare darin wurde ganz sachlich erzählt. Wie etwas, das man kaum wahrnimmt. Es war eben so.“ Aus der Sammlung des Jüdischen Museums hat Etgar Keret ein 1945 in Israel herausgegebenes Märchenbuch ausgewählt, das die Geschichte ergänzt. Aufgeschlagen ist das Märchen vom Rotkäppchen, auf der Illustration sieht man das kleine Mädchen und neben ihm den übergroßen Wolf.

Von dieser unfassbaren Beiläufigkeit ist auch „Der erste Engel“. Hier erzählt Etgar Keret, wie seine Großmutter und deren Baby, der kleine Bruder der Mutter, vor deren Augen von den Nazis ermordet werden. Da war seine Mutter sieben oder acht. Es ist eine Geschichte, die ihm seine Mutter nur ein einziges Mal erzählt hat, da war sie betrunken von einer Hochzeit gekommen. Er hat sie all die Jahre in sich getragen hat, nicht mal seiner Frau hat er sie erzählt. Hier in Berlin kann man sie jetzt lesen. Zu dieser Geschichte gibt es kein Objekt. Fenster und Wand sind schwarz gestrichen, eine weiße Feder hebt sich vom dunklen Grund ab.

Auch Kerets Großvater hat die Nazizeit nicht überlebt. Die Erinnerungen an die Vorfahren sind teilweise unvorstellbar blass. „Als wir mit meiner Mutter nach Polen gefahren sind, sie war damals 80, konnte sie mir nicht mal sagen, was der Beruf ihres Vaters gewesen war.“ Er selbst habe Mühe, sich auf die Namen der Großeltern zu besinnen.

Zusammenspiel von Literatur und Objekten

Es ist ein Experiment, das das Jüdische Museum zusammen mit dem Schriftsteller unternimmt. Das Zusammenspiel von Literatur und Objekten sowie künstlerischen Installationen öffnet einen Raum für Gedanken, Gefühle. Da liegt ein Rasierer in einer Vitrine, den Herbert und Elise Simon dem Museum geschenkt haben, er befand sich im Emigrationsgepäck nach Chile. In der Geschichte dazu erklärt Etgar Kerets Mutter ihrem Sohn, warum sie ihm immer mit dem Handrücken das Gesicht streichelt und nicht mit der Handfläche wie die anderen Mütter: Im Waisenhaus, in das sie kam, als der Krieg zu Ende war, hatte sie in der Handinnenfläche eine Rasierklinge verborgen. „Weil es dort Menschen gab, die keine guten Dinge mit ihr anstellen wollten.“

Liest man die Geschichten, hat man den Eindruck, dass die Erinnerung an den Holocaust in der Familie Keret überaus wichtig ist. Aber Etgar Keret verneint das. Seine Eltern hätten sich nie als Holocaust-Überlebende dargestellt, sagt er. „Es machte nicht ihre Identität aus.“ Vielleicht kann ihr Sohn deshalb den Schrecken so ganz ohne Pathos beschreiben. Den Eltern habe sogar missfallen, wie die Erinnerung an die Shoah in Israel ausgebeutet worden sei. Er erzählt von einem Fernsehsketch, den er auf ihre Aufforderung hin geschrieben habe, nachdem ein israelischer Politiker, sich über die Kritik Deutschlands an Israels Politik in den besetzten Gebieten beklagte: Wie ausgerechnet Deutschland es wagen könne! – Seine Mutter sei aufgebracht gewesen: „Meine Eltern sind nicht gestorben, damit ein zweitklassiger Politiker das Töten von Zivilisten rechtfertigt, indem er das Blut meiner Eltern benutzt. Dafür ist der Holocaust nicht da.“

Jetzt zieht Etgar Keret sein Handy aus der Tasche und sucht den kurzen Film. Es geht darin um einen israelischen Läufer, der bei einem Sportwettbewerb in Deutschland an den Start geht. Die israelische Delegation wendet sich an den Schiedsrichter, sie klären ihn darüber auf, dass der Läufer das Kind von Holocaust-Überlebenden sei, die nun zum ersten Mal wieder deutschen Boden betreten hätten und fragen ihn, ob er nicht einen Vorsprung haben könne. Er sei recht langsam. Der Deutsche lehnt ab. „Haben Sie nicht Schindlers Liste gesehen, haben Sie nichts aus der Vergangenheit gelernt“, bestürmen sie ihn. Einer hält sich sogar die Pistole, aus der der Startschuss kommen soll, unters Kinn und sagt: „Hier, beenden Sie Ihre Arbeit.“ Der Schiedsrichter gibt schließlich nach, die beiden umarmen ihn, nennen ihn einen Freund Israels. – Die Autorin lacht Tränen. Doch Etgar Keret erzählt von der Kritik, die ihm angesichts des kurzen Films entgegengeschlagen sei: Er sei ein Jude, der sich selbst hasse, sein Sketch gehöre abgesetzt, er gehöre in den Stürmer. „Und meine Eltern, die eigentlich rechts waren, waren so stolz.“

