Berlin - Muss das sein? MeToo aus der Perspektive eines Täters? Mary Gaitskill jedenfalls nimmt sie kapitelweise ein in ihrer Erzählung „Das ist Lust“. Ausgangspunkt der Geschichte sind Vorwürfe sexualisierter Übergriffe, denen sich der Verlagschef Quin von ehemaligen Angestellten ausgesetzt sieht – doch im Kern geht es um seine Freundschaft zu der ebenfalls im Literaturbetrieb beschäftigten Margot, und was die Übergriffigkeit des Freundes in ihr auslöst. Man darf vermuten, dass die Autorin darin eine persönliche Angelegenheit verarbeitet – dass sie für die Figur des Quin einen echten Freund zum Vorbild nahm, ist bekannt.

Die 1955 geborene, in New York lebende Gaitskill gilt als Autorin, die mit den tradierten Perspektiven auf Erotik, Macht und Beziehungen spielt. In „Das ist Lust“ beschreibt sie aus den wechselnden Ich-Perspektiven „M.“ und „Q.“ Ereignisse, die sich rund um deren Freundschaft und Quins „seltsames“ Verhältnis zu Frauen bewegen. Und verharrt dabei doch in überkommenen Rollen.

Quin ist der personifizierte Sexismus

Quin ist ein erfolgreicher Typ, aus wohlhabender Familie, Angehöriger einer Generation von Männern, die bis vor wenigen Jahren nicht befürchten musste, infrage gestellt zu werden. Seine berufliche Position nutzt er bedenkenlos aus, gibt sich als Charmeur und scheint selbst daran zu glauben, ein Wohltäter zu sein – egal, ob er jungen Assistentinnen zu besseren Stellen verhilft oder einer „alternden Schönheit“ hohle Avancen macht. Als Leserin mit feministischer Perspektive schaudert es beim Begleiten dieses Charakters.

Margot mag ihn, weil er ihr half, als ihr Selbstwert sich im Keller befand. Sie begann ihm zu vertrauen, nachdem – bereits hier wird es abscheulich – er die „Stärke und Klarheit“ ihres Neins lobte, mit der sie ihn zurückwies, als er ihr beim ersten gemeinsamen Abendessen unvermittelt an die Vulva griff. Im Rückblick erinnert sich Margot mit Zweifeln an diesen Auftakt ihrer Freundschaft, und auch gegenüber seinen vielen Beziehungen zu Frauen empfindet sie Unbehagen. Trotzdem bleibt sie Quin gegenüber loyal. Ihre Wut und ihre gleichzeitige Verbundenheit ist die Spannungslinie, die Gaitskill erkunden möchte.

MeToo braucht keine Apologetik

Ihre Strategie: Mit nüchternem Blick in beide Gedankenwelten will sie Verständnis für die Ambivalenz erzeugen, die sie offenbar gegenüber der MeToo-Debatte, aber auch ihrer persönlichen Geschichte empfindet. Indem sie beide Figuren geradeheraus denken lässt, will sie Grauzonen der Moral nachzeichnen, Empathie hervorrufen für die sich vermeintlich gegenüberliegenden Positionen. Doch das geht nicht auf.

„Sie hat es nicht unbedingt genossen, hat aber bereitwillig mitgemacht, sie hat mein Begehren verstanden.“ Wenn die Autorin Quin solche und ähnliche Sätze sagen lässt, wird deutlich, was er ist: der personifizierte strukturelle Sexismus. Sein Blick auf die Welt folgt seiner Egomanie, er erinnert sich ausschließlich an jene Merkmale von Frauen, die er sexuell aufladen kann. Er zwingt niemanden zum Sex, doch im Zentrum seines Handelns steht immer seine Deutung von „genau bis zur Grenze des Akzeptablen zu gehen und sie nicht zu überschreiten“; niemals die Frage, wo für sein Gegenüber die Grenze des Akzeptablen liegt. Er bleibt bar jeder Fähigkeit zur Selbstbetrachtung. Der Entwurf seiner Person erregt Brechreiz. Und Margot? Ist wütend und blendet doch aus, hält fest, tritt auf der Stelle. Frustrierend.

Provoziert die Autorin mit Absicht? Ist Gaitskills Buch ein Versuch, das, was „strukturell“ heißt und deshalb schwammig klingt, greifbarer zu machen? Im besten Fall. Wahrscheinlicher ist, dass sie damit verwischt, wofür MeToo eigentlich kämpft und dazu noch ein System entschuldigt, das einen Umsturz braucht – und keine Apologetik.

Mary Gaitskill: Das ist Lust. Aus dem Englischen von Daniel Schreiber. Blumenbar, Aufbau Verlag, Berlin 2021, 113 Seiten. 18 Euro.