Asa Butterfield und Emma Mackey in der Netflix-Serie „Sex Education“.
Foto: Jon Hall/Netflix

BerlinDie Britin Ita O’Brien hat einen ungewöhnlichen Beruf: Sie arbeitet als Intimitätscoach beim Film und wird von großen Produktionsfirmen wie Netflix gebucht. Sie hat Serien wie „Normal People“, „Sex Education“ oder „Gentleman Jack“ betreut. Ihr Job ist es, darauf zu achten, dass sich Schauspielerinnen und Schauspieler bei intimen Szenen am Set wohlfühlen. Ihre Arbeit gilt als richtungsweisend nach der #Metoo-Debatte, um sexuelle Übergriffe im Film zu unterbinden. Sie hat einen Guide veröffentlicht, an den sich Produktionsfirmen beim Dreh von Intimszenen halten können. Wir erreichen Ita O’Brien über Zoom in London.

Liebe Frau O’Brien, Sie haben die Firma „Intimacy on Sex“ gegründet und werden von Produktionsfirmen gebucht, um Schauspielerinnen und Schauspieler bei Sexszenen zu betreuen. Wie fühlen sich denn Schauspielerinnen ohne Intimitätscoach?

Die Schauspielerinnen, die ich kenne, sagen mir, dass die Arbeit mit Regisseuren oft sehr schwierig ist. Manchmal fühlen sie sich belästigt, manchmal irritiert, manchmal sogar missbraucht. Viele machen schlechte Erfahrungen.

Der Intimitätscoach Ita O’Brien.
Foto: NIcholas Dawkes

Also folgen Schauspielerinnen den Anweisungen eines Regisseurs bedingungslos, weil sie glauben, dass das zum Schauspielberuf dazugehört?

Ja, genau. Noch vor der #Metoo-Bewegung gab es keine Struktur in der Filmindustrie, um Schauspielerinnen vor Übergriffen zu schützen. Die Regisseure haben bei Sexszenen oft gesagt: „Macht es so, wie ich will! Und basta.“ Das Problem ist, dass sich viele Schauspielerinnen bei solchen Anweisungen nicht frei entfalten können. Sie wissen nicht, wie sie den Partner berühren sollen, was okay ist und was nicht. Sie können weder sie selbst sein noch wirklich das darstellen, was der Regisseur will. So entstehen Situationen voller Anspannung. Deswegen kämpfe ich dafür, dass es eine professionelle Struktur gibt, um erotische Inhalte im Film richtig zu inszenieren.

Was denken Sie: Hat die Art und Weise, wie Sex in Hollywood-Filmen gezeigt wird, einen schlechten Einfluss auf die Zuschauer?

Ganz bestimmt. Was wir sehen, beeinflusst unser Verständnis von dem, was wir als normal empfinden. Man denke mal an den berühmten Hollywood-Kuss. Wie viele Generationen hat er geprägt! Hollywood prägt unser Verständnis von Erotik. Oder denken Sie an die Porno-Industrie! Viele Jugendliche können heutzutage sehr einfach auf Pornofilme zugreifen. Auch das prägt natürlich die Vorstellungen von Sex. Porno-Inhalte klammern aber die Beziehungen zwischen Sex und Emotionen, Sex und Liebe, Sex und Leidenschaft aus. Und genau diese Beziehungen führen ja im wirklichen Leben zum Sex. Deswegen finde ich es paradox, dass Gefühle, Blicke, intime Momente in vielen Filmen einfach ausgelassen werden.

Sie haben ja die Produktion der BBC-Serie „Normal People“ begleitet, eine Serienverfilmung der Romanvorlage von Sally Rooney. Viele sagen, dass die Serie nicht nur eine sehr intime Liebesbeziehung zeigt, sondern auch sehr sexy ist – gerade wegen der Intimität.

Das freut mich zu hören. Wie Sally Rooney über sexuelle Inhalte spricht, finde ich toll. Sie versteht Intimität. Deswegen passt ihr Stoff so gut zu meiner Arbeit. Ich war selbst mal Schauspielerin. Ich weiß also, wie sich das anfühlt, wenn man sich am Set unsicher fühlt. Deswegen habe ich eine Guideline entwickelt, die Regisseure dabei helfen soll, was sie am Set beachten müssen. Es geht darum, dass sich Schauspielerinnen bei einer Sexszene sicher fühlen und voll konzentrieren können. Also konzentrieren auf Fragen wie: „Wen spiele ich da?“, „Was ist das für ein Charakter?“, „Was will der Charakter?“, „Was ist die Sehnsucht?“, „Wo sitzt sie im Körper?“ und „Wer ist mein Gegenpart?“. Es geht um das Storytelling, um die Dialoge – und dann erst um den Sex.

Eine Szene aus der Fernsehserie „Normal People“.
Foto: Element Pictures/Enda Bowe

Ist Intimität also immer ein Resultat des Storytellings?