Manche Lehrer in Israel weigern sich, Keret mit ihren Schülern zu lesen

Etgar Keret ist Kritik gewohnt. Eine seiner Geschichten, sie wurde Schulstoff, handelt von den Adidas-Schuhen, die ihm seine Eltern einst schenkten. Dabei sei er als Kind oft darüber belehrt worden, man dürfe keine deutschen Produkte kaufen, denn sie seien aus den Knochen und der Haut von Juden gemacht. Er habe das damals wörtlich genommen, deshalb sei er sicher gewesen, die Schuhe bestünden aus der Haut seines Großvaters. „Mit meinem Großvater habe ich nie sprechen können, aber ich habe mit den Schuhen gesprochen.“ Manche Lehrer hätten sich geweigert, diese Geschichte mit ihren Schülern zu lesen, da sie sie für respektlos hielten.

Etgar Keret im Jüdischen Museum mit seiner Ausstellung „Inside Out“.
Etgar Keret im Jüdischen Museum mit seiner Ausstellung „Inside Out“.Sabine Gudath

Apropos Boykott, wie er zu der BDS-Bewegung steht? „Ich bin gegen einen aggressiv verhängten Boykott“, sagt er. „Aber wenn ich in den Supermarkt gehe, kaufe ich im Allgemeinen keine Produkte aus den besetzten Gebieten. So wie ich auch keine Produkte von Colgate kaufe, weil sie Experimente mit Kaninchen durchführen.“ Aber er versuche, niemandem seine Haltung aufzuzwingen. So wie er nie jemandem gesagt hat, er solle Vegetarier werden. „Manche nennen mich deshalb einen Feigling oder faul. Wir leben heute in einer Welt, in der man seine Wahrheit anderen aufzwingen muss.“ Ein Beispiel dafür ist für ihn auch der Umgang mit Impfgegnern. Es habe in Israel Fernsehmoderatoren gegeben, denen man ihren Vertrag gekündigt hat, weil sie sich nicht impfen ließen. „Dieser Mangel an Toleranz ist die große Krankheit unserer Zeit. Es lässt sich alles auf zwei Knöpfe reduzieren: like und dislike. Aber wo kann man sagen: Ich mag es, aber nur ein bisschen?“

Etgar Keret ist nicht zum ersten Mal in Berlin. Zusammen mit seiner Familie hat er gerade erst ein paar Monate hier verbracht, von Juli 2021 bis Februar 2022. Für seinen Sohn sei das in der Corona-Zeit eine Herausforderung gewesen, eine neue Schule, eine neue Sprache. Er habe ein paar Freunde hier, die Stadt sei bezahlbarer als London oder Paris. Etgar Keret erzählt, er habe sich in der Zeit vor allem auf Friedhöfen herumgetrieben. „In Israel sehen die Friedhöfe aus wie billige, eng bebaute Viertel. In Berlin gibt bei den Friedhöfen sogar Cafés. Und Eichhörnchen“, sagt er schwärmerisch. Es ist ihm ein bisschen peinlich, aber Eichhörnchen faszinieren ihn. „Ich habe ihnen von meinem geliebten Kaninchen erzählt, das ich in Israel zurücklassen musste.“

Nicht nur Israel, die ganze Welt nehme keine gute Entwicklung, sagt Keret

Ganz nach Berlin zu ziehen, wie es gerade linksliberale Israelis tun, denen er sich zurechnet, kommt für ihn nicht infrage. „Ich lebe seit 30 Jahren in derselben Wohnung in Tel Aviv, ich mag meine Nachbarn.“

Natürlich sei er nicht zufrieden mit Israels Politik. „Aber meine Eltern haben mir immer gesagt, dass der Vorteil an Israel sei, dass man sich gegen das, was einen stört, zur Wehr setzen könne.“ Anderswo heiße es schnell: Du kannst ja dahin zurück, wo du herkommst. Das Problem sei ja nicht Israel, die Welt insgesamt nehme keine gute Entwicklung, auch wenn Israel hier vielleicht die Speerspitze sei. „Israel zu verlassen, das wäre wie auf der Titanic nach einem besseren Zimmer zu fragen.“

