Berlin - Der Antirassismus-Aktivist Stephan Anpalagan musste schlucken, als er einen Kommentar im Tagesspiegel über das angebliche Geschäftsmodell von Antirassisten las. Die Autorin des Textes, Fatina Keilani, regte sich darüber auf, dass Menschen mit Migrationshintergrund weißen Menschen immerzu vorschreiben würden, was sie dürfen und nicht dürfen (etwa als weiße Menschen schwarze Personen in Hollywoodfilmen spielen). Und damit auch noch Geld verdienen! Der polemische Titel des Textes: „Wenn Weißsein zum Makel gemacht wird“. 

Die Autorin wurde in der Polemik geradezu persönlich und schrieb, dass sich die Verfechter der politischen Korrektheit aus der Rassismus-Kritik ein Geschäftsmodell geschustert hätten, sei es als Buchautorin, Journalist oder Talkshow-Dauergast. Die Pointe: „Denkt man sich das Thema Rassismus weg, etwa in der Annahme, dass diese Menschen hauptberuflich einem Tagesgeschäft nachgehen, dann bleibt nichts übrig. Es ist ihr Tagesgeschäft – das Anprangern ihrer Benachteiligung, das gezielte Suchen nach Belegen für allgegenwärtigen Rassismus, und wenn es nur so ist, dass jemand etwas zu ihren Haaren gesagt hat.“

Rechter Terror in Deutschland ist das wahre Problem

Der essayistische Hammerwurf traf seine Ziele. Viele Aktivisten fühlten sich beleidigt und von der Polemik verletzt. In dem Text nannte die Tagesspiegel-Autorin zwar keine Namen, deutete aber einige Persönlichkeiten an, die in der Öffentlichkeit stehen und sich gegen Rassismus engagieren – etwa die Aktivisten Jasmina Kuhnke oder Stephan Anpalagan. Anpalagan ist deutscher Journalist mit sri-lankischem Migrationshintergrund. Er tritt manchmal in Talkshows auf, arbeitet aber vor allem als Unternehmensberater. Sein Geschäftsmodell ist, vorsichtig formuliert, divers.

Stephan Anpalagan sah sich aufgefordert, mit einer wütenden Gegenrede zu reagieren, die er am Montag auf Facebook veröffentlicht hat. Darin heißt es: „Hätte ich jede Minute, die ich mit antirassistischer Arbeit verbracht habe, in eine Tätigkeit als Unternehmensberater investiert, hätte ich mein monatliches Einkommen verdreifacht. Das allermeiste, was ich an antirassistischer Arbeit leiste, mache ich ehrenamtlich.“ 

Auch Jasmina Kuhnke, die in dem Text als „twitternde Vierfachmutter“ angesprochen wird, reagierte empört. In ihrem Schreiben, das der Blog Volksverpetzer veröffentlicht hat, verunglimpft die Aktivistin den Tagesspiegel-Kommentar als „unterkomplexe Verknüpfung von Boshaftigkeiten, ohne Kenntnis antirassistischer Arbeit und rassismuskritischer Ideen“. Jasmina Kuhnke spricht aus, was sich viele Antirassisten denken: dass man durch antifaschistische Arbeit in Deutschland kein Vermögen verdient, sondern vor allem zur Zielscheibe des rechten Terrors wird.

Dem rechten Mob ist die Aufmerksamkeit gewiss

Der Gedanke ist richtig. Vielmehr noch: Jeder, der im öffentlichen Leben steht, weiß, dass nicht antirassistische Essays und Meinungsbeiträge für große Aufmerksamkeit, Klickzahlen und – folglich – Werbeeinnahmen sorgen, sondern im Gegenteil: Wer von rechts polemisiert, darf sich der großen Aufmerksamkeit des Internets und der schweigenden Mehrheit gewiss sein. Daher sollte es nicht unbedingt überraschen, dass die Tagesspiegel-Polemik viral ging – wie im Übrigen viele Texte zuvor und danach auch, die sich den Imperativ des „Man-wird-ja-wohl-noch-sagen-Dürfen“ auf die Fahnen schreiben.

Die Antirassisten mögen in den vergangenen Jahren an diskursiver Macht hinzugewonnen haben. Sie organisieren sich in Verbänden, wirken auf die öffentlich-rechtlichen Medien ein, haben eine Stimme in den sozialen Netzwerken und in der organisierten Politik. Doch der Alltag – er sieht anders aus. Viele, die sich wie Stephan Anpalagan öffentlich gegen Nationalismus und Fremdenhass engagieren, erleben Hatespeech und Drohungen im Internet und auch auf der Straße. Aktivisten und kritische Künstler wie der Pianist Igor Levit erfahren Entsetzliches, wenn sie ihre Postfächer öffnen: Sie sind gefüllt mit Morddrohungen vom rechten Mob. Wer behauptet, dass Antirassismus ein Geschäftsfeld ist, der vergisst, welche Risiken ein Mensch eingeht, wenn er gegen den rechten Spießer in Deutschland kämpft.

Wer von Maulkörben spricht, bekommt Applaus

Im Kern ist Deutschland zwar ein demokratisch organisiertes, aber sicherlich kein durch und durch antirassistisches Land. In weiten Teilen ist Deutschland homogen und, ja – bei aller Liebe für die Verfassung –, auch fremdenfeindlich. Die Problematisierung der Globalisierung und ihrer Folgen ist das Fundament wachsender rechter Rhetorik im Netz. Deren aktueller Höhenflug sollte nicht verwundern: Menschen, die sich lange Zeit als weiße Mitte der Gesellschaft begriffen haben, sehen dem Wandel erschrocken zu und erkennen in den stärker werdenden Minderheiten jene Macht, die den Wandel vorantreibt: der Ausländer, der Migrant, die Frau von anderswo.

So ist zu erklären, dass der Tagesspiegel-Text große virale Wirkung entfalten konnte. Er holt eine unzufriedene Masse ab, die sich insgeheim von der migrantischen Realität in diesem Land angegriffen fühlt. Jeder Publizist weiß, dass man lediglich die niedersten Reflexe dieser Masse bedienen muss, um Aufmerksamkeit zu erreichen. Überspitzt formuliert: Wer das N*-Wort benutzt, wer von Maulkörben spricht, wer sich über Gutmenschen lustig macht, wer von Tugendterror, Ökodiktatur, den Drangsalierungen der politischen Korrektheit spricht, darf sich sicher sein: Ihm ist die Aufmerksamkeit gewiss. Und ja, auch das Geld!