Ja. Wenn man Sex ohne die Geschichte dahinter zeigt, entsteht keine Kunst. Es gibt eine Produktion, die Adult Material heißt, die ich betreut habe. In der Serie geht es um die Porno-Industrie. Da gibt es verschiedene sehr verstörende Szenen, die eigentlich die Praxis der Porno-Industrie kritisieren wollen. Wie macht man das also, dass man verstörende Szenen zeigt, ohne die Schauspieler zu verstören? Die Arbeit daran war sehr heraufordernd. Am Ende ging es aber darum, eine gute Geschichte zu erzählen. Die Schauspielerinnen wussten das. Und genau dieses Wissen änderte die Perspektive auf das, was sie spielen. Man erkennt den Sinn hinter dem Ganzen und kann sich besser auf die Szenen einstellen.

Nach #Metoo gab es eine Diskussion darüber, was ein Regisseur darf und was nicht. Die Filmindustrie war ja der Ausgangspunkt der Debatte. Glauben Sie, dass Intimitätscoachs einen Wendepunkt markieren?

Ich denke, ja. In der Filmindustrie findet ein Umdenken statt. Ich bin da optimistisch. Die Industrie hat verstanden, dass sie mit verstörenden Sexszenen die Psyche, die Gefühlswelt der Schauspieler traumatisieren kann. Man muss bei jeder Sexszene die Risiken bewerten, bevor man sie dreht. Auch Nacktheit muss man abwägen.

Würden Ihre Guidelines auch im Theater funktionieren?

Auf jeden Fall! Ich fände es gut, wenn man sich als Theatercrew eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn träfe und mit einer Vertrauensperson über die bevorstehende Performance reden würde. Wie oft passiert es, dass ein Schauspieler einer Schauspielerin auf der Bühne bei einer Kussszene die Zunge in den Mund schiebt? Hinterher heißt es dann: „Ah, meine Emotionen sind mit mir durchgegangen.“ So etwas sollte es nicht geben. Mit einem Intimitätscoach würde man Grenzen klar abstecken und gemeinsame Erwartungen formulieren. Wer darf wen wie anfassen? Wann ist Nacktheit okay? Meine Erfahrung ist: Die Schauspieler können sich freier ausleben, wenn sie sich sicher fühlen.

Gibt es Momente, wenn Sie im Kino sitzen und Sexszenen sehen, bei denen Sie erkennen, dass diese Szenen mit Intimitätscoach gedreht worden sind?

Ja, auf jeden Fall. Haben Sie die Serie „Perry Mason“ gesehen? Da gibt es tolle Szenen. Da habe ich eine Freiheit gespürt, bei der ich sofort ahnte: „Da war ein Intimitätscoach dabei.“ Anschließend habe ich im Internet nachgesehen. Und tatsächlich! Ich hatte recht.

Haben Sie auch ein Negativbeispiel für schlechte Sexszenen im Film?

Oh, es gibt da so viele! „Blue Is the Warmest Color“ war so ein Beispiel. Der Film an sich ist gut, aber die Sexszenen? Nein.

Haben Sie je einen Lars-von-Trier-Film gesehen?

Nein.

Lars von Trier ist ein Freund von realistischen Szenen im Film. Er spielt mit extremen Einstellungen vor der Kamera.

Nur so viel: Ich denke nicht, dass jemand sich missbraucht fühlen muss, um eine missbrauchte Person zu spielen. Das ist keine Kunst. Das ist Gewalt.

Serien, die Sie betreuen, wie „Sex Education“, „Normal People“ und „I May Destroy You“ zeigen nicht nur intime Sexszenen, sondern auch Dinge aus dem Intimbereich, die man im Kino selten sieht – wie etwa Menstruation. Gibt es da immer noch viele Tabus?

Absolut! Das muss man sich mal vorstellen: 50 Prozent der Menschheit muss sich mit Menstruationen konfrontieren und trotzdem ist es nie ein Teil von Geschichten gewesen. Ich bin sehr stolz, dass mit diesem blöden Tabu in der Serie „I May Destroy You“ gebrochen wird. Es müsste etwas Normales sein. Menstruation gehört zur Menschheit, zum Kinderkriegen dazu. Warum sollte man es nicht zeigen?

Intimität heißt in vielen Fällen ja auch schlechter Sex. Der wird in den Serien, die Sie betreuen, ebenfalls oft gezeigt.

Absolut! Wie oft haben wir in unserem Leben schlechten Sex? Meistens! Öfter als guten jedenfalls.

Wie furchtbar!

Aber die Wahrheit! Oft ist der Sex nicht so, wie wir ihn uns vorgestellt haben. Es passiert sehr selten, dass man wirklich eine Verbindung findet. Das ist im Kino oft kein Thema. Aber das ändert sich. Sex ist so oft von Missverständnissen geprägt, von Überforderung, von dem Gefühl, nicht genau zu wissen, was man da tut. Das müsste öfter im Kino gezeigt werden – also die ganze Wahrheit.

Das Gespräch führte Tomasz Kurianowicz.