Europäischer Wolf canis lupus.
Foto: imago images/imagebroker

Lupo heißt Wolf auf Italienisch. Lupo ist aber auch ein Vorname. Der Junge, der ihn in dem Roman „Ein Tag wird kommen“ trägt, findet eines Tages am Rande seines Dorfes einen jungen Wolf mit verletzter Pfote. Wölfe sind die Feinde der Bauern, doch der Bäckerssohn Lupo bleibt einfach stehen und guckt, wie das Tier „fliehen wollte und nicht konnte“. Dann nähert er sich dem Wolf wie in einem Tanz. „Schritt. Knurren. Pause. Schritt. Knurren. Pause.“ Noch zwei Mal geht es so, bis Lupo das Tier überlistet hat, er wird die Pfote versorgen und einen echten Freund bekommen. Er gibt ihm den Namen Cane, also Hund, wie die in Jahrhunderten gezähmte Variante des Wolfs.

Es gibt solche Hoffnung stiftenden Szenen in dem Buch. Die Autorin Giulia Caminito, 1988 in Rom geboren, überdeckt damit zuweilen die Ängste und Verzweiflung. Es ist ihr in Italien hoch gelobter zweiter Roman, der erste ins Deutsche übertragene. Der Junge Lupo scheint schon mit der Kraft zum Aufbegehren auf die Welt gekommen zu sein, an der Schwelle zum 20. Jahrhundert. In der Auseinandersetzung mit seinem brutalen Vater behält er die Nerven. Ihn stärken sein Instinkt für Gerechtigkeit, die Liebe zu seinem schwächlichen Bruder Nicola und die Nähe zu seinem Wolf.

Der Roman spielt in einer selbst für italienische Verhältnisse von vor hundert Jahren sehr armen Region. Im Zentrum steht einerseits eine Familie, die zerrüttet ist durch Krankheiten und den unglücklichen Todesfall des fügsamen ältesten Sohns. Sie hat sich durch mehr als allein die Gottesfurcht an die katholische Kirche gebunden. Ein parallel erzählter Handlungsstrang ist in einem Nonnenkloster oben auf dem Berg angesiedelt, nicht weit vom Dorf entfernt. Erst nach und nach wird deutlich, wie stark er mit der Familiengeschichte verbunden ist.

Die Autorin charakterisiert ihre Figuren mit einer bildhaften Sprache, die in der Übersetzung von Barbara Kleiner ungewöhnlich klingt, aber doch die Vorstellung befördert: Bei Lupo war jede Geste „wie eine reife Frucht, die plötzlich an einer Pflanze hing, seine Präsenz eine Waffe“. Nicola dagegen fand seine Hände „falsch und mangelhaft, er hasste sie, wie man Eindringlinge hasst“. Und während Nicola beim Pfarrer in die Schule geht, um für beide zu lernen, verdient Lupo auf den Feldern das Geld dafür. Bildung scheint nicht nur ihnen beiden die einzige Möglichkeit zu sein, eine Veränderung herbeizuführen. Auch Nella liest, so oft sie kann, „nichts anderem widmete sie ihre Aufmerksamkeit, Buchstaben lagen ihr stumm auf der Zunge“. Doch sie ist eine Frau. Sie steckt im Kloster fest, weil sie 14-jährig schwanger wurde.

Der erwachsene Lupo will wie einst sein Wolf aus seinem Dorf fliehen, das armselige Leben verlassen. Er kann nicht, weil er an seinem Bruder hängt. Giulia Caminito zeigt mit deren enger Bindung zugleich die Lieblosigkeit der Eltern, die scheitern mussten, weil sie sich einer Lüge verkauft hatten.

Die Figuren nutzen ihren winzigen Handlungsspielraum in einer Gesellschaft, die vor einem Umbruch steht. Das Königreich Italien erlebte in den Städten zwar einen wirtschaftlichen Aufschwung durch die Industrie, doch hatte die Arbeiterschaft kaum Rechte. Auf dem Land kam zu den schlechten Lebensbedingungen der Bauern, die zu hohen Abgaben verpflichtet waren, noch die Unbildung hinzu. In den Marken, an der mittelitalienischen Ostküste, wo der Roman angesiedelt ist, sammelte sich die anarchistische Bewegung. Von dieser Region ging 1914 ein landesweiter Generalstreik aus. Dann kam der Erste Weltkrieg.

Die Autorin Giulia Caminito, 1988 in Rom geboren.
Foto: Wagenbach Verlag

Der Urgroßvater der Autorin war selbst Anarchist, in einem knappen Nachwort schildert sie, wie sie vor Ort recherchierte, ihr Personal jedoch erfand. „Ich möchte die Leserinnen und Leser also dazu ermuntern, nicht alles zu glauben und von diesen Seiten keine verlässliche historische Zeugenschaft zu erwarten.“ Tatsächlich werden die Verhältnisse zu jener Zeit in Italien zwar einigermaßen verständlich mit diesem Buch, doch macht das nicht dessen eigentliche Qualität aus. Es sind die eindrücklichen Figuren, ihre Lebendigkeit und ihre virtuos verflochtenen Beziehungen, die ein großes Leseerlebnis bewirken.

Und auch die Aktualität: Als schließlich die Spanische Grippe diesen Landstrich erreicht, „war der Geruch nach Desinfektionsmitteln faulig geworden“ und „in den Zeitungen wurde empfohlen, Händedruck und Küsse zu vermeiden“. Diese Zeilen klingen heute vertraut. Das Buch erschien im Original allerdings schon im Februar 2019, als mit Corona noch ein harmloses Sternbild benannt wurde.

Giulia Caminito: Ein Tag wird kommen. Roman. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2020. 270 S., 23 Euro.