Um das Wesen dieser Entwicklung zu beschreiben, erzählt Etgar Keret von seiner Kindheit. „Wenn ich als Kind Fußball gespielt habe, haben uns manchmal andere Kinder den Fußball weggenommen und dann haben wir darum gebettelt, ihn wiederzubekommen. Manchmal haben sie aber auch mit einem Nagel in den Fußball gestochen und ihn kaputt gemacht. Dann haben wir einen anderen Ton angeschlagen: Ihr kriegt Probleme, mein Bruder wird euch die Knochen brechen. – Und heute leben wir in der Welt des zerstochenen Fußballs.“ Egal, welche Position jemand einnehme, die Rhetorik sei über das ganze Spektrum hinweg aggressiv. Ein Beispiel?

„Der Krieg in der Ukraine ist ein sensibles Thema in Israel. Ich weiß von meiner Mutter, dass die Ukrainer während des Zweiten Weltkriegs mit den Nazis kollaboriert haben, und sie vor den Ukrainern mehr Angst hatte als vor den Deutschen. Gleichzeitig haben mir meine Eltern beigebracht, Menschen in Not zu helfen, und nicht zu fragen, was ihre Großeltern gemacht haben. Ich habe also Decken gespendet und so etwas.“ Dann sei er zu einer Konferenz in Bologna eingeladen gewesen. „Dort hieß es die ganze Zeit, Putin sei wie Hitler. Und ich habe gesagt: Hört auf damit. Putin ist problematisch, aber er ist nicht wie Hitler.“ Sie hätten auch eine große Konferenz zum 100. Geburtstag von Dostojewski abgesagt, um zu zeigen, wie sehr das italienische Volk die Ukrainer unterstützt. „Und in derselben Woche haben sie einem russischen Pudel die Goldmedaille abgenommen, die er bei einem Pudelwettbewerb gewonnen hat.“ Es ist nicht länger nur die israelische Gegenwart, die Etgar Keret sich mit seinem skurrilen Humor vom Leib hält.

Etgar Keret beklagt die kleiner werdende Freiheit der Kunst

Humor, Respektlosigkeit, Ironie und Ambivalenz sind nicht nur die Grundlage für seine Literatur, er schützt sich selbst damit, seine öffentliche Person als prominenter linksliberaler Israeli, dem oft genug vorgeworfen wird, ein Verräter zu sein. Er beklagt den Schwund der Fähigkeit zum Dialog, zur Ambivalenz. „Die Aktivisten von heute versuchten nicht, die Welt zu verbessern, sondern sich an Leuten zu rächen, die sie an den Punkt gebracht haben, an dem wir uns heute befinden“, sagt er. Er erzählt von einer Sendung, die er kürzlich im israelischen Fernsehen gesehen hat. Eine Art Rededuell zwischen einem Vegetarier, wie Etgar Keret selbst einer ist, seit er im Alter von fünf Jahren „Bambi“ gesehen hat, und einem Steak-Fan. Nach drei Minuten habe der Vegetarier angefangen, den anderen zu verprügeln. „Im Namen des Mitgefühls!“ Auch die Freiheit des Künstlers werde kleiner. „Heute wird Kunst nicht nur von den Faschisten, sondern auch von Linksliberalen als etwas behandelt, mit dem man seine Ideen befördern kann. Ansonsten gilt Kunst als nutzlos. Deshalb kann man Tomatensaft auf ein Van-Gogh-Gemälde kippen. Als die Taliban die Buddhastatuen von Bamiyan zerstört haben, haben wir uns aufgeregt, jetzt heißt es, die guten Mädchen sorgen sich so sehr um den Zustand der Erde.“

Seine Mutter habe gern Wagner gehört. „Es gibt Kunst, und es gibt Menschen“, habe sie ihm gesagt. „Wenn jemand ein Arschloch ist, dann verdrisch ihn. Seine Kunst hat nichts damit zu tun.“ Etgar Keret sagt: Nur die Nazis, die Stalinisten, Inquisitoren und Hexenjäger seien der Auffassung, dass man Kunst kontrollieren und für seine Zwecke einsetzen muss.

„Würde es einen Ort  geben, an dem man ambivalent kommunizieren kann, würde ich dorthin emigrieren. Aber den gibt es nicht, also bleibe ich in Israel. Israel ist genauso am Arsch wie alle anderen Orte